Kontinent Scelsi

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Im Innern der Klänge

Diese Grafik würde ein besseres Bild von ihm vermitteln als ein Foto meinte Giacinto Scelsi

Der Konzertzyklus „Kontinent Scelsi“ bei den Salzburger Festspielen öffnete Klangräume
(Salzburg, August 2007) Diese Musik ist von verblüffender Einfachheit und doch schwer zu fassen in ihrer beständigen Veränderung. Einem lebendigen Organismus gleich bleibt sie, obwohl sie in ständiger Bewegung ist, im Kern dieselbe.
„Hymnos“ für Orgel und zwei Orchester nannte Giacinto Scelsi ein Stück aus dem Jahr 1963, in dem er von einem Ton D ausgehend einen wahren Klangkosmos entstehen lässt. Nicht mit Themen und motivischen Strukturen arbeitet Scelsi hier, sondern mit Klangfarbenwirkungen durch Instrumentation, dynamische Akzentuierungen, mikrotonale Abweichungen, Tremoli, Glissandi, Vibrato, Oktavierungen und dergleichen mehr.
Es wundert nicht, dass Giacinto Scelsi sich selbst nicht als Komponist (von componere=zusammenfügen) bezeichnen wollte. Seine Musik hebt sich gewissermaßen über das Artefaktische hinweg, sie erscheint weniger als etwas „Gemachtes“, als vielmehr als etwas, das sich ereignet. Mitunter hat man als Hörer den Eindruck, sie entstehe gewissermaßen aus sich selbst heraus.
Der 1905 in La Spezia geborene und 1988 gestorbene Italiener Giacinto Scelsi war einer der ersten Komponisten nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Erforschung des singulären Klangs, die Arbeit mit klanglichen Einzelphänomenen interessierte und der damit wegweisend für die Neue Musik im 20. und 21. Jahrhundert wurde. „Die Musik kann nicht ohne den Klang existieren, aber der Klang existiert sehr wohl ohne die Musik. Also scheint es, dass der Klang wichtiger sei. Damit können wir beginnen“, formulierte Scelsi sein musikalisches Credo 1953.
Nicht weniger als sieben Orchesterwerke führte der Komponist und Dirigent Jürg Wyttenbach zum Auftakt des achteiligen Konzertzyklus „Kontinent Scelsi“ zusammen mit der fantastisch präparierten Basel Sinfonietta, dem hervorragenden Vokalensemble les jeunes solistes und dem Kammerchor Salzburg auf. Allesamt Werke, die eine ganz eigene Aura von Spiritualität und Konzentration verbreiten, faszinierend rätselhaft wirken in ihrer Mischung aus Einfachheit und Komplexität. Manche Titels Scelsis, der sich sehr stark zu fernöstlicher Religion hingezogen fühlte, beziehen sich konkret auf fernöstliches Gedankengut, wie etwa „Aion“ mit dem Untertitel „vier Episoden eines Tages von Brahma“ für sechs Schlagzeuger Pauke und Orchester oder „Konx-om-pax“ – „Drei Erscheinungsweisen des Klangs: als erste Bewegung des Unbewegten; als schöpferische Kraft; als Silbe „om“, die die unpersönliche Wahrheit deutet“ für Chor und Orchester. So gesehen war Scelsi fraglos der Esoteriker unter den Neutönern.
Die Salzburger Kollegienkirche, die der neue Leiter des Konzertprogramms bei den Salzburger Festspielen Markus Hinterhäuser bereits für sein „Zeitfluss-Festival“ gern und häufig frequentiert hat, bildete einen idealen Klangraum für diese Art sphärischer Raumklänge. Zumal mit einigem Raffinement und Aufwand akustische Veränderungen in dem Kirchenraum vorgenommen wurden, die den Klang direkt und klar, dabei aber räumlich wirken lassen.
Wie stark diese Art Musik mit ihrer transzendenten Intellektualität auf die Zuhörer wirkte, konnte man nicht nur an dem enormen Applaus ablesen, sondern auch daran, dass die Besucher nach dem Konzert noch eine ganze Weile auf dem Platz vor der Kirche beieinander standen, um ihre Eindrücke zu sortieren.
