King Arthur

Utopie von Liebe und Frieden

Camille Schnoor (Cupido), Tobias Greenhalgh (Cold Genius), Ensemble Foto: Marie-Laure Briane

Am Münchner Gärtnerplatztheater erfährt „King Arthur“ von Henry Purcell eine überzeugend gegenwärtige Interpretation
Von Laszlo Molnar
(München, 8. Dezember 2016) Der Zauber wirkt also noch. Auch nach Jahrhunderten zieht die Musik von Henry Purcell ihre Zuhörer an. Bei der Premiere von „King Arthur“ des Münchner Theaters am Gärtnerplatz in der Reithalle waren alle Plätze besetzt, Hoffnungsvolle hielten noch vor Beginn die „Suche-Karte“-Schilder hoch. Am Ende enthusiastischer Beifall. Mehr und mehr wird klar, dass der nur 36 Jahre alt gewordene Purcell im 17. Jahrhundert Musik geschrieben hat, die, ähnlich wie die von Mozart, auch heute verfängt. Und sich zudem mit Themen befasst hat, die auch auf den Opernbühnen der Gegenwart  verhandelt werden können. Die Münchner Produktion, sie beweist es.
Für ein Stück wie „King Arthur“ muss man sich heutzutage tatsächlich etwas einfallen lassen. Denn Purcell hat nicht eine komplette Oper geschrieben. Seine Musik ist Teil eines theatralischen Gesamtwerks, zu dem das Schauspiel gehörte. Und zwar in größerem Umfang als die Musik, denn im Schauspiel fand die Haupthandlung statt. Speziell für Purcells Werk hat sich der Begriff der „Semi-Opera“ eingebürgert; nicht in dem Sinn, dass es sich nur um eine „Art“ Oper handelt oder nur um eine „halbe“. Er soll sagen, dass zu diesem Theatererlebnis noch etwas anderes, das Schauspiel eben, gehört. Die Oper ist vorhanden, aber nur als eine Hälfte des Ganzen. In England meinte man – im Gegensatz zu Frankreich mit seinen abendfüllenden Opern -, dass die Opernmusik das Sinnliche, das Schauspiel aber das den Geist Anregende liefern sollte.
Das Sinnliche lieferte Purcell exzellent. Wie man in der Reithalle von Chor  und Orchester des Gärtnerplatztheaters – und den zahlreichen Solisten – unter der Leitung seines noch amtierenden Musikdirektors Marco Comin zu hören bekam, inspirieren Purcells Einfälle unverändert zu lustvollem Spiel und leidenschaftlichem Singen. Wunderbar schwingende Rhythmik und raffinierte Harmonik fesseln und betören die Zuhörer und tragen unwiderstehlich durch ein Stück, dessen Handlung für das heutige Theaterpublikum nur noch angedeutet werden kann.
Regisseur und Arrangeur Torsten Fischer nutzte die Schauspiel-Räume zwischen den Musiken, um dort Utopien von einem Leben in Frieden zu entwickeln. Durch den Hang des Menschen zu Neid, Eifersucht und Krieg werden sie zerstört. Freunde werden zu Feinden. Junge, schöne Menschen müssen dafür sterben (We have sacrificed). Sie werden entführt und als Geiseln gehalten. Von vermeintlichen Verheißungen des Heils werden sie in die Irre geleitet (Hither this way). Am Ende steht eine Utopie von Liebe und Frieden unter dem Schutz von Venus (Fairest Isle).
Zusammen mit dem Choreographen Karl Alfred Schreiner hat Fischer dafür ein intensiv bewegtes Theater entworfen. Chor und Corps de Ballet des Theaters am Gärtnerplatz verschmelzen zu einer großen Bewegungseinheit, die über die schräg ansteigende Bühnenfläche hin und her wogt. Schwarz und Weiß genügen als Farben, um die Darsteller immer aufs Neue zu verwandeln, das Auge immer neu herauszufordern. Um eine Handlung kann es, trotz der Präsenz der Protagonisten King Arthur (Simon Zigah), der von ihm begehrten Emmeline (Judith Rosmair) und seines Kontrahenten Oswald (Markus Gertken) sowie neun weiterer Solisten in verschiedenen Rollen, nicht gehen; man vereint und trennt sich zu immer neuen Konstellationen und Bildern, die für das Sehnen und Begehren des Menschen stehen.
Fischers Idee für die berühmte Frost-Szene: Chor und Ballett schütten aus großen Plastiksäcken weiße Plastikbälle auf die Bühne. Sie sammeln sich am Bühnenrand wie zu einem riesigen Schneehaufen. Am anderen Ende der Bühnenfläche leuchtet suggestiv ein weißer Kreis. Mal Mond, mal Sonne – auf jeden Fall ein Ort für Momente der Ruhe und Poesie.
Daran, dass das Orchester am hinteren Ende des Raums unter der Bühne postiert ist, musste man sich erst gewöhnen. Da ist wohl auch etwas Verstärkung im Spiel, und das klang zu Beginn einerseits unnatürlich und seltsam gedämpft andererseits.
Marco Comin leitet das Orchester zwar mit gründlicher historischer Informiertheit und sehr Purcell-gerecht. Aber weil es so versteckt ist, kommen die Klangfarben nicht recht zum Strahlen und nehmen der Musik einiges von ihrer Wirkungsmacht. Gerne hätte man auch die mit Olga Watts, Cembalo, Axel Wolf, Theorbe und Stefan Schütz exzellent besetzte Continuogruppe präsenter erlebt. Der Chor zeigte sich von Felix Meybier sehr gründlich einstudiert. Ein Opernchor eben mit entsprechend kräftigen Stimmen, der aber auf eine Weise artikuliert, dass die differenzierten Linien der Musik gut zum Tragen kommen.
Was an dieser Produktion rundum gefällt, ist die ebenso kreative wie schlüssige Art, wie Regie, Choreographie und Ausstattung (Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos, Bühne und Kostüme, Licht: Wieland Müller Haslinger) ihre „Utopie“ in Szene setzen. Sie vertreten eine Idee und folgen zugleich der Musik und dem vom Librettisten John Dryden gesetzten Rahmen. Man ist werkgerecht und gegenwärtig zugleich, man entfaltet barocke (Lebens- und Bewegungs-)Lust in einem ohne Zwang geschaffenen heutigen Setting. Marco Comin und die ganze musikalische Mannschaft zeigen sich als ein Ensemble, das die Sprache des Barock flüssig und redegewandt beherrscht. Ein Abend, der Purcell Ehre und dem Zuschauer viel Freude macht.
Weitere Vorstellungen am:
Sa.   10. Dezember 2016   19.30 Uhr
So.   11. Dezember 2016   18.00 Uhr
Di.   13. Dezember 2016   19.30 Uhr
Mi.   14. Dezember 2016   19.30 Uhr
Fr.   16. Dezember 2016   19.30 Uhr
So.   18. Dezember 2016   18.00 Uhr


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