Jurowskis Auftakt in Berlin

Doppelte Perspektive auf Beethoven

Als neuer Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin überzeugt Vladimir Jurowski mit anspruchsvollen Programmen

Von Antje Rößler

(Berlin, 22. Oktober 2017) Während Simon Rattle seinen anstehenden Abschied von den Berliner Philharmonikern seit Langem bekannt gegeben hat, musste der Wechsel des Chefs beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) vergleichsweise schnell gehen. Nur ein gutes Jahr im Voraus hat Marek Janowski angekündigt, sein Amt als RSB-Chef aufzugeben. Janowski hatte das einstige Sinfonieorchester des DDR-Rundfunks 14 Jahre lang geleitet und zuletzt mit einem konzertanten Wagner-Zyklus für Aufsehen gesorgt.

Doch trotz Zeitdrucks konnte das RSB einen sehr renommierten Dirigenten für sich gewinnen, den 1972 in Moskau geborenen Vladimir Jurowski, der schon lang einen Koffer in Berlin hat. Kurz nach der Wende war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen; er hat in Berlin studierte und war Ende der 90er musikalisches Oberhaupt der Komischen Oper. Seit zehn Jahren leitet er das London Philharmonic, als Nachfolger von Kurt Masur.

Jurowski steht für ein breites Repertoire und einfallsreiche Programme. Diesen Ruf festigt er mit seiner ersten RSB-Spielzeit, die sich der Beethoven-Rezeption durch Gustav Mahler und die Zweite Wiener Schule widmet. Den roten Faden bilden vier von Mahler bearbeitete Beethoven-Sinfonien. Am 22. Oktober erklang im Berliner Konzerthaus die Mahler-orchestrierte „Eroica“, flankiert von Arnold Schönbergs Klavierkonzert sowie dem zeitgenössischen Orchesterstück „Testament“ des australischen Komponisten Brett Dean.

Schönbergs Klavierkonzert entstand 1942 im amerikanischen Exil. Allerorten schimmert hier die traditionelle Konzertform hinter der strengen Zwölftonstruktur hervor. Pianist Marc-André Hamelin spielte den schwierigen, aber wenig musikantischen Klavierpart mit souveräner Technik, gelassen und uneitel.
Vladimir Jurowski erweist sich als ausgezeichneter Dirigent, der Präzision und Leidenschaft vereint. Er leitet die Musiker sicher und vorausschauend, wobei er äußerst engagiert dirigiert. Hin und wieder hüpft er in die Luft; die linke Hand malt Schlängellinien oder gibt zackige Kommandos, um differenzierte Klangfarben und dynamische Feinheiten zu gestalten. Das Ohr ist beeindruckt; aber man erfährt auch viel über die Musik, wenn man dem hochgewachsenen, schlanken Mann bei der Arbeit zuschaut.

Nach der Pause erklang Beethovens „Eroica“ in einer aufführungspraktischen Fassung von Gustav Mahler: mit verdoppelten Bläsern und einem riesigen Streicherapparat auf dem Fundament einer Riege von acht hinten aufgereihten Kontrabässen. Jurowskis Partitur ist ein Konglomerat aus Notizen, die der dirigierende Mahler bei verschiedenen Aufführungen in die Beethoven-Noten eintrug.
Der Tonfall des heroischen Beethoven wird hier spätromantisch überhöht. Jurowski bewegt das riesige Orchester sehr gemächlich und dynamisch eher defensiv, doch nie spannungsarm. Er nimmt die Tempi äußerst flexibel und hebt Mittelstimmen hervor. Die Bläser spielen mit schmalem Vibrato und ausladendem Portamento.

Am Ende offenbart sich die Volte des klug kombinierten Programms: eine doppelte Perspektive auf Beethoven. Erstens die Rezeption durch Mahler, die zweitens jene Beethoven-Interpretationen beeinflusste, die Schönberg prägten.
Vor dem Auftakt nahm sich Jurowski viel Zeit, seine Ideen zu erläutern. Dass der spätromantisch aufgeblähte Beethoven das heutige Publikum befremdet, ist ihm klar. „Man muss die Mahler-Bearbeitungen nicht mögen, aber man sollte sie kennen“, sagt er dazu lapidar.

Das 2008 entstandene Orchesterstück „Testament“ von Brett Dean bot schließlich einen zeitgenössischen Blick auf Beethoven. Der australische Komponist „vertont“ gleichsam die Szene: Beethoven bei der Niederschrift des „Heiligenstädter Testaments“, jenes Briefes an die Brüder, in dem er seiner Panik, Wut und Scham angesichts der drohenden Taubheit Ausdruck verleiht.
Brett Dean liefert dem Hörer eine detaillierte Gebrauchsanweisung: Die Flöte gibt die Briefzeilen wieder; die Streicher scharren und kratzen wie die Feder auf dem Pergament; am Ende ballt sich das Orchester zum kakophonen Tobsuchtsanfall.
Jedoch tappt Brett Dean in die programmmusikalische Falle: Musik lässt sich nicht bis ins Letzte verbal lenken. Direktes Ausbuchstabieren beschädigt sowohl die Autonomie der Musik als auch die Vorstellungskraft des Hörers, der hier ohnehin nur einen Teil der angekündigten musikalischen Ereignisse erkannte.

Vladimir Jurowski und das RSB setzen ihren Zyklus der Mahler-orchestrierten Beethoven-Sinfonien am 30. und 31. Dezember mit der Neunten sowie am 7. April 2018 mit der Siebten fort.
www.rsb-online.de

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.