Kit Armstrong

Konzertkritik: Kit Armstrong

Tosend

Kit Armstrong Foto: Gesine Born

Kit Armstrong mit dem Szymanowski Quartet zu Gast in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 26. Dezember 2014) Das Jahr 2014 bot manchen Grund zu Erinnerungen; auf musikalischem Gebiet war dies in persona vor allem Richard Strauss. Der Blick auf ihn fiel freilich nicht nur positiv aus, gibt es doch die (unterschiedlich gewerteten) politischen Verstrickungen mit einem verbrecherischen Regime, welches u.a. den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust verschuldete. Genau ein Jahrhundert zurückliegend, stand nunmehr der Beginn des Ersten Weltkriegs zum Gedenken an. Schon ein Liederabend von Anna Prohaska in der Kölner Philharmonie am 19. November, an dieser Stelle rezensiert, nahm auf ihn engagiert Bezug. Gleichfalls auf dieses Ereignis ausgerichtet war am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Konzert mit dem Pianisten Kit Armstrong und dem Szymanowski Quartet.

So weitläufig und eindeutig wie der Liederabend konnten die nunmehr präsentierten Werke das Thema freilich nicht angehen. Bach-Choräle mögen in deutschen Schützengräben neben Weihnachtsliedern vielleicht gesungen worden sein, dem Zuhörer erschloss sich bei den diversen Bearbeitungen die programmatische Anspielung freilich erst durch das Lesen des Programmheftes. Auch das „Agnus Dei – Dona nobis pacem“ aus einer Messe William Byrds vom Ende des 16. Jahrhunderts konnte im Grunde nur Andeutung sein.

Das Gleiche gilt für das erste Streichquartett von Karol Szymanowski (dem Namenspatron des in Köln debütierenden Ensembles) wie auch für Edward Elgars Klavierquintett opus 84 – beide Werke sind in den letzten Kriegsjahren entstanden. Stimmiger wäre es gewesen, auf den bei einer Schlacht in Galizien gefallenen Rudi Stephan oder den Franzosen Albéric Magnard zurückzugreifen, welcher den Tod fand, als er sich gegen einen deutschen Spähtrupp zur Wehr setzte. Aber die kammermusikalische Besetzung der Philharmonie-Veranstaltung begrenzte die Werkauswahl natürlich.

Die verschiedenen Bach-Bearbeitungen gaben neben einigen Solo-Titeln aus den Choral-Vorspielen op. 122 von Johannes Brahms beispielsweise gute Gelegenheit, das subtile und ausgesprochen zugewandte Zusammenspiel des jungen Pianisten und des polnischen Quartetts zu demonstrieren. Kit Armstrong (22), ein Alfred-Brendel-Protégé, zeigte bei „Suicide in an Airplane“, einem dissonant tosenden Werk von Leon Ornstein, zunächst einmal die Pranken. Mit seinem radikal perkussiven Werk thematisiere der amerikanische Komponist mit ukrainischen Wurzeln den heftig crescendierenden technischen Fortschrittsglauben seiner Zeit, welcher Auswirkungen auch auf den Ersten Weltkrieg hatte. Erstaunlich maskuline Kraftentfaltung prägte auch Kit Armstrongs Mitwirkung beim Elgar-Quintett. Fast noch stärker beeindruckte seine klare lyrische Formulierung im Adagio-Mittelsatz, ähnlich wie bei den Bach-Piècen.

Während das Werk des Engländers spätromantisch rauschend daher kommt, irrlichtert die Musik des jungen Szymanowski zwar noch harmonisch orientiert, aber doch schon grenzsprengend. Beeindruckende Musik. Das Quartett aus Polen bestach durch vibrierendes Spiel, der Cellist fiel überdies durch intensiven Blickkontakt zu seinen Mitspielern auf. Die rief beeindruckende Widergabe des Quintetts wurde durch die Zugabe leider unterminiert: Bachs Arie „Schlafe, mein Liebster“ aus dem „Weihnachtsoratorium“ als anämisches Kurkonzert.

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