Konzertsaal Ravello

Musik mit Meerblick

Entwurf von Oskar Niemeyer für die neue Konzerthalle in Ravello

Der brasilianische Stararchitekt Oskar Niemeyer hat in Ravello einen Konzertsaal gebaut. Ende Januar wird er eröffnet.

Wenn im März das bis Sommerende dauernde Ravello-Arts-Festival beginnt, eines der aktivsten und an Veranstaltungen reichsten Festivals Italiens, brauchen die Konzerte nicht mehr unter freiem Himmel oder in Kirchen und Hotels stattzufinden. Oskar Niemeyer, eine der wichtigsten Architekturlegenden des 20. Jahrhunderts, hat für den kleinen Ort an der Amalfiküste eine Konzerthalle entworfen. Ein Neubau, der schon vor seiner endgültigen Fertigstellung und Einweihung Ende Januar Architekturexperten und -liebhaber aus aller Welt anlockt.
Niemeyer hat nicht viele Bauten für Europa entworfen. Der Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur, der unter anderem die brasilianische Hauptstadt Brasilia schuf, fasziniert durch seine futuristischen und ungemein plastischen Entwürfe. Das gilt auch für Ravello. Der 1907 geborene Architekt wurde schon vor Jahren mit dem Projekt eines Auditoriums für Ravello beauftragt. Ein Konzertsaal für rund 500 Zuhörer.

Niemeyers Entwurf von 2000 ist auf den ersten Blick simpel. Eine Art Stahlbetonwelle, die auf der Seite der Sitzplätze, die wie in einem Amphietheater übereinander angebracht sind – und sich damit dem vorgegebenen Terrain anpassen, das zum Meer hin abfällt –  doppelt so breit ist wie auf der Bühnenseite. Die Bühnenseite wurde Richtung Meer errichtet und verfügt über ein großes Sichtfenster zur Natur. Das Draußen wird somit Teil des Drinnen. Natur und Musik finden zusammen. Das Foyer des Auditoriums lehnt sich, ohne irgendwelche unästhetischen Stützpfeiler, über den abschüssigen Baugrund hinaus – und bietet somit einen atemberaubenden Blick auf die Küste.
Die Realisierung des neuen Niemeyer-Meisterwerks dauerte fast zehn Jahre.  Nicht nur wegen der byzantinisch-langsamen Bürokratie Süditaliens, sondern auch weil es nicht nur Zustimmung gab und heftigste Polemiken auslöste, was den Baubeginn immer wieder hinauszögerte. Einer der entschiedensten Gegner des Projekts war und ist die italienische Naturschutzorganisation Italia Nostra.
"Hier braucht man doch nur mal seinen Kopf zum Denken anzustrengen, um einzusehen, dass dieser Neubau eine Vergewaltigung dieser zauberhaften Landschaft ist", mein Gianfranco Amendola von Italia Nostra. "Ich verstehe nicht, wie die Behörden eine Erlaubnis zum Bau des Auditoriums geben konnten! Schauen Sie sich diesen Betonfrevel doch nur an".

Der "Betonfrevel" passt sich, aller Kritik zum Trotz, perfekt in die Landschaft ein. Niemeyers klar strukturiertes Gebäude, das primär nur aus einer Betonwelle besteht, wirkt minimalistisch klar und übersichtlich. In einer Landschaft, die in den letzten 50 Jahren von zahllosen illegal errichteten und hässlichen Wohnhäusern verschandelt wurde, erscheint das Auditorium des Festivals wie ein architektonischer Lichtblick.
Und: In einem Land, in dem die Ausgaben für Kultur drastisch beschnitten werden, stellen die zirka 15 Millionen Euro für das Auditorium eine mutige Investition in eine als allgemein unsicher empfundene Zukunft dar.

Das Ravello-Festival zieht jedes Jahr tausende von Gästen aus ganz Italien an, und verzeichnet sogar ein Einnahmenplus, selten für italienische Festivals. Zum kulturellen kommt auch der wirtschaftliche Aspekt, der gerade für das sozial und ökonomisch benachteiligte Süditalien von enormer Wichtigkeit ist: Das Festival schafft Arbeitsplätze: als Festival selbst mit seinen zahlreichen Veranstaltungen aber auch im Hotel- und Gaststättengewerbe. Dass so ein Ort nun auch über ein Kunstwerk von Oskar Niemeyer verfügt ist ein weiterer Anziehungspunkt, um Ravello einen Besuch abzustatten.
Thomas Migge

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