Kein erster, dafür zwei zweite Preise im Fach Violine

Weibliche und männliche Verführung im Finale Geige beim ARD-Musikwettbewerbs

Andrea Obiso und Sarah Christian bekommen je einen zweiten Preis, Kristine Balanas erhält den dritten

Von Klaus Kalchschmid

(München, 6. September 2017) Das erste, prall jugendfrische Violinkonzert des 26-jährigen Sergej Prokofjew dauert keine 25 Minuten, aber möchte man es gleich dreimal hintereinander hören? Beim der Endrunde im Fach Geige im Herkulessaal der Residenz musste man dies sogar, doch es geschah mit zunehmendem Vergnügen. Denn bei den drei Finalisten erlebte man mit dem exzellenten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Michael Francis jeweils ein neues Werk.

Während die Lettin Kristine Balanas eine solide, technisch untadelige, aber wenig charakteristische, etwas einförmige Wiedergabe bot (was ihr den dritten Platz sicherte), war dieses op. 29 mit dem Italiener Andrea Obiso die pure Verführung. Denn der 23-Jährige spielte mit schillernder Verve, herb-männlichem Charme und leuchtenden Farben, die erst die Kontraste auf engstem Raum zur Geltung brachten. Er verstand unterschiedliche Spieltechniken immer als Ausdrucksmittel und betonte Prokofjews so brillant auskomponiertes „Ols ob“. Denn der junge Russe ironisierte 1917 das romantische Violinkonzert zugleich, wie er es in drei Sätzen (zwei im Tempo moderate Teile um ein vivacissimo zu spielendes Scherzo) verdichtete und technische Virtuosität mit kondensierter Expression verschmolz.

Danach spielte Sarah Christian, die wie ihr Kollege schon im Semifinale mit sinnlichem Mozart verzauberte, das Konzert gleichsam aus der Sicht des anderen Geschlechts. Schon den Beginn des langen Hauptthemas modellierte sie über sanftem Tremolo der Bratschen mit einer Süße, die im Kontrast zu Obiso, der eher markant artikulierte, die perfekte weibliche Verführung darstellte. Das sollte sich im Verlauf des Konzerts bestechend fortsetzen, denn jede Attacke führte die Deutsche immer wieder ins Lyrische, fein Ziselierte zurück, während der Italiener dann eher fahle, dunkle Farben suchte und fand, so bei der zart choralartig expressiven Zweistimmigkeit der Solovioline kurz vor Ende des ersten Satzes, der bei der 27-Jährigen (seit 2013 Konzertmeisterin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen) beinahe jenseitige Züge annahm. Die zahlreichen, oft sehr schnell zu spielenden Läufe und anderes Passagenwerk besaßen bei Obiso kernigen Biss, bei der gebürtigen Augsburgerin luzide Eleganz.

Für diese so konträre, aber in jeder Hinsicht ebenbürtige Leistung wurde der zweite Preis geteilt bzw. doppelt vergeben, wohl weil eine Teilung des ersten Preises die Statuten des Wettbewerbs nicht vorsehen. Verdient hätten ihn beide in jedem Fall. Alle Infos und Video-Livestreams (auch jeweils eine Woche lang on demand) über www.ard-musikwettbewerb.de

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