Jordi Savall mit Monteverdis Marienvesper

Die „Marienvesper“ – leicht gemacht

Jordi Savall und seine Truppe bringen die Marienverehrung Claudio Monteverdis zum Tanzen

Von Derek Weber

(Salzburg, 25. Juli 2017) Claudio Monteverdis 1610 veröffentliche „Marienvesper“ ist ein Referenzwerk. An ihr kommt man ebenso wenig vorbei wie an seinem „Orfeo“. Es ist daher keine Sensation, dass die Salzburger Festspiele die – eigentlich müsste man ja grammatikalisch korrekt sagen „den“ – „Vespro della Beata Vergine“ im Monteverdi-Gedächtnisjahr aufs Programm gesetzt haben. Ebenso wenig verwunderlich ist die Tatsache, dass man dafür eines der beste Ensembles mit Jordi Savall an der Spitze verpflichtet hat, um der Aufführung allgemeinen Glanz zu verleihen.

Das Aufregende an der Salzburger „Marienvesper“ liegt im Kontext, in der Möglichkeit, sich neben Hauptwerken auch mit kaum gespielten Werken bekannt machen zu können. Dass man in einem anderen Konzert der „Ouverture Spirituelle“ auch die mehr als ein Jahrhundert früher entstandene „Missa de Beata Vergine“ von Josquin Desprez (mit den phänomenalen „Tallis Scholars“ unter  Peter Phillips) hören kann, macht die Sache erst richtig spannend: Bei Desprez beginnt sich das Mittelalter in der Musik aufzulösen, lange bevor jene entscheidende Veränderung eintritt, die alles Dagewesene durcheinander wirbelt: Die Geburt der Oper an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert.

Aber schon bei ihm zeigt sich eine emotionale Kraft, die erst im Spätmittelalter und in der sich ankündigenden Reformationszeit durch die Ritzen der in Bedrängnis geratenen mittelalterlichen Gesellschaft an die kulturelle Oberfläche trat. Aber es sollte für die Kräfte des Beharrens noch schlimmer kommen, auch wenn dies ein langer Prozess war, der – verbunden mit Verzögerungen und Schwerpunktverlagerungen in Gang kam.

Es ist kein Zufall, dass Monteverdi in die Marienvesper – über die Verwendung der Fanfare, mit der auch der „Orfeo“ beginnt, hinaus – all jene musikalischen Elemente verwendet, die von der Oper herkommen und mit ihr verbunden sind: die Monodie, den Sologesang, das Ricertarcantando und die emotionale Ausdeutung des Textes.

Monteverdis Größe blieb im 20. Jahrhundert nicht unentdeckt. In Italien kam es schon in der Zwischenzeit zu einer veritablen, vom Faschismus gewollten, Renaissance seiner Opern. Generell waren es nicht erst die sogenannten „Originaltöner“, die das Großartige dieser Musik entdeckt haben: Es existiert (leider nur in schlechter Tonqualität) eine wunderbare alte, romantisch angehauchte Zagreber Liveaufnahme der „Marienvesper“ mit Lovro von Matacic, die einem die Ohren dafür öffnet, dass es – ähnlich wie im Fall von Erich Leinsdorfs Londoner Aufnahme aller Mozart-Symphonien – schon vor der Entdeckung der historischen Interpretationspraxis spannende, in sich stimmige und auch für uns Heutige noch durchaus entdeckenswerte Aufführungen gegeben hat.

In Salzburg ist die „Marienvesper“ einem der ganz großen Entdecker und Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik überantwortet: Jordi Savall und seinem Ensemble „Le Concert des Nations“, „La Capella Reial de Catalunya“ samt all den dazugehörigen Continuo-Solisten und Solo-Sängern. Dieser Musiker und Dirigent hat es von Anfang an verstanden, die Musik der frühen Neuzeit mit einer Leichtigkeit auszustatten, die sie von den Werken der vorhergehenden Epochen unterscheidet und er hat gezeigt, dass dies etwas mit dem Größerwerden des Einflusses der traditionellen Kultur zu tun hat.

Savall gehört zu denen, die einen „schnellen“ Klang nicht nur erzielen, weil sie tatsächlich schneller dirigieren als die meisten anderen, sondern die Musiker zu behendem Spiel anleiten. Die Leichtigkeit und Wendigkeit, mit der die Violinisten des „Concert des Nations“ ihre Bögen über die Saiten huschen lassen, ohne auch nur einen Ton zu verschlucken, sucht ihresgleichen. Und auch wenn man sie nicht immer hervorgehoben hört: die Continuospieler, sorgen dafür, dass es in der musikalischen Bewegung immer ein stabiles Element gibt.

Wie das bei Savall und den um ihn gescharten Musikern „rüberkommt“, ist mehr als hörenswert: Blitzsaubere Stimmen im vokalen Bereich paaren sich mit einer inzwischen fast schon selbstverständlich erscheinenden virtuosen Beherrschung alter Instrumente wie Zinken und Trombonen. Zusammen mit der – wenn man denn so sagen darf – selbstverständlich anmutenden „Leichtfüßigkeit“ der Violinen macht das das Hören zum sinnlichen Vergnügen. Dabei vergisst man fast, dass es bei der „Marienvesper“ um geistliche und bedeutungsschwere Dinge geht.

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