Jonathan Nott bei den Münchner Philharmonikern

Kontrollierte Ekstase

Jonathan Nott         Foto: Münchner Philharmoniker

(14. März 2007) Jonathan Nott mit Ligeti, Dean und Strawinsky bei den Münchner Philharmonikern. Es begann mit einem geheimnisvollen Wispern und endete tumultuarisch. Ausschließlich Werke des 20. Jahrhunderts hatte der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und ständige Gastdirigent des französischen Neue-Musik-Ensembles InterContemporain mit nach München zu den Philharmonikern gebracht. Das ist mutig und respektabel, denn Effekt beim Publikum macht man natürlich mehr mit etwas anderem.
Ein eher unbekanntes Stück von György Ligeti zum Auftakt: die 1975 vom San Francisco Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa uraufgeführte „San Francisco Polyphony“. Beeinflußt von amerikanischen Kollegen wie Harry Parch oder Charles Ives, die Ligeti während seines Aufenthalts als Composer in Residence an der Stanford University studierte, experimentiert Ligeti in diesem Stück mit allerlei kompositorischen und klanglichen Möglichkeiten ohne dabei ein geschlossenes Ganzes anzustreben. Das Heterogene, Kontrastive ist eher bestimmend für diese Komposition. „Man sollte sich einzelne Gegenstände vorstellen, die in riesiger Unordnung in eine Schublade geworfen wurden; doch die Schublade selbst hat wiederum eine definierte Form: In ihr herrscht zwar Chaos, sie selbst aber ist wohlgestaltet.“ So formulierte es Ligeti selbst in seinem Werkkommentar. Entstanden ist eine Art biomorpher Klangorganismus, in dem es wuselt und wimmelt wie unterm Mikroskop. Das ist kühn gedacht und auch gemacht, erreicht aber nicht die Suggestivität seiner Stücke „Lontano“ oder „Atmosphère“. Was nicht am hervorragend präparierten Orchester lag, dem Nott versiert und inspiriert die Richtung durch die labyrinthischen Pfade wies.

Das 30 Jahre später entstandene Violinkonzert des Australiers Brett Dean klingt im Vergleich dazu beinahe spätromantisch – was es aber nicht ist. „The lost Art of Letter Writting“ nennt Dean das Stück im Untertitel und fügt den vier Sätzen Städtenamen hinzu, die wiederum auf Personen der Kunst- und Musikgeschichte verweisen, die in Briefen ihr Innerstes nach außen kehrten: van Gogh, Brahms, und Wolf. Der letzte Satz „Jerilderie“ fällt etwas aus dem Rahmen, bezieht er sich doch auf Ned Kelly, ein australisches Justizopfer, das unschuldig angeklagt wurde.
Geschickt kreiert Dean intime Stimmungen von Elegie und Sehnsucht in dem Brahms gewidmeten Teil, von irrlichterndem Lyrismus bei Wolf und von suchender (Un-)Ruhe bei van Gogh. Frank Peter Zimmermann, der das Konzert im vergangenen Jahr in Köln uraufgeführt hat, ließ den atmosphärischen Schwingungen viel Raum zur Entfaltung, nahm sich eher mal zurück als dass er den Solopart aufs Äußerliche reduziert hätte. Im rasanten Schlußteil, ein absurd schnelles Presto, kam schließlich auch noch die phänomenale Technik des Geigers voll zum Tragen.

Zum Schaulaufen fürs Orchester wurde Strawinskys „Sacre“ – dieses immer wieder faszinierende Unikum der Musikgeschichte, mit dem der 30jährige Russe 1913 die Pariser Konzertbesucher seinerzeit zur Saalschlacht animierte. Nott ließ die Exstase eher ruhig angehen, was ein wenig irritierte, denn irgendwie steht eine allzu kontrollierte Gangart doch etwas im Gegensatz zum entgrenzten Taumel, den Strawsinky meint. Trotz grandioser Steigerungen und Kontrastwirkungen blieben die Tempodrosselungen ein Hemmschuh für den Drive und die Energie dieser Musik.
Robert Jungwirth

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