Joram

Die unergründlichen Ratschlüsse des Herrn

Paul Ben-Haim

In München fand die Uraufführung des 1931-1933 entstandenen Oratoriums „Joram“ des deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim statt
(München, 8. November 2008) Nicht wenige Juden hatten schon vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland das begründete Gefühl drohenden Unheils. Einige von ihnen wurden auch schon vor 1933 bedrängt und unter Druck gesetzt oder Opfer von Gewalt. Paul Frankenburger, Dirigent und Komponist aus München, der bei Bruno Walter an der Münchner Oper assistiert hatte und dann am Augsburger Theater als Kapellmeister arbeitete, ist bereits 1931 vom neuen nazitreuen Generaldirektor des Theaters von seinem Dienst suspendiert worden. An Emigration dachte der junge, talentierte Musiker damals nicht und so beschloss er, in der dienstfreien Zeit erstmal sein seit langem geplantes Oratorium „Joram“ zu komponieren. Fertig wurde er damit im Februar 1933, kurz nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Wie symbolisch bedeutsam dieses Oratorium, das eine Abwandlung der Hiobs-Geschichte durch den Schrifsteller Rudolf Borchardt als Textgrundlage hat, sein würde, mag Paul Frankenburger zu dieser Zeit selbst noch nicht geahnt haben. Das wurde auch ihm dann erst in den folgenden Grauen erregenden Jahren klar.
Natürlich kam es zu keiner Aufführung des monumentalen Werks mehr in Deutschland. Und auch in Israel, wohin Frankenburger bald emigrierte und sich fortan Ben-Haim nannte, war lange nicht an eine Aufführung zu denken. Dort ging es erst einmal ums Überleben. Erst 1979 erlebte das Werk beim Israel Festival in einer gekürzten Version seine Uraufführung.
Es ist dem Engagement der Münchner Musikwissenschaftlerin Charlotte Vignau und dem Münchner Motettenchor unter seinem Leiter Hayko Siemens zu verdanken, dass „Joram“ jetzt symbolkräftig am Vorabend des 9. November in München zur Gänze uraufgeführt werden konnte – in einer dem Anlass entsprechenden, großartigen Interpretation zusammen mit den Münchner Symphonikern und den vier hervorragenden Solisten Bernd Valentin (Bariton), Carolina Ullrich (Sopran), Carsten Süß (Tenor) und Miklos Sebestyén (Baß).
Ben-Haim offenbart in seinem Oratorium ein wahrhaft außergewöhnliches kompositorisches Potential, das mitunter zwar die Quellen der Inspiration – vor allem Mahler und Strauss – nicht verleugnen kann, aber trotzdem nie im Epigonalen stecken bleibt. Im Gegenteil, je weiter das Werk voranschreitet, desto eigenständiger und wirkungsmächtiger wird Ben-Haims musikalische Sprache, desto ergreifender die Kraft seiner musikalischen Expressivität. Mit ihr illustriert er die Wirkung von Gottes unergründlichen Ratschlägen auf den schwer geprüften Joram, aber auch dessen aufbegehrenden Zorn, den dieser schließlich seinem Gott entgegen schleudert. Nicht umsonst bezeichnete Frankenberger „Joram“ immer als sein Hauptwerk.
Erzählt wird die ins biblische Altertum verlegte Geschichte des unter seiner Kinderlosigkeit leidenden Joram, der zum Geldverdienen in die Fremde zieht, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Durch allerlei Schicksalsschläge wird Jorams Heimreise verzögert, bis er endlich nach Jahren in seine Heimatstadt und zu seiner Frau zurückkehren kann. Doch die ist inzwischen zur Hure geworden und erkennt ihren Mann nur widerwillig. Schließlich und endlich kommt es aber doch zur Versöhnung der beiden und die alte Frau erwartet ein Kind von Joram. Kurz nach der Geburt, schlägt ein Blitz in das Zelt von Joram und seiner Frau ein und tötet beide. Das Kind, das bei der Amme war, überlebt.
Chor und Solisten treten in dem Oratorium in einen intensiven, abwechslungsreichen musikalischen Dialog mit dem Orchester. Beeindruckend, mit welcher Meisterschaft und Differenziertheit Ben-Haim sowohl die Gesangsstimmen als auch das Orchester behandelt. Mitunter sind Anklänge an die jüdische Sakralmusik zu hören, oder es scheint die Größe Bachscher Choräle auf (Schlusschor des 2. Teils). Neben opulent auskomponierten Höhepunkten im Duktus der Spätromantik von Strauss und Mahler gibt es aber auch immer wieder sehr „modern“ wirkende kammermusikalische Passagen von großer Eindringlichkeit (vor allem die Bläser kommen hier verstärkt zum Einsatz) – Ben-Haim intendiert Wirkung eben nicht durch ein Maximum an Aufwand, sondern durch gestalterische Vielfalt und Expressivität, die stets der Aussage und dem Text verpflichtet sind.
Der Münchner Motettenchor sang das klangschön und intensiv, wenngleich man sich mitunter vielleicht etwas mehr deklamatorische Prägnanz gewünscht hätte. Auch die Münchner Symphoniker widmeten sich dem anspruchsvollen Werk mit spürbarer Hingabe und ansprechender Klanglichkeit. Hayko Siemens erwies sich als jederzeit sicherer Gestalter des musikalischen Geschehens. Fabelhaft und hochmotiviert auch die Solisten Carolina Ullrich, Carsten Süß und Miklos Sebestyén.
Ein großer Abend für ein großes Werk, das jetzt hoffentlich viele Nachfolge-Aufführungen erleben wird.
Robert Jungwirth

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