Jazztival

Brasilien in den Alpen

Trio Da Paz Foto: Ralf Dombrowski

Beim 12. European Jazztival auf Schloss Elmau war Musik aus Brasilien im Fokus

(Elmau, 17.-19. November 2011) Es muss schlecht stehen um Europa, wenn sogar das "European Jazztival" in seiner zwölften Ausgabe dem Jazz auf dem alten Kontinent den Rücken kehrt und stattdessen den Blick nach Lateinamerika richtet. Ist nach den europäischen Banken und der europäischen Politik jetzt auch noch der europäische Jazz in der Krise? Ein schrecklicher Verdacht. Doch zumindest beim Jazz, kann Entwarnung gegeben werden. Nein, der Jazz steckt in Europa nicht in der Krise – vielmehr war es der Wunsch des Programmmachers und Jazzjournalisten Ralf Dombrowski, den Blick bei den von ihm initiierten Festival einmal über den europäischen Tellerrand hinaus zu wagen und sich nach Interessantem in der manchmal als die U-Musik des Jazz belächelten Latin-Szene umzusehen.

Herausgekommen ist eine kleine, aber feine Auswahl an brasilianischem Jazz, die freilich nicht den Anspruch erheben kann und will, repräsentativ zu sein. Nachdem das Jazztival von einer Woche auf drei Tage geschrumpft ist, kann man ohnehin nur mehr einige Spotlights erwarten.

Wie es sich gehört, überließ Dombrowski der Grande Dame des Bossa Nova-Pianos, Eliane Elias, die Eröffnung des Festivals. Das erste Stück, das sie mit ihrer Trioformation – Marc Johnson, Bass und Rafael Barata, Schlagzeug – spielte, klang wie bei anderen Bands die Zugabenummer: kraftvoll, grooviger Bossa-Jazz vom Feinsten in 5 Sekunden von null auf 100. Bemerkenswert an Eliane Elias ist nicht nur ihr unglaublich sicheres Stilgefühl für Rhythmik und Melodik aller nur erdenklichen Spielarten und Traditionen der Bossa-Nova, sondern mindestens genauso ihr viriler perkussiver Anschlag. Einfühlsam begleitet, kontrastiert, ja kontrapunktiert vom zwischen Spitzenklöppelei und Sambamaschine hin und her wechselnden Rafael Barata am Schlagzeug. Elias‘ jüngste CD sei gerade für einen Grammy nominiert worden, erzählt die Bossa-Lady, die ihre schwarzen Pumps zum Klavierspielen gerne auszieht, damit sie nicht so leicht von den Pedalen nicht abrutscht. Ihrer Grandezza mit schwarzem Abendkleid und schwarzen Seidenstrümpfen kann das nichts anhaben – im Gegenteil, es unterstreicht den natürlichem Charme dieser wunderbaren Musikerin.

Nicht minder beeindruckend war tags darauf der Auftritt des Trio da Paz um den fantastischen Gitarristen Romero Lubambo. Der latinisch-afrikanische wirkende Name verdeckt vollständig, dass der aus Rio stammende Lubambo holländischer Abstammung ist auch ganz danach aussieht. Rio und Sao Paulo sind ja genau so große ethnische Schmelztigel wie z.B. New York City, hierzulande wird das gerne vergessen und beim Stichwort Brasilien fast ausschließlich an dunkelhäutige Strandschönheiten gedacht. Doch Sao Paulo hat z.B. auch die größte japanische Community außerhalb Japans. Die Klischeevorstellungen über das größte Land Lateinamerikas hierzulande sind eben hartnäckig.
Lubambo, Jahrgang 1955, ist eine Gitarren-Koryphäe, er trat u.a. mit Al Jarreau, Cesar Camargo Mariano oder mit Yo Yo Ma auf. Sein Spiel auf der akustischen Gitarre ist von überragender Musikalität und Virtuosität. Letztere drängt sich aber nie in den Vordergrund. Faszinierend auch, mit welcher Souveränität dieses Trio zwischen Bach, Bossa-Nova oder Jazzstandards hin und herwechselt. Originell und differenziert begleitet von Duduka Da Fonseca am Schlagzeug und Nilson Matta (beide ebenfalls aus Brasilien) am Bass.

Eine abenteuerliche Mischung der Nationalitäten und Mentalitäten bot schließlich das Trio um den brasilianischen Gitarristen und Drummer Alegre Correa, der zusammen mit dem österreichischen Klarinettisten und Saxophonisten Gerald Preinfalk aus dem Dunstkreis des Vienna Art Orchestras und dem Klangforum Wien sowie mit dem aus dem Senegal stammenden E-Bassisten Alune Wade auftrat. Was die drei zum besten gaben, lässt sich vielleicht als Freak-Samba bezeichnen mit Einsprengseln aus der afrikanischen und europäischen Musik – ein Stilmix der etwas anderen Art mit dem musikalischen Chamäleon Correa, einem Musikberserker aus dem Geist der Spielfreude und Menschenfreundlichkeit.

Robert Jungwirth
und hier noch ein (Geschenk-)Tipp:

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