Jonas Kaufmann ist Otello in München

Opernbesucher, die auf grauschwarze Wände starren

Musikalisch ist der neue „Otello“ unter Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper sensationell

Von Robert Jungwirth

(München, 23. November 2018) Ein Gerücht kann zerstörerisch sein. Das wissen wir nicht erst seit es Fake-News gibt. Fake-News sind schließlich nur der zeitgeistige Namen für ein Phänomen, das so alt ist wie die Menschheit selbst: Unwahre Behauptungen – gestreut, um jemandem Schaden zuzufügen. Fake-News treiben auch in der Welt der Oper gern ihr Unwesen. Ihre zerstörerische Wirkung hat Rossini zum Beispiel mit unnachahmlicher Komik in seinem „Barbiere“ beschrieben – bis hin zum Kanonendonner, den er am Ende von Don Basilios Arie im Orchester entfacht. Glücklicherweise ist der „Barbiere“ eine Komödie, und es bleibt alles amüsant. Aber es geht auch anders.
Eines der tragischsten Opernopfer eines Gerüchts ist Desdemona, die Frau Otellos. Verdis gleichnamige Oper nach Shakespeares Vorlage ist die Chronik eines angekündigten Mordes aus Eifersucht, basierend auf einer falschen Verdächtigung.

Der Keim zu Otellos Verhängnis, das Jago aufs Abscheulichste in Gang zu setzen versteht, um seinen Widersacher aus dem Weg zu räumen, ist freilich in Otello selbst angelegt. Bei seiner glücklichen Heimkehr aus erfolgreich absolvierter Seeschlacht besingt er sein Glück, Desdemona wieder in die Arme schließen zu können, aber zugleich beschleichen ihn Selbstzweifel, wie lang dieses Glück noch währen wird, und ob er ihm überhaupt würdig ist. Otello traut seinem Glück nicht, weil sein Aufstieg vom Outlaw zum Feldherrn und Gatten einer der begehrtesten Frauen so märchenhaft und schnell war. Das ist das fatale an Aufsteigern – es fehlt ihnen die Selbstverständlichkeit, ihr Glück genießen zu können. Sie sind immer in Sorge, es wieder zu verlieren. Jago weiß das, er weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um Otello aus der Bahn zu werfen und er tut das mit widerwärtigster Zielstrebigkeit und Gewissenlosigkeit, um die Demütigung auszumerzen, die er erfahren hat, als eben dieser Otello ihm seinerzeit bei der Beförderung Cassio vorgezogen hat. In abgeschwächter Form begegnet uns dieser Mechanismus tagtäglich in tausenden von Betrieben und an tausenden von Arbeitsplätzen…

Verdis Oper sei ein kluges Psychogramm, sagt Regisseurin Amelie Niermeyer. Richtig, es ist das Psychogramm einer Fremd- und Selbstzerstörung. Aber muss man die Oper deshalb in Anstaltsgrau spielen lassen, um das klarzumachen? Das ist nicht nur platt, sondern (mal wieder an diesem Haus) auch ermüdend und öde, wenn man zweieinhalb Stunden auf grau-schwarze Wände und Türen starrt. Dem so begabten Bühnenbildner Christian Schmidt, der viele beeindruckende Bühnenerfindungen für Regisseur Claus Guth entworfen hat, ist hier zusammen mit Amelie Niermeyer erschreckend wenig eingefallen. Einzig die allgegenwärtigen langgezogenen feldgrauen Betten, die die Assoziation von Totenbahren erlauben sollen, setzen Akzente. „Otello“ als Kammerspiel ist ja schön und gut, aber so?

Nicht minder ungelungen sind die Kostüme von Annelies Vanlaere in ihrer graumäusigen Biederkeit, ja Hässlichkeit. Jonas Kaufmann als Otello sieht in seinem Aufzug aus wie ein italienischer Busfahrer der 50er Jahre mit Krawatte und Hosenträgern. Der Intrigant Jago trägt eine Art Schlafanzughose und ein olles schwarzes T-Shirt. Emilia, Desdemonas Bedienstete ist eine Stenotypistin aus den 50ern. Was soll das?

