Jessye Norman gestorben

Die große Sopranistin Jessye Norman ist am gestrigen Montag, 30. September 2019, in einem New Yorker Krankenhaus an einem septischen Schock und multiplem Organversagen gestorben – als Folge von Komplikationen nach einer Rückenmarkverletzung, die sie sich bereits vor mehreren Jahren 2015 zugezogen hatte. Sie wurde 74 Jahre alt. Jessye Norman war eine der weltweit bedeutendsten Opern- und Liedinterpretinnen. Sie wurde am 15. September 1945 in Augusta, USA geboren und absolvierte ein Musikstudium an der Howard-University in Washington. 1968 gewann sie den Internationalen Musikwettbewerb der ARD und debütierte im darauffolgenden Jahr an der Deutschen Oper Berlin in der Rolle der Elisabeth in Wagners Tannhäuser. Internationale Erfolge brachten ihr die Debüts unter der Leitung von Claudio Abbado in London und Mailand. Seitdem begeisterte die Sängerin mit ihrem vielseitigen Repertoire weltweit das Publikum. Sie wurde fünfmal mit einem Grammy ausgezeichnet und 15 mal nominiert.
Die Stimme von Jessye Norman war einzigartig, sie besaß leuchtende Kraft und Ausdrucksstärke von Altlagen bis in lichten Höhen – egal ob im Liedgesang oder in der Oper. Dafür wurde sie viele jahrzehntelang weltweit gefeiert. Als eine „eine prachtvolle Villa des Klangs“ pries die New York Times einmal ihre Stimme.

Ihre Familie erklärte in einer Stellungnahme zu ihrem Tod: „Wir sind so stolz auf Jessyes musikalische Errungenschaften und die Inspiration, die sie Zuhörern weltweit gegeben hat.“ Man sei auch stolz auf ihr humanitäres Engagement gegen Hunger und Obdachlosigkeit und für die künstlerische Ausbildung junger Menschen. Ihr Vermächtnis bleibe „eine Quelle der Freude“.

„Jessye Norman verstand es über den langen Zeitraum von 40 Jahren bei jedem ihrer Auftritte ein Ereignis zu schaffen, das weit in den Alltag nachklang. Da handelte es sich nicht um oberflächige Events, sondern da stand in Oper und Konzert eine Künstlerin auf der Bühne, die immer alles gab, um die ganze Kraft der Kunst an ihr Publikum weiterzugeben. Die Festspiele sind dankbar für die vielen Sternstunden, die sie uns schenkte“, drückte die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, ihre Trauer um den Tod von Jessye Norman aus.

Über 40 Jahre stand Jessye Norman auf den großen Bühnen der Welt. Ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen gab sie am 21. August 1977 mit den Wiener Philharmonikern unter James Levine im Großen Festspielhaus. Auf dem Programm standen damals Wolfgang A. Mozart und Gustav Mahler. 42 Mal war sie insgesamt bei den Salzburger Festspielen zu Gast und begeisterte bis 2002 Publikum und Kritiker:
1987 war sie unter Herbert von Karajan mit Isoldes Liebestod zu hören. „Wenn zuletzt noch Jessye Norman erscheint, um Isoldes Liebestod zu singen, ist des Jubels der Zuhörer kein Ende mehr. Karajan hängt an den Lippen der Sängerin und formt mit sparsamen Bewegungen den herrlichsten Orchesterteppich unter ihren Gesang“, schrieb Wilhelm Sinkovicz am 17. August 1987 für die Presse.

Derek Weber zeigte sich am 13. August 1990 in den Salzburger Nachrichten nach einem Orchesterkonzert von der Sängerin überzeugt: „Gegenüber einer Künstlerin wie Jessye Norman, in deren Gesang sich natürliche Anmut und technisches Raffinement vereinen, bleibt dem Kritiker nur eines übrig: die Feder für einen kurzen Moment aus der Hand zu legen. Was geschrieben werden könnte, wäre banal und hilflos gegenüber dem, was man gemeinhin ‚Ereignis‘ zu nennen pflegt.“

Ihr Repertoire reichte von Schubert, Brahms und Mahler über Berg, Ravel und Tippett. Ihre Opernpartien waren genauso breit gefächert und erstreckten sich von Mozart, Haydn, Purcell und Gluck über Wagner, Verdi und Strauss bis hin zu Schönberg. Bis 1994 war Jessye Norman bei den Salzburger Festspielen fast ausschließlich in Liederabenden und Orchesterkonzerten, unter anderem unter Claudio Abbado oder Riccardo Muti, zu hören.

1995 interpretierte sie bei den Salzburger Festspielen die Frau in Robert Wilsons Deutung von Schönbergs Monodram Erwartung, das direkt im Anschluss an Herzog Blaubarts Burg von Bartók stattfand. Thomas Vogt schrieb dazu in der Opernwelt: „Wenn Jessye Norman schnellen Schrittes die Bühne betritt, […] dann ist das wohl noch Wilsons Regie, doch deutlich aufgeladen mit hochdramatischer Energie. Hier kommt keine Kunstfigur, sondern eine Sängerin, die fest entschlossen ist, ein Frauenschicksal darzustellen.“ Die Marmorbank, die Teil dieser Interpretation der Erwartung war, begrüßt heute immer noch im Faistauerfoyer der Salzburger Festspiele.
Von 1997 bis 2000 war sie gemeinsam mit dem Pianisten Mark Markham in sechs Solistenkonzerten zu hören. 1999 trat sie gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Seiji Ozawa bei einem Gedächtniskonzert anlässlich des 10. Todestages von Herbert von Karajan in Salzburg auf.

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