Klarinettist Andreas Ottensamer in Köln

Schwebend

Andreas Ottensamer und die Amsterdam Sinfonietta zu Gast in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. April 20128) Noch keine dreißig Jahre ist Andreas Ottensamer alt und hat als Solo-Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern doch schon eine Spitzenstellung inne (seit 2011). Sein Werdegang begann allerdings bei den Wiener Philharmonikern, wo auch Vater Ernst und Bruder Daniel engagiert waren/sind. Neben seiner Orchestertätigkeit verfolgt Andreas Ottensamer intensiv eine solistische Karriere und leitet weiterhin zusammen mit dem Pianisten José Gallardo das „Bürgenstock Festival“ in der Schweiz. Mit einem der schönsten Klarinettenkonzerte, dem von Wolfgang Amadeus Mozart, war er nun zu Gast in der Kölner Philharmonie, begleitet von der Amsterdam Sinfonietta, welche von der Konzertmeisterin Candida Thompson angeführt wurde.

Eine der letzten Aufführungen von KV 622 vor Ort wurde, wenn die Erinnerung nicht täuscht, von Sabine Meyer bestritten (mit dem Gürzenich-Orchester). Sie präsentierte, wie jetzt auch Andreas Ottensamer, die Originalgestalt des Werkes, also mit Bassettklarinette (nicht zu verwechseln mit dem Bassetthorn), welche bei ungeschmälerter Höhenqualität über einen erweiterten Tiefenbereich verfügt, welcher klangfarblich aparte Akzente setzt.

Der Interpretationsstil von Andreas Ottensamer, wie man ihn in Köln erlebte, war ein dezidiert lyrischer. Mit einem leicht rabiaten Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt hätte er möglicherweise nicht reibungslos harmoniert. Aber die Amsterdam Sinfonietta hatte ihrerseits den Abend mit dem Lento religioso aus Erich Wolfgang Korngolds „Symphonischer Serenade“ balsamisch begonnen, offerierte Klänge von seidigem Glanz, ohne auf Frische des Ausdrucks und temperamentvolle Artikulation zu verzichten. Bei Mozart war es für den Klangkörper dann ein Leichtes, auf Ottensamers feingetöntes, sanftes Spiel zu reagieren, welches eine geradezu magische Wirkung ausübte. Die Töne wirkten eminent leichtfüßig, man glaubte sie förmlich als Federn durch die Luft schweben zu sehen.

Nun verblüfft aber auch immer wieder und auf fast schon beklemmende Weise, welche Beseligung das Konzert aus Mozarts letztem Lebensjahr ausstrahlt, ähnlich wie das „Requiem“ oder das „Ave verum“. Den Adagio-Mittelsatz des Konzertes könnte man fast als ein musikalisches Gebet empfinden. Wie gut, dass die Zuhörer das Rondo-Allegro wieder auf die Erde zurückholte.

Kontraste ähnlicher Art prägten das gesamte Programm, wobei sie innerhalb von Leó Weiners „Két Tétel“ („Zwei Sätze“) aus dem vorletzten Lebensjahr des Komponisten (1959) besonders krass wirkten, wie es bei ungarischen Verbunkos (traditioneller ungarischer Tanz- und Musikstil) ja häufig der Fall ist. Der erste Satz („Der traurige Hirt“) bietet melancholische Musik, was einen Bogen zum Konzertbeginn mit Korngolds Lento religioso schlug. Diesen Satz aus der Serenade könnte man übrigens mit dem Adagietto Gustav Mahlers in Beziehung setzen; Korngolds Musik gibt sich allerdings noch stärker verschattet, mit sogar leicht depressiven Untertönen. Die 1947 in den USA entstandene Serenade ist eine der vergeblichen Versuche des Komponisten, sein (für sich genommen erfolgreiches) Hollywood-Image abzustreifen. Die verlässliche Verankerung der „Toten Stadt“ auch im neuzeitlichen Opernspielplan oder vor kurzem der Berliner Erfolg von „Das Wunder der Heliane“ lassen allerdings an künftige Schritte einer Rehabilitation glauben.

Heitere Nachpausen-Intermezzi waren die Ungarischen Tänze 7 und 21 von Johannes Brahms, für Klarinette und Streichorchester arrangiert zum einen von Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern und häufiger Kammermusikpartner von Andreas Ottensamer, zum anderen von Goran Frost. Zuvoriger Schwerpunkt war das Streichquintett opus 111 in orchestraler Ausführung.

Mitunter nehmen Bearbeitungen und Uminstrumentierungen bekannter Werke kuriose Züge an, aber eine Streichqintett-Besetzung ist schon per se auf Klangerweiterung angelegt, da kann man eine nochmalige Steigerung wie bei der Amsterdam Sinfonietta als durchaus logisch empfinden. Im übrigen demonstrierten die Musiker – vor allem im Adagio – ihre Fähigkeit zu kammermusikalischer Zurückgenommenheit.

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