Kommen wir zur Musik und den Protagonisten, die den Abend allen optischen Fragwürdigkeiten zum Trotz zu einem Ereignis, ja zu einer Sternstunde machen. Allen voran Kirill Petrenko, der schon mit dem ersten Akkord klarmacht, dass es hier um die Zerstörung von Menschenleben geht. Wieviel abgründiger Psychokrimi in Verdis Musik liegt, das macht er maximal deutlich. Wie mit dem Stethoskop hört er in jede musikalische Wendung, in jeden Klang hinein, lässt die darin enthaltene psycho(patho)logische Spannungsgeladenheit und Abgründigkeit hörbar werden. Dabei wird er von einem phänomenalen Orchester, von phänomenalen Musikern unterstützt. Sensationell. Zurecht wurde Petrenko am Ende am allermeisten gefeiert vom Publikum.

Zusammen mit dem phänomenalen Dreigespann Kaufmann, Anja Harteros und Gerald Finley als Jago gewinnt die Musik eine Dringlichkeit und Intensität, die einen schier in den Sessel drückt. Auch die Stimmcharaktere sind hervorragend eingesetzt: Kaufmann mit baritonaler Verletzlichkeit, aber auch kraftvoller und brutaler Härte, Finley mit aasiger Zugewandtheit und Anja Harteros mit tiefempfundener Emotionalität, aber auch Klarheit. Darstellerisch werden die drei Protagonisten von Amelie Niermeyer immerhin sehr prägnant geführt. Das Drama ereignet sich in ihnen, sie werden als Opfer und Täter gleichermaßen erfahrbar. Die Körperlichkeit ihres Agierens geht einem unter die Haut – Harteros und Kaufmann spielen und singen das einfach phantastisch. Hervorragend besetzt sind aber auch Evan LeRoy Johnson als Cassio, Galeano Salas als Roderigo und Rachael Wilson als Emilia.

P.S.

Sicher ist nichts dagegen zu einzuwenden, dass die Bayerische Staatsoper sich Sponsoren sucht, um über die öffentliche Förderung und die Einnahmen aus dem Kartenverkauf hinaus Geld für besonders aufwendige Produktionen zu haben. Fragwürdig wird es allerdings, wenn diese Sponsoren ausufernde Sonderrechte genießen, wie z.B. das ganze Foyer im 1. Stock als Gäste-Lounge zur Verfügung gestellt zu bekommen – unter Ausschluss aller anderen Besucher des Theaters. So geschehen bei der „Otello“-Premiere am vergangenen Freitag. In der 40(!)-minütigen Pause konnten die „normalen“ Opernbesucher nicht in die Foyers im 1. Stock gehen. Das ist so nicht in Ordnung, denn der größte Sponsor der Bayerischen Staatsoper ist immer noch der Steuerzahler, also der gemeine Opernbesucher. Er hat ein Anrecht darauf, „seine“ Staatsoper so zugänglich vorzufinden wie immer. Und wenn Linde meint, in der Oper Feste feiern zu müssen, dann soll die Firma das außerhalb der Opernvorstellungen gegen Bezahlung tun. Und auch der Text, den die Bayerische Staatsoper im Programmheft abgedruckt hat, ist ein Unding:
„Die Bayerische Staatsoper ist stolz und dankbar, in der Linde-Group einen Partner gefunden zu haben, der sich als Hauptsponsor dieser Spielzeit für die Bayerische Staatsoper engagiert. Linde hat eine lange Tradition im Engagement für Kultur und zeigt so exemplarisches gesellschaftliches Verantwortungsgefühl, das maßgeblich dazu beiträgt, auf Dauer Münchens internationales Spitzenniveau im Kulturbereich zu halten.“
Wie – so fragt man sich – hat es die Bayerische Staatsoper nur all die Jahrzehnte ohne Förderung durch Linde geschafft, eines der besten Häuser der Welt zu sein?…Der Rang der Bayerischen Staatsoper wurde und wird durch die staatliche Förderung gesichert. Den Eindruck zu erwecken, dass das Niveau nur durch eine Förderung wie die von Linde gesichert werden kann, ist ein Fauxpas, der keinem Intendanten dieses Hauses unterlaufen dürfte.

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