Johanna auf dem Scheiterhaufen, München

Das Raunen der Geschichte

Julia Stemberger als Jeanne d’Arc und Chor Foto: Christian Zach

Das Oratorium "Johanna auf dem Scheiterhaufen" von Arthur Honegger und Paul Claudel halbszenisch in München
(München, 16. Dezember 2012) Das Oratorium "Johanna auf dem Scheiterhaufen" des Schweizer Komponisten Arthur Honegger machte nach seiner Uraufführung 1935 in Basel eine insgesamt beachtliche Bühnenkarriere. Das lag auch am Text des französischen Autors Paul Claudel, der eben nicht nur die Überhöhung der im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Freiheitsheldin Jeanne d’Arc im Sinn hatte, sondern der auch auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge und menschlichen Fehlleistungen zielte, denen das Todesurteil zu verdanken war. Claudel zeigt Jeanne in ihren letzten Minuten vor dem Tod, wie sie nochmals auf die Ereignisse ihrer Verurteilung zurückblickt. 25 Jahre nach Jeanne d‘Arcs Feuertod wurde das Urteil widerrufen und das Opfer rehabilitiert. Aber was nutzte das der Hingerichteten, die heute in Frankreich als Nationalheilige verehrt wird?
1942 entstand eine deutsche Fassung von Honeggers Oratorium, die in Zürich szenisch uraufgeführt wurde. Seither war das Werk für eine Weile auch auf deutschen Bühnen beliebt, geriet aber seit den 1960er Jahren aus dem Blickfeld. Die neue Leitung des Theaters am Gärtnerplatz machte aus der Not, sanierungsbedingt nicht im eigenen Haus spielen zu können, die Tugend, "Johanna auf dem Scheiterhaufen" ein bisschen szenisch in der Alten Kongresshalle auf der Theresienhöhe aufzuführen.
Starke Wirkung mit gezielten Mitteln
"Ein bisschen" heißt: Chor, Orchester und Solisten präsentieren sich auf der Bühne in Konzertposition, die Solisten agieren nicht. Aber sie tragen für diese Produktion entworfene Kostüme und werden in von Max Keller eigens gestaltetes Licht gestellt. Das macht doch eine starke Wirkung, denn dank der deutschen Fassung versteht der Zuschauer das Geschehen und kann auch den Wechsel der Lichtstimmungen deuten.
Die Kostüme – die Kleider der Damen, die Anzüge der Herren – lösen in ihrem metallischen Grau Assoziationen von Rüstungen des Mittelalters aus. Im 15. Jahrhundert spielt ja die Geschichte. Die Lichtführung hingegen mit ihrer punktgenauen Beleuchtung der Gesichter, dem Kontrast von weißem Licht im Vordergrund und farbigem hinten, da, wo der Chor steht, bereitet eine geheimnisvolle Stimmung, als ob hier ein antikes Drama herübergeraunt würde. Protagonisten, Schicksalsfiguren erscheinen und verschwinden. Eine bleibt immer im Licht: Julia Stemberger in der Sprechrolle der Johanna in ihrem metallisch wie ein Kettenhemd glänzenden Kleid.
Vorbild für andere Oratorien-"Inszenierungen"?
Geschickt nutzen Dramaturgie und Technik die Mittel des modernen High-Tech-Theaters, um ganz archaische Stimmungen zu schaffen – diese haben auch Textdichter und Komponist im Blick gehabt. Ein Oratorium derart mit den Mitteln der Bühne zu beleben, könnte durchaus Vorbild für andere Oratorien sein, ohne so weit gehen zu müssen wie in den szenischen und immer problematischen Umsetzungen etwa des "Messias" oder der h-Moll-Messe durch Achim Freyer.
Musikalisch kommt in der Produktion des Gärtnerplatz-Theaters alles auf den Punkt, ebenso bei den Schauspielern Julia Stemberger und Michael von Au (als Johannas Vertrauten, Bruder Dominik). Das Orchester musiziert die vielschichtige Partitur, die aus dem Zeitgenössisch-Atonalen genauso rekurriert wie aus Jazz und "fremdartigen" Klänge wie die der Ondes Martenot, unter dem Chefdirigenten Marco Comin mit Genauigkeit und Elan. Die vier Sängerinnen und fünf Sänger gestalten ihre Partien intensiv und engagiert, auch als Zuhörer wird man emotional davon berührt, was Johanna widerfährt. Das ist nicht zuletzt Julia Stemberger zu verdanken, die der Hauptrolle natürlich eine größere Reife verleiht, als man sie von einer 19-Jährigen erwarten würde. Stemberger kann ihre Emphase sehr genau kontrollieren und gestaltet mit der Sprache das, worauf sie in der Bewegung verzichten muss.
Ein stimmiger Abend mit einem eigentümlichen Werk, das deutlich die Zeichen seiner Entstehungszeit trägt aber auch heute dazu anregt, sich mit diesem brisanten Stoff unserer Kultur zu beschäftigen.
Laszlo Molnar

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