Kameliendame an der Mailänder Scala

Ein Bild vollkommenen Glücks

John Neumeiers „Kameliendame“ wird an der Mailänder Scala gefeiert

Von Christian Gohlke

(Mailand, 17. Dezember 2017) Zehn Tage nach der „Inaugurazione“ mit „Andrea Chénier“ ist am Teatro alla Scala nun auch die Ballett-Saison eröffnet worden. Anders als in der Oper gab es hierzu allerdings keine Neuinszenierung. John Neumeiers „Kameliendame“ (urauffgeführt 1973 in Stuttgart und seither an vielen großen Häusern zu sehen) war in Mailand in den Spielzeiten 2006 bis 2008 schon mehrfach zu erleben. Damals wurden Bühnenbild und Kostüme vom Bayerischen Staatsballett aus München leihweise zur Verfügung gestellt. Jetzt konnte die Scala die gesamte Ausstattung aus Kopenhagen übernehmen, so dass dieser Klassiker des Handlungsballettes nun fest zum Repertoire des Hauses gehört.

Dass John Neumeiers ausdrucksstarke Choreographie und Jürgen Roses elegantes Bühnenbild und seine wunderbar detailreich gearbeiteten Kostüme schon beinahe 45 Jahre alt sind, war in keinem Moment bemerkbar: Die „Kameliendame“ ist ein Werk zeitloser Schönheit, ohne im geringsten museal oder verstaubt zu sein. Die Frische der Aufführung ist natürlich nicht zuletzt der großartigen Premierenbesetzung zu verdanken, die jetzt in Mailand zu erleben war.

Roberto Bolle als Armand und Svetlana Zakharova als Marguerite exekutieren nicht einfach nur Schritte in technischer Perfektion. Sie erzählen als komplexe, sich entwickelnde Figuren eine bis heute anrührende Geschichte. Gekonnt überblendet Neumeier dabei zwei Zeitebenen: Nach dem Tod Marguerites wird deren Haushalt versteigert. Dort trifft Armand seinen Vater Duval (ausdrucksstark getanzt von Mick Zeni), dem er von seiner Liebe zu Marguerite berichtet. Ihre Annährung, ihr Liebesglück auf dem Lande, der Auftritt Monsieur Duvals, der Marguerite bittet, seinen Sohn zu verlassen, um dem Ruf der Familie nicht zu schaden, ihr Wiedersehen in Paris und schließlich Marguerites Tod – John Neumeier nutzt für jede dieser Etappen eine ganz eigene choreographische Sprache, die unmittelbar verständlich ist, weil es ihr gelingt, differenzierte Gefühle auszudrücken.

Roberto Bolles Armand ist ein anfangs noch schüchterner, fast unbeholfener Jüngling, der Margurite seine Liebe bekennt, indem er sich ihr rückhaltlos zu Füßen wirft. Erst nach und nach gibt die Kameliendame der Svetlana Zakharova ihre kapriziöse Zurückhaltung und Verschlossenheit auf und öffnet sich ihrem Gegenüber. Innige Zärtlichkeit und Hingabe bestimmen den folgenden Pas de deux: Sie legt sich auf Armands Schultern, er schwebt mit ihr in weiten kreisenden Bewegungen durch den Raum, elegant, leicht, schwerelos – ein Bild vollkommenen Glücks. Wie anders hingegen das spätere Zusammentreffen der beiden! Lange nach ihrer Trennung besucht sie ihn für eine Nacht. Leidenschaft, in die sich Zorn und Aggression mischen, bestimmen ihre Begegnung, und die beiden Tänzer sind auch darin glaubhaft in jedem Moment.

Svetlana Zakharova und Roberto Bolle Foto: Scala

Und John Neumeiers feinfühlige Auswahl der Musik kann man nicht hoch genug rühmen. Wer die „Kameliendame“ sieht, dem drängt sich der Eindruck auf, Chopin habe sein 2. Klavierkonzert, seine Walzer, Nocturnes und Préludes just für dieses Ballett komponiert. Wie zwingend wirkt etwa der Einsatz des „Regentropfen-Preludes“ (op. 28, Nr. 15)! Neumeier nutzt es, um Marguerites Verfassung nach dem Gespräch mit Armands Vater zu charakterisieren. Wenn die Basslinie des Prélude unter dem hämmernden Ostinato aufsteigt, wird Marguerite von ihrer Vergangenheit als Prostituierte eingeholt und zurückgezwungen in ihr altes Leben. Eine Szene von großer emotionaler Wucht, zumal Neumeier die schon in seiner Romanvorlage bei Dumas angelegte Parallele zu Manon Lescaut nutzt, um seelische Vorgänge anschaulich zu machen.

Dabei tröstet Roberto Cominatis sensibles Spiel am Klavier darüber hinweg, dass das Orchester der Scala unter der Leitung Theodor Guschlbauers anfangs etwas zögerlich und nicht immer ganz präzise agierte und auch später im Klang nicht immer ganz ausgewogen war (die Holzbläser wirkten mitunter allzu dominant). So gab es am Ende langanhaltenden Beifall für alle Beteiligten, ganz besonders aber für John Neumier und Jürgen Rose und für die beiden Étoiles der Scala, Roberto Bolle und Svetlana Zakharova, die mit Rosen überschüttet wurden. So etwas gibt es wohl nur in Mailand.

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