Nicht nur Werke des Komponisten-Sonderlings Scelsi waren Bestandteil der Konzertreihe, sondern auch Stücke, die mit Scelsis Werk in Zusammenhang stehen, wie etwa „Scend for Scelsi“ für Kammerensemble und Altsaxophon des im vergangenen Jahr gestorbenen Amerikaner James Tenney. Auch Tenney war wenn man so will mehr Klangtüftler als Komponist, einer, der sich praktisch und theoretisch intensiv mit dem Phänomen Klang auseinandergesetzt hat. In „Send for Scelsi“ aus dem Jahr 1996, gespielt vom Frankfurter Ensemble Modern, heben sich solistische Melodiefragmente des Saxophons aus einem dichten Gewebe an irisierenden Orchesterklängen heraus. Konzentration und Reduktion bestimmen auch hier die das musikalische Geschehen. Auch auf György Ligeti oder den Österreicher Georg Friedrich Haas wirkten und wirken Scelsis Werke inspirierend. In ihren Werken geht es häufig um das Phänomen des Klangs und seine Auffächerung bzw. Transformation via Klangfarbe und mikrotonale Veränderungen.
Was Scelsi mehr oder minder intuitiv erdacht und ersonnen hat – bekanntermaßen wurden seine Stücke nicht von ihm selbst, sondern von eigens dafür beschäftigten Musikern aufgeschrieben – das Bewusstsein und die Arbeit mit ausdifferenzierten Klängen, wenn man so will mit dem Innenleben von Klängen, das nahmen die französischen Spekralisten Gérard Grisey und Tristan Murail ihrerseits auf wissenschaftliche Weise unter die Lupe und zum Ausgangspunkt ihrer Kompositionen. Murail bezeichnete Scelsi explizit als einen Vorfahren der Spektralisten. Dabei sind auch deren Stücke keinesfalls blutleere Konstruktionen. Vielmehr wird in ihnen nicht selten jene spirituelle Kraft spürbar, die den Stücken Scelsis zu eigen ist.
Eine direkte Gegenüberstellung von Werken aller drei Komponisten brachte dies deutlich zur Anhörung. Dem weit ausschwingenden Gesang des Poème lyrique à Vénus „Anahit“ von Scelsi aus dem Jahr 1965 für Violine Solo und 18 Instrumentalisten standen Griseys beeindruckende „Quatre Chants pour franchir le Seuil“ (Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten) für Sopran und 15 Instrumentalisten gegenüber, das letzte Werk Griseys, der 1998 mit 52 Jahren in Paris gestorben ist. Es sind dies Lieder mit ungemein differenzierter instrumentaler Begleitung, jedes für sich vermag ganz eigene klanglich-spritituelle Räume zu öffnen. Tristan Murails „Désintégrations“ für 17 Instrumente und Tonband dagegen ist das Ergebnis eines faszinierenden Experiments, in dem Murail die Möglichkeiten der De- und Rekomposition von Obertonspektren von Computer- und Instrumentalklängen austestete. Das Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomarico sowie die Solisten Gunde Jäch-Micko (Violine) und Dorothee Mields (Sopran) verlebendigte beide Stücke und auch die Giacinto Scelsis mit einer beeindruckenden Mischung aus Akribie und Fähigkeit zur Versenkung und Transzendenz. So wurde dieser Konzertzyklus, zu dem noch Konzerte mit dem Ensemble Dissonanzen, dem Gitarristen Marc Ribot, dem trio recherche sowie Improvisationen von Stefano Scodanibbio, Michael Kiedaisch und Mike Svoboda hinzu kamen, zu einem, vielleicht sogar zu dem musikalischen Höhepunkt der diesjährigen Salzburger Festspiele. Eine fantastische Schule des Hörens und eine Klanginsel im Meer des Gewöhnlichen.
Robert Jungwirth

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