Järvi Kammerphilharmonie

Konzertkritik:

Friedvolle Gelassenheit

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi mit Beethoven, Strauss und Brahms in Köln
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 26. November 2014) Es gibt nicht sehr viele Künstler und Ensembles, die bereits im Eröffnungsjahr 1986 der Kölner Philharmonie gastiert haben. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gehört jedoch dazu und hat hier seither an die hundert Auftritte absolviert. Im letzten Jahrzehnt vor allem unter Paavo Järvi, welcher dem Klangkörper seit 2004 vorsteht, und ihn zu einem der weltbesten Orchester geformt hat. So manche Solokarriere startete aus seinen Reihen, andererseits sind manche gefragte Instrumentalisten der Kammerphilharmonie eng verbunden, wie die Cellistin Tanja Tetzlaff.
Die Arbeit unter Paavo Järvi, der ab 2015/16 beim NHK Symphony Orchestra in Tokyo eine neue Chefposition antreten wird, umfasst immer auch zyklische Projekte. So galt in den vergangenen Jahren eine besondere Aufmerksamkeit dem Oeuvre Robert Schumanns. Zuvor waren es die Sinfonien Ludwig van Beethovens, die man schon lange nicht mehr derart schlank im Klang und vibrierend im Rhythmus hören konnte. Die Widergabe seiner C-Dur-Sinfonie opus 21 erinnerte jetzt daran.
Zunächst erstaunte ein wenig Paavo Järvis rudernde und leicht ausufernde Gestik, welche den Taktschwerpunkten vorauseilte, wie das sonst eigentlich nur bei René Jacobs zu sehen ist. Das pendelte sich freilich bald ein, nahm der Musik nichts von ihrem pointierten Ausdruck, der messerscharf, dabei immer genügend locker realisiert wurde. Die Einwürfe der Holzbläser funkelten, das Blech fügte strahlende Affekt-Farben hinzu. Auch durch Järvis mitunter recht individuelle Dynamik erhielt die Musik einen hübschen Hauch von „Swing“, welcher dem lebensfrohen Werk angemessen war. Beim Schluss des Kopfsatzes gestatte sich der Dirigent imperiales Pathos. Im Andante cantabile nahm er das „con moto“ beim Wort und gab der Musik einen herrlich tänzerischen Schwung mit. Im Menuett hatte oft die Pauke das Sagen, Sommernachts-Atmosphäre kam im Finale auf.
Solche Quirligkeit ist in der Musik schon selber angelegt. Das führt sogar bis heute mitunter zu Kritik an einem nicht ganz „echten“ Beethoven. Aber Frühwerke sollten nicht akademisch aus der Rückschau bewertet werden, zu würdigen wäre vielmehr, was bereits keimt und nach vorwärts drängt, ohne gleich voll ausgeprägt zu sein. Im näheren Zeitumfeld Beethovens gälte dies auch für Franz Schubert oder einen Felix Mendelssohn, dessen jugendliche Streicher-Sinfonien ohnedies ein eigenes Kapitel bilden.
Umgekehrt ist die Sachlage bei Richard Strauss. Den so robusten wie empfindsamen Komponisten hatten die Kriegsereignisse (Zweiter Weltkrieg) mitgenommen, wenn nicht gar traumatisiert („Metamorphosen“). Sein Vermächtnis als Dirigent ist eine Aufnahme der Mondschein-Musik aus „Capriccio“ 1949 beim Bayerischen Rundfunk. Als Komponist schuf er noch ein so sublimes Wunderwerk wie die „Vier letzten Lieder“. Doch pragmatisch, wie er nun einmal konstituiert war, kamen von ihm auch einige „Handgelenksübungen“, was an Rossinis „Péchés de viellesse“ denken lässt. Das mit Oboe und Fagott solistisch ausgefallen besetzte Duett-Concertino von 1947 schwelgt zumindest zu Beginn in ungebrochenem, nostalgischem Dur. Das Concertino lässt noch einmal aufleuchten, was Musik an friedvoller Gelassenheit zu artikulieren imstande ist. Sanftes Melos und skurriler Humor gehen eine liebliche Allianz ein. Nostalgie – na und?
Paavo Järvi hat das Strauss-Opus mit der Kammerphilharmonie vor einiger Zeit aufgenommen, unter anderem mit dem auch jetzt Fagott-Solist fungierenden Higinio Arrué Fortea. Auffällig, wie stark der Spanier immer wieder in die Kniebeuge geht und sein brillantes Spiel quasi körperlich unterstreicht. Im Anfangssatz bewies er in einigen von Harfen-Arpeggien und Streicher-Tremoli grundierten Passagen, dass dem etwas nasalen Ton seines Instruments auch lyrische Qualitäten innewohnen. Grandios meisterte Klarinettist Matthew Hunt seinen anspruchsvollen, wie für eine „geläufige Gurgel“ angelegte Part. Paavo Järvi koordinierte mit dezentem Enthusiasmus all dies mit dem gleichermaßen empfindsamen wie ausdruckvollen Tonfall des Orchesters.
Den Abschluss des Abends bildete die vierte Sinfonie von Johannes Brahms, geboten in einer souveränen Mischung aus Sanftheit und dramatischer Energie. Dem das Allegro giocoso stark prägenden Triangel-Spieler wurde zuletzt übrigens besonders herzlicher Applaus zuteil. Dazu passte als Zugabe der Ungarische Tanz Nr. 10, viel zu selten gehört. Bei früheren Konzerten liebte es Paavo Järvi, als Encore den „Valse triste“ von Jean Sibelius spielen zu lassen. Dort Pianissimo-Raffinesse, jetzt Vollblut-Temperament.

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