Kammerorchester Prokoffjew

Verletzende Eindringlichkeit

(München, 10. Mai 2007) Prokoffiews „Symphonie classique“ als wilder Feger: Alexander Liebreich und das Münchner Kammerorchester buchstabierten die Partitur nicht bieder herunter. Sie betonten mit heftigen Akzenten, geschärften Kontrasten und hitzigem Tempo – bei gleichzeitigem Feinschliff und punktgenauer Rhythmisierung – das Gestische dieser lebendigen Musik. Befreit von behäbiger Harmlosigkeit entpuppte sich Prokofiev als virtuoser, witziger, ja frecher Spieler mit dem klassischen Material. Ein Riesenspaß, den die Zuhörer am Donnerstagabend im Prinzregententheater genossen.
Das zweite Prokoffiew-Werk, eine Streicher-Transkription der fürs Klavier geschriebenen „Visions fugitives“, hinkte hinter dem ersten Überrumpelungserfolg hinterher. Überrumpeln ließ sich das Publikum auch von Thomas Larchers 2006 entstandenem, jetzt in München erstaufgeführtem Werk „Böse Zellen“ Klavier und Kammerorchester. Der 44jährige Komponist setzt bei seiner durchaus farbigen, bewegten, im Klavierpart mit Minimal-Repetitionen durchsetzten Musik stark auf Effekt. Er selbst lieferte am Klavier die Klangreize, die das Publikum weit williger goutierte als Nikolaus Brass‘ Herausforderung.
Der 57jährige, bei Fürstenfeldbruck lebende Komponist und Mediziner mutete mit seiner Uraufführung „Von wachsender Gegenwart“ den Hörern entschieden mehr zu. Er lotst die 18 Streicher in einen geradezu pfingstlichen Stimmenwirrwarr. Brass verstört nicht mit lauter Attacke, sondern mit fast verletzender Eindringlichkeit. Großartig.
Gabriele Luster

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