Jaroussky Konzert

Einzigartiger Thrill

Philippe Jaroussky Foto: EMI

Philippe Jaroussky und Concerto Köln verzaubern in München mit Johann Christian Bach und Händel

(München, 28. November 2009) Er ist musikalischer Trüffelsucher und -finder wie Cecilia Bartoli. Doch während die Mezzosopranistin auf ihrem "Sacrificium"-Album verschiedenste neapolitanische Kastraten-Arien versammelt, widmet sich Philippe Jaroussky auf seiner neuen CD "La dolce fiamma" ausschließlich Johann Christian Bach. Und präsentiert schlicht vollkommen ein spannendes Spektrum an Opern- und Konzertarien ("Sentimi, non partir…Al mio bene", "Ebben si vada… lo ti lascio"), das zeigt, dass der jüngste Sohn Johann Sebastians, der "Londoner Bach", von "Artaserse" (1760) bis "La clemenza di Scipione" (1778) zwischen Barock, galantem Stil und Mozart-Nähe ein großes musikdramatisches Gespür und Können besitzt. Sei es in der zauberhaft melodiösen titelgebenden Arie aus "Adriano in Siroe" mit ihrem bei Jaroussky vibratolos aus dem Nichts geborenen "Cara!" oder im Lieblingsstück des Sängers ob der Schlichtheit und Schönheit der Melodie bei farbigster Bläserbegleitung, also Rezitativ und Arie "Perfida Carismandua! – Fra l’orrore" aus "Carattaco"! Hier zeigt der Countertenor, dass seine Stimme einen immensen Umfang hat, in der Tiefe ebenso schön klingt wie bei Spitzentönen. Ob wilder Presto-Furor, gespickt mit Koloraturen oder eine unendlich sich spinnende Adagio-Melodie: Alles singt der 31-jährige Franzose mit stupender Kunstfertigkeit und Ausdruck in jeder Phrase, jedem Ton. Dabei wird er von Le Cercle de l’Harmonie unter Jérémie Rhorer großartig differenziert begleitet.

Auch live – nun mit Concerto Köln – geht vom einzigartigen Thrill dieser Stimme und von diesem Musiker in jedem Takt eine Überzeugungskraft aus, die einzigartig ist: Jaroussky beginnt mit einer virtuosen Arie aus Bachs erster Oper "Artaserse", der ein dramatisches Rezitativo accompagