John Malcovich Wien

Diktatorenbetrachtungen mit Orgelbegleitung

John Malkovich Foto: Lalo Jodlbauer

John Malkovich spielt in Michael Sturmingers "Just Call Me God" einen irren Diktator 
Von Derek Weber
(Wien, Mitte März 2017) John Malkovich und der österreichische Regisseur Michael Sturminger mögen sich offensichtlich. Zum dritten Mal arbeiten sie nun auf der Bühne zusammen. Begonnen hat alles mit einem Stück über den österreichischen Sexualisten Jack Unterweger, der auf das Abmurksen von Prostituierten spezialisiert war ("The Infernal Comedy"). Es folgte ein Casanova-Projekt mit Sängern und Mozart-Musik ("The Giacomo Variations"). Die neueste Zusammenarbeit, die vor einiger Zeit in der Hamburger Elbphilharmonie zur Premierenreife gebracht wurde, hat einen Anflug von böser Diktatorenbetrachtung ("Just call me God – A Dictators’s Final Speech"). Orchester gibt es dabei keines, nur Orgelbegleitung.
Wir haben das Stück im Wiener Konzerthaus gesehen – als ein mit lockerer Hand aufbereitetes Kriminalstück ohne allzuviele pseudowissenschaftliche Belehrungen, dafür mit vielen überraschenden Wendungen, halb Komödie, halb zynisch unterkühltes Boulevardtheater ohne wirklichen Tiefgang. Kein Politologen-Theater also, das belehren will, keine blutige Tragödie (geschossen wird dennoch viel, und viele MP-Salven werden ver(b)raucht).
Es beginnt schon damit, dass sich der Phantasie-Diktator Satur Diman Cha (natürlich Malkovich selbst) als Putzfrau verkleidet auf die Bühne schleicht, seine Feinde meuchelt und den Reverend Lee Dunklewood (kein Geringerer als der Organist und Dirigent Martin Haselböck) bedroht, der sich dafür mit Orgelgetöse und –gesäusel rächt. (Unter anderem mit Musik von Johann Sebstian Bach, einem nicht unbekannten alten Ohrwurm über einen ominösen "whiter shade of pale" und eigenen Improvisationen.) Eine kamera-bewaffnete Journalistin (hart am Ball: Sophie von Kessel) interviewt den Diktator, derweil sich die Orgelmusik immer mehr verunklart und elektronisch einnebelt.
Für das Buch und die Regie sorgt Sturminger. Als Vorbild für den Diktator firmieren (vermutlich) Saddam Hussein und Mr. Mummar al-Gadaffi, zwei orientalische Despoten ohne Furcht und Tadel, aber mit einigem Öl in der Tasche. Ein Schuss Mao Zedong mag dabei sein. (Wenn man dessen Singsang einmal im chinesischen Original gehört hat, kommt einem Malkovich als Diktator plötzlich noch um einiges gefährlicher und authentischer vor. Auf jeden Fall agiert er um einiges durchtriebener,und macht weniger Herrschafts-Lärm als die Leute im arabischen Raum (die Türkei inklusive).
Dieser geräuschlose Präsident Satur Diman Cha – Lärm macht er nur beim Schießen – übt sein Grauen eineinhalb Stunden lang mit Geschick aus, wird aber am Ende doch erledigt. Er hat sich – das ist die Unterstellung des Stücks – in seinen unterirdischen Konzertsaal zurückgezogen, was zu mancherlei Anspielung auf Wiener Konzertsäle Anlass gab. An die Idee der Orgel als "historischem Machtinstrument" muss man sich allerdings erst gewöhnen, doch passt das Riesen-Konzert-Ding gut zur Kulisse für die finale Ansprache Satur Diman Chas. (Martin Haselböck weiß die Bedeutung der Orgel im Programmhaft gut zu argumentieren. Warum soll man nicht das königlich-herrschaftliche Instrument mit Hilfe von Sound-Design und Live-Elektronik zu einem diktatorischen Ungetüm machen?)
Dem ausnehmend jungen Publikum gefiel’s. Wirklicher Tiefgang und drastische Absurdität sind dabei nicht angesagt. Aber die gibt´s im zeitgenössischen Theater sowieso seltener, als man sich das wünscht.
Die Produktion selbst aber wird auf Tournee gehen, wohingegen Sturminger zuerst einmal bei den Salzburger Osterfestspielen Salvatore Sciarrinos "Lohengrin" inszeniert, eine Oper, die der Komponist selbst als durch eine "unsichtbare Handlung" charakterisiert sieht, ihm also das Gegenteil dessen abfordert, was er im Wiener Konzerthaus mit lockerer Hand vorführte.

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