Kirill Petrenko dirigiert Wiener Philharmoniker

Präzision und Expression

Kirill Petrenko und die Wiener Philharmoniker begeistern im Goldenen Saal mit Rudi, Strauss und Brahms

Von Christian Gohlke

(Wien, 9. Dezember 2018) Seitdem bekannt ist, dass Kirill Petrenko die Leitung der Berliner Philharmoniker übernehmen wird, werden seine Auftritte vom Publikum wie von der Kritik besonders aufmerksam verfolgt und zumeist einhellig gefeiert. So war es nach dem Konzert, das Petrenko mit den Berlinern im vergangenen Sommer in Salzburg gab, so war es bei der jüngsten Premiere an der Bayerischen Staatsoper, die vor allem dank Petrenko zu einer musikalischen Sternstunde geriet, und so ist es auch jetzt im Goldenen Saal des Musikverein, in dem der scheue Maestro das 3. Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker geleitet hat.

Das Orchester, das gerade von einer wochenlangen Tournee durch Japan zurückgekommen ist und außer dem Repertoire-Alltag an der Staatsoper in diesen Tagen auch noch die Uraufführung der „Weiden“ von Johannes Maria Staud bestreitet, klingt an diesem stürmischen Morgen so agil und frisch, so präzise und klangschön als sei es just aus der Sommerfrische zurück. Petrenko weiß seine Musiker zu befeuern.
Dabei standen keineswegs nur gängige Konzert-Klassiker auf dem Programm. Rudi Stephans 1913 in Leipzig uraufgeführte „Musik für Orchester in einem Satz“ war noch überhaupt nie in einem Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker zu hören gewesen. Heute ist der 1887 in Worms geborene und 1915 gestorbene Komponist so gut wie vergessen, gehört er doch zu den vielen Künstlern, deren Leben allzu früh im Krieg zu Ende ging. Sein künstlerischer Durchbruch, der ihm mit eben jener „Musik für Orchester“ gelungen war, hatte darum kaum noch Folgen für ihn. Früh hat Stephan sich für den Zauber der Klangfarben begeistert und mit synästhetischen Wirkungen experimentiert. Geschickt nutzt er in seinem Werk die Möglichkeiten eines spätromantischen Riesenorchesters.

Als „allzu gesättigt mit falschem Glanz“ kennzeichnete Adorno schmallippig seine Musik, die, obwohl ausdrücklich nicht als Programmmusik konzipiert, heute in ihrem von Petrenko wunderbar aufgefächerten Farbenreichtum, ihrer klanglichen Üppigkeit und dynamischen Breite vielleicht ein wenig an frühe Filmmusik erinnert und den Vergleich mit den frühen Kompositionen von Richard Strauss nicht scheuen muss. Wer weiß, was aus Rudi Stephan und all den anderen Kriegsopfern geworden wäre, hätten sie nur mehr Zeit zum Leben und Schaffen gehabt.
Die „Metamorphosen“, in denen Richard Strauss‘ Erschütterung über die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges nachklingen, folgten als zweites Musikstück durchaus stimmig. Die dreiundzwanzig vorzüglichen Streicher entfalteten mit typisch wienerischem Charme einen fein gewobenen Teppich, in dem gleichsam als roter Faden das anfangs nur angedeutete, später in den Bässen klar intonierte Trauermarsch-Motiv aus Beethovens „Eroica“ aufscheint. Bei aller romantischen Expressivität des Spiels verlor Petrenko die Formstrenge der „Metamorphosen“, ihre klare Struktur, ihre motivische Arbeit, niemals aus den Augen, so dass zu Brahms‘ vierter Symphonie, die im zweiten Teil des Konzertes folgte, ein gleich doppelter Bezug hergestellt wurde: Wehmut und Resignation kennzeichnen als Grundstimmung beide sich durch formale Strenge auszeichnende Kompositionen.

Petrenko gelang auf eindrucksvolle Weise das Kunststück, die Arbeit am musikalischen Detail fast durchweg in den Dienst des Ausdrucks zu stellen. Langsam und zaghaft, tastend und behutsam gestaltete sich der Einstieg in den Kopfsatz, in dem die Nebenstimmen gelegentlich vielleicht allzu klar akzentuiert in den Vordergrund traten, wodurch der Satz zwar ungemein plastisch wirkte, aber ein wenig an symphonischer Geschlossenheit verlor. Berückend schön gelang das Andante mit dem kraftvollen Einsatz des Horns, den dunkel glühenden, klangsinnlichen Holzbläsern über dem Streicher-Pizzikato und der sich in weitem Bogen aussingenden Melodielinie der Geigen.
Überraschende Akzente, funkelnde Details bei einem forschen, fast grimmen Ton bot Petrenko im Allegro giocoso, das in dieser Interpretation wirklich eine spielerische Komponente offenbarte. Schließlich begeisterte hinreißender Schwung im abschließenden Variationen-Allegro, aus dem das Flöten-Solo, gespielt von Walter Auer, aufstieg wie ein taumelnder Schmetterling im Abendlicht. Die großartigen Wiener Philharmoniker spielten unter Petrenkos Leitung mit ganzer, geradezu körperlich spürbarer Hingabe. Präzision und Expression gingen dabei Hand in Hand. Dafür gab’s im Musikverein heftigen und langanhaltenden Beifall.

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