John Neumeier vertanzt Ludwig van Beethovens Leben

Beethoven – ums Klavier gewickelt

Mit der Uraufführung seines „Beethoven-Projekts“ eröffnete John Neumeier fulminant die diesjährigen Hamburger Ballett-Tage

Von Vesna Mlakar

(Hamburg, 24. Juni 2018) Rätselhaftes, Brüche auf allen Ebenen und Tableaus gespickt mit Humor. Die Weltpremiere „Beethoven-Projekt“ zur Eröffnung der 44. Hamburger Ballett-Tage am 24. Juni entpuppt sich als Überraschungspaket. Drei völlig unterschiedliche Werkteile werden zur Wundertüte verzwirbelt. Zu Beethovens Musik aus der Epoche der Wiener Klassik gesellen sich ganz heutige tänzerische Leidenschaft, Raffinesse im Umgang mit Bewegungsvokabular und Stilebenen sowie eine erstaunliche Vielfalt an choreografischen Ausdrucksmöglichkeiten für Solisten, Paare oder Gruppen.

Es scheint, als habe sich John Neumeier in seiner 160. Neukreation unbeschwerter, freier und mit weniger dramaturgischem Gepäck beim Erarbeitungsprozess auf den Weg gemacht und noch einmal auf neues Terrain gewagt. Er lässt den Abend sehr konkret beginnen, voll biografischer Verweise auf Beethoven. Die aus Fragmenten zusammengefügten Bilder bricht er jedoch meist schnell wieder – nicht selten ironisch.

Ästhetisch entsteht der Eindruck, manches entwickle sich spontan wie ein Traum. Beim Zuschauer werden zahlreiche Assoziationen geweckt – auch solche, die nicht jeder gut einordnen kann. Vor allem der zeitweise vorherrschende drastisch-impulsive, gar automatenhafte Bewegungsfuror der Hauptfigur – im Programmzettel mit „ein Tänzer als Ludwig van Beethoven“ ausgewiesen – kann Anlass zu Achselzucken oder Kopfschütteln geben. Bedenkt man jedoch die Verzweiflung des Komponisten über seine unabwendbare Ertaubung, erscheint diese extreme Expression als eine Art getanztes „Heiligenstädter Testament“ durchaus berechtigt.

Der 26-jährige katalanische Solist Aleix Martínez – zweifellos ein Ausnahmetänzer – verleiht der Beethoven-Rolle überbordende Ausdrucks- und Emotionskraft, im weiteren Verlauf aber auch viel innige Lyrik und Versonnenheit. Anfangs liegt er am Boden, um das hintere Bein des auf der Bühne stehenden Konzertflügels gewickelt: ein Bild, das sich – mehrfach variiert – einem einprägt und die untrennbare Einheit des Beethovens mit der, mit seiner Musik veranschaulicht. Später kriecht Martínez regelrecht in den Korpus des Instruments hinein. Vor der Tastatur sitzt Michal Bialk. Von ihm wird der Abend mit den „15 Eroica-Variationen“ eröffnet. Nach und nach dringen Figuren, Fantasien und Ängste aus Beethovens Lebens- und Schaffenskosmos hinzu: schablonenhaft Edvin Revazov in napoleonesker Herrscherpositur auf rollendem Podest, junge Leute muntere Kapriolen schlagend bzw. Patricia Friza zum „Geistertrio“ irgendwie entrückt.

Stark in die Choreografie hinein weitet sich der Part des Pianisten. Als eine Art elektronisches Streufeuer den 2. Satz der D-Dur-Klaviersonate akustisch geradezu durchschießt, hängen Bialks Hände plötzlich in der Luft. Kurz darauf verschwindet er und überlässt es Martínez, höchst eindrücklich tänzerisch den fatalen Gehörverlust zu visualisieren.
Der Klang der Musik entgleitet Beethoven. Er wird aus seinem Umfeld gerissen und Neumeier verortet die Musiker des folgenden langsamen Satzes des Streichquartetts Nr. 15 nun komplett im Orchestergraben. Dort versammelt sich anschließend das Philharmonische Staatsorchester, um Teile von Beethovens genuiner Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“ erklingen zu lassen. Den verzweifelten Tonsetzer oben auf der Bühne haben gerade zwei Tänzer (Revazov und Anna Laudere) behutsam ins Leben zurückgeführt. Bäuchlings ausgestreckt drückt er seine Wange auf ein Blatt Notenpapier. Es folgt ein harter Schnitt.
Techniker rumpeln herein und vollführen routiniert einen Szenenumbau. Tänzer dehnen sich an der Brandmauer. Off-Show-Stimmung als Überleitung zum Produktions-Mittelstück „Intermezzo“, in dem Neumeier das Ballett des Beethoven-Zeitgenossen Salvatore Viganò auf heiter-witzige, verstaubt-altmodisch wirkende Weise zitiert. Aus Martínezʼ Beethoven wird Prometheus. Et voilà – da ist es: Neumeiers Faible zu Verschränkungen und Vielschichtigkeit. Er holt ein historisches Œuvre zurück in die Gegenwart und lässt darin mit schier kindlicher Faszination „seinen“ Beethoven die eigene Komposition erleben – aus Musikerperspektive (mit dirigierender Hand) und durch die Augen des Prometheus im Vollzug seiner Ballettrolle. Verflixt kompliziert.

Mit der Projektion eines Schiller-Zitats über „das Ideal des schönen Umgangs“ auf den Vorhang wird das Publikum in die Pause entlassen. Im Nachgang erst fügt sich der Text zum Rest. „Unzählige Bewegungen, die sich aufs Bunteste durchkreuzen und ihre Richtungen lebhaft und mutwillig verändern und doch niemals zusammenstoßen.“ Genau so wurde die anschließende „Eroica“ von Neumeier choreografiert. Als dunkler Kontrast dient der zum großen Pas de deux für Edvin Revazov und Anna Laudere kondensierte, mysteriös bedeutungsschwangere Trauermarsch. Herrlich-schön-virtuos-sinfonisch klingt das „Beethoven-Projekt“ aus. Toll und kurios, dieser Dreiteiler.

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