Juraj Valcuha

Sommerwind und Winterträume

Juraj Valcuha und die Münchner Philharmoniker starten in die neue Saison
(München, 23. September 2009) "Im Sommerwind" und "Winterträume": Das erste Konzert der Philharmoniker zu Beginn der neuen Saison war teils Erinnerung an wärmende August-Sonne und leichte Lüfte wie die Ahnung von November-Kälte und Dezember-Schnee. Das spätromatische Orchesterstück des 21-jährigen Anton Webern machte den Anfang, die erste Symphonie des jungen Pjotr Iljitsch Tschaikowskys war der krönende Anschluß des ersten offiziell geplanten Konzerts von Juraj Valcuha bei den Philharmonikern. Denn schon im Januar 2008 war der junge Slowake bei den Philis eingesprungen und begeisterte mit einem Wirbelwind von Figaro-Ouvertüre wie feinsinnigem Ravel ("Daphnis und Chloé") und mit Martin Grubinger als grandiosem Solisten in Avner Dormans verrücktem Schlagzeug-Konzert.
Jetzt überraschte Valcuha mit einer ausgefeilten Interpretation von Weberns frühem "Idyll für großes Orchester" aus dem Jahr 1904, erst 1962 uraufgeführt, aber heute eines seiner meistgespielten Werke – und sein längstes! Valcuha hatte ein feines Sensorium für die Sinnlichkeit à la Richard Strauss, aber auch für die eigenwillige Instrumentation Weberns, die diese Viertelstunde schon zu einem ureigenen Stück des Schönberg-Schülers macht.
Nicht minder präzise widmete er sich der g-moll-Symphonie des 26-jährigen Tschaikowsky, der – tagsüber in Anspruch genommen durch seine Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium – durch das permanente nächtliche Komponieren Schlaflosigkeit, Angstzustände und Halluzinationen riskierte und an den Rand des Wahnsinns geriet. Valcuha gelang der Spagat zwischen dem an der klassisch-romantischen Symphonie orientierten Formbewußtsein des Komponisten und der Melancholie der russischen Melodien, die schon hier einen ganz eigenen Tschaikowsky-Ton erzeugen. Großartig sensuchtsvoll gesponnen war die Oboen-Melodie des langsamen Satzes, nicht minder federnd und tänzerisch der Walzerduktus im Trio des Scherzos oder die subtile Mischung der Holzbläser zu Beginn des Finales, das einen ähnlich ambivalenten Charakter besitzt wie so mancher Schostakowitsch-Satz. Valcuha hielt das Ganze in der Schwebe, ließ im Unklaren, ob die wilden Fugati positiv oder negativ besetzt sind, ob die vermeintliche Fröhlichkeit echt oder aufgesetzt ist: eine denkbar spannende Interpretation also!
Dagegen nahm sich das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninov fast harmlos aus, zumal Anna Vinnitskaya mit gesundem Selbstbewußtsein an ihre Aufgabe heranging, die sie bewunderswert souverän löste, aber selbst im "Adagio sostenuto" das poetische Potential dieses Satzes machmal nur streifte. Auch hier überzeugte Valcuha mit ausgewogenen Tempo-Relationen und Sinn für klangliche Finessen. Über die Qualitäten dieses 33-jährigen Dirigenten und die Notwendigkeit eines weiteren Engagement in der nächsten Saison dürften Christian Thielemann, das Orchester und Intendant Paul Müller wohl einer Meinung sein. Die Münchner können sich jedenfalls freuen auf Valcuhas Debüt an der Bayerischen Staatsoper mit einer Neuproduktion von Donizettis "L’elisir d’amore" am 1. Dezember im Nationaltheater.
Klaus Kalchschmid
Nochmals am 23., 24. und 25. September (20 Uhr) sowie am 27. September (19 Uhr) www.mphil.de

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