Jean-Guihen Queyras

Konzertkritik: Jean-Guihin Queyras

Bach-Dialoge

Jean-Guihen Queyras Foto: François Séchet

Jean-Guihen Queyras spielt alle Cello-Suiten von Bach an einem Abend und kombiniert sie mit zeitgenössischer Musik
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 21. Dezember 2014) Es war schon ein sehr eigenwilliges Konzert des Cellisten Jean-Guihen Queyras in der Philharmonie. Aber es wurde von einer relativ kleinen, der Besucherstärke von Liederabenden vergleichbaren Zuhörerschaft geradezu frenetisch akklamiert, von Anfang an. Dabei handelte es sich mitnichten um ein vordergründig gefälliges, bequemes Programm. Zwar werden Einzelsätze von Johann Sebastian Bachs Solokompositionen für Violine und Cello gerne als Zugabe gewählt, aber von den Cellosuiten beispielsweise wird komplett kaum je mehr als eine gegeben. Queyras hingegen spielte alle sechs und ergänzte sie zusätzlich durch Auftragskompositionen, der er als „Vor-Echos“ bezeichnet.

Die Idee zu dieser Programmkonzeption kam dem Künstler, als er die Bach-Suiten im Studio einspielte. Das war 2007. Die CDs bieten Bach pur, aber bei Livekonzerten wählt Queyras nun stets die Kombination. Das ergibt (bei zwei Pausen) eine Konzertlänge von nahezu dreieinhalb Stunden, was allen Beteiligten hohe Konzentration abverlangt, dem Interpreten wie dem Publikum. Aber Musikhören muss nicht immer nur bequemer Genuss sein, sondern darf auch herausfordern.

Dies war in Sonderheit der Fall bei den „Vor-Echos“, unterschiedlich langen Reflexionen über Form und musikalische Sinntiefe der Bach-Werke. Am leichtesten zugänglich waren die drei kurzen Stücke „Der Glaube“, „Schatten“ und NN aus „Zeichen, Spiele und Botschaften“ von György Kurtag. In ihrer melodischen Struktur überzeugten sie entschieden mehr als die intellektuell sehr gespreizten Erfindungen von Ivan Fedele, Gilbert Amy, Misato Mochizuki, Jonathan Harvey und Ichiro Nodaira.
Die vielen Flageolett-und Glissandotechniken stellen höchste Anforderungen an die manuelle Sicherheit des Cellisten. Ob Queyras auch emotional voll hinter all diesen Stücken steht, muss offen bleiben. Immerhin hat er freimütig bekannt, dass er in den Jahren seiner Zusammenarbeit mit Pierre Boulez und dessen Ensemble Intercontemporain nicht von allem in Gänze überzeugt war, was er spielte. Aber seine Experimentierlust am Instrument, welche er in einem Interview ausdrücklich zu Protokoll gab, ist vermutlich ein starker Antrieb, den es zu respektieren gilt.

Die Neigung von Jean-Guihen Queyras zur Barockmusik und auch zur sog. historischen Aufführungspraxis hält sich in Grenzen, aber Bach ist für ihn „total immun gegen Kategerisierungen“. Bei allem Stilernst gehr er dessen Musik sehr körperhaft an, setzt gerne Akzente des Tänzerischen. Immerhin lernte er bei Anner Bylsma den „Esprit“ von Bachs Musik erkennen, den er in seinem eleganten Bogenstrich umzusetzen trachtet. Das machte den Kölner Abend ungeachtet gefühlter Längen kurzweilig und im besten Sinne unterhaltsam. Die starke Resonanz des Publikums mit Standing Ovations schien den sympathischen Cellisten offenkundig zu freuen.

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