Khatja Buniatishvili

Sturmbewegt

Khatia Buniatishvili Foto: Sony Music

Khatia Buniatishvili zu Gast beim Gürzenich-Orchester unter seinem neuen Leiter Francois-Xavier Roth
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. Oktober 2015) Francois-Xavier Roth scheint schöne Gesten zu lieben. Sein erstes Konzert als fest bestallter Gürzenich-Chef machte mit Boulez/Bruckner auf die Spannweite seines Repertoires aufmerksam. Das Festkonzert im September war eine Sympathieerklärung an Köln und sein städtisches Orchester, bündelte es doch Werke, die in Gürzenich-Veranstaltungen uraufgeführt wurden. Auch das aktuelle Konzert warf einen lokalstolzen Blick zurück.
Die Ouvertüre zur Oper „Der Deserteur“ erinnerte an den romantischen Komponisten Ferdinand Hiller, lange Jahre auch Leiter des Gürzenich-Orchesters. Nach der Kölner Premiere (1865) verschwand das Werk, möglicherweise zu Recht. Aber die Ouvertüre ist ein kleines Schmuckstück, dem man auch künftig gerne mal begegnen würde.
Ihr frühromantischer Tonfall ist sicher nicht besonders individuell. Aber die sanfte Idyllik der Einleitung lässt schwelgen, die anschließenden Forte-Ausbrüche bieten kriegerische Stimmung, worauf bereits der Titel der Oper verweist. Die Gürzenich-Musiker spielten die hübsche Pièce engagiert und lustvoll, Francois-Xavier Roth hob die teilweise sehr schönen Farben der Musik (Holzbläser) gebührlich hervor.
Hiller besaß einen konservativen Geschmack, „Avantgardisten“ seiner Zeit wie Hector Berlioz waren ihm suspekt. Franz Liszt fand er sogar teilweise „kaum zum aushalten“. Die jetzige Aufführung des zweiten Klavierkonzertes (A-Dur) könnte man also als posthume Wiedergutmachung ansehen – und sie geschah auf einsamer Höhe.

Roth leitete das Orchester animierend durch die reiche Ausdruckwelt des effektvollen Werkes. Sie reicht von elegischer Kantabilität (ein blühendes Solo kam von der Cellistin Ulrike Schäfer) bis hin zu sturmbewegter Virtuosität, welche sich Liszt ja nie verkniff.
Solistin war die 28jährige Khatia Buniatishvili, eine elegante, löwenmähnige Frau mit Feuer in den Händen. Wie sie Forteakkorde nobel ausformte, machte die Pogorelich-Katastrophe vor einer Woche fast vergessen. Im Piano wirkte die Musik bei der Georgierin wie schimmerndes Perlengeschmeide. Durch die vielen Sechzehntelläufe raste die Pianistin mit nimmermüder Bravour. Nach dieser Darbietung stand man als Zuhörer fast wie unter Drogen. Claude Debussys „Clair de lune“ war dann eine zart dahin gehauchte Zugabe.
Von Hiller voll akzeptiert wurde Robert Schumann, er dirigierte auch dessen zweite Sinfonie. Sie erklang jetzt unter Roths energischer Hand mit Sturm und Drang. Den ersten Geigen ließ der Dirigent wegen ihrer Schwerstarbeit im Scherzo extra Applaus zukommen.

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