Simon Rattle mit dem LSO in Köln

Jenseits-Vertrauen

Das London Symphony Orchestra unter seinem neuen Chef Simon Rattle und Magdalena Kozena begeistern in Köln – auf dem Programm Mahler, Schubert und Bartok

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 18. Januar 2018) Im Moment teilt Simon Rattle seine Chefdirigentenposition zwischen den Berliner Philharmonikern und dem London Symphony Orchestra auf. Bei den Berlinern arbeitet er erfolgreich seit 15 Jahren. Manche Dirigenten hielte es vielleicht länger an einem derart prominenten Ort, aber Rattles Abschied in diesem Jahr ist ein künstlerisch logischer. Dass er für das LSO in das Land seiner Geburt zurückkehrt, mag emotionell mitbestimmend sein für seine Entscheidung aber kaum ausschlaggebend. In der aktuellen Saison tritt Rattle also mit beiden Orchestern auf, mit dem Londoner jetzt auch im Rahmen einer Tournee, an der auch seine Gattin Magdalena Kozena beteiligt ist.

Wie schon zwei Tage zuvor in der Elbphilharmonie bildeten Franz Schuberts „Unvollendete“ und Gustav Mahlers fünf Rückert-Lieder besondere Programmschwerpunkte. Während Simon Rattle das Hamburger Konzert jedoch mit Händel und Rameau abschloss, bildete in Köln Béla Bartóks Konzert für Orchester das Finale.

Zwischen Schubert und Mahler, den beiden am Leben so schwer leidenden Komponisten, wird wohl jeder unschwer Verbindungslinien herstellen können und in diese Schwermut-Situation auch Bartók einzubeziehen wissen. Der besonders tieflotende Programmheftbeitrag von Oliver Binder erinnerte an einen besonders einprägsamen Satz aus Schuberts (!) Erzählung „Mein Traum“: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz.“ In seinen Gefühlen derart hin und her gerissen schrieb Schubert seine Musik immer irgendwie am Rande des Abgrunds.

Die Sinfonie in h-Moll D 759 trägt den Namen „Unvollendete“ und besteht aus lediglich zwei Sätzen; ein dritter wurde vage entworfen. Es wurde verschiedentlich versucht, ihn zu ergänzen, doch gilt wie in vergleichbaren Fällen: Ein Fragment kann durchaus in sich geschlossen sein, Fehlendes muss nicht defizitär wirken.

Der erste Satz beginnt mit einem Klangzittern der Streicher, der zweite endet mit einem tröstlichen Dur-Schlussakkord. Dazwischen manifestieren sich heterogene Erlebniswelten, deren Bandbreite Simon Rattle mit dem LSO auf fast schon dämonische Weise auskostete. Wann zuletzt hörte man ein derartiges Pianissimo in den Kontrabässen, erlebte man ein derartig verschleiertes Gewebe der Violinen wie am Anfang der Sinfonie? Das lyrische Thema in den Celli ließ Rattle besonders zärtlich, sogar zögerlich klingen. Umso schmerzhafter die gelegentlichen Forteschläge, die sich aus einem dynamischen Nichts heraus windenden Crescendi. Auch das Andante bot emotionale Untiefen. Eine ebenso kontemplative wie erregende Interpretation, realisiert von einem fantastischen Orchester. Dass die heute so populäre Sinfonie einen recht langsamen Anlauf ins Repertoire nahm (beginnend mit der Tatsache einer posthumen Uraufführung), gehört zu den Kuriosa der Musikgeschichte.

Fast noch stärker als Schubert fühlte sich Mahler mit der Welt im Konflikt. Auch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertonten Rückert-Gedichte lassen Einblicke in das ungefestigte Seelenleben des Komponisten zu. Freilich künden die Texte auch von Jenseits-Vertrauen, von Geborgenheit „in meinem Lieben, in meinem Lied“.

Welche Sängerin verfügt über eine oder gar das optimale Mahler-Organ? Da stets Schmerzvolles Mahlers Musik durchdringt, möchte man bevorzugt für Stimmen wie Christa Ludwig oder Brigitte Fassbaender plädieren. Auch Magdalena Kozena gilt offiziell als Mezzosopran. Aber ihr Timbre wirkt ungleich aufgehellter, was auch ihre Debussy-Mélisande glaubhaft erscheinen lässt. Ihre Mahler-Aufnahmen laufen ebenfalls vielfach auf definitive Sopran-Partien hinaus (z.B. vierte Sinfonie). Bei den in Köln gebotenen Rückert-Gesängen überzeugten besonders das luzide „Ich atmet’ einen linden Duft“ sowie „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, von der Sängerin mit großem Atem und umsichtiger Textausdeutung gestaltet. Die anderen Lieder wirkten neutraler, wobei freilich zu erwähnen ist, dass in der rechten Saalhälfte (Rezensentensitz) die Stimme von Magdalena Kozena nicht immer ausreichend klangstark erlebt werden konnte. Ein wenig mehr Orchesterdämpfung (wie bei Schubert) wäre da wohl hilfreich gewesen.

Keinerlei Probleme gab es bei Béla Bartók. Dem 1943 entstandenen Konzert für Orchester hört man nicht an, dass es in einer für den Komponisten äußerst prekären Zweit entstand (USA-Emigration, Leukämie-Erkrankung). Aber das Werk fasst trotz einer mittig platzierten Elegia noch einmal lebensvoll Fuß, bietet sogar ausgesprochen Humorvolles (so bei den Holzbläsern). Simon Rattle entlockte dem wiederum optimal operierenden Orchester alle nur denkbaren Ausdrucksnuancen. Am Ende eines tragisch endenden Lebens kein Weltschmerz, sondern ein letzter Herzensgruß an das Leben.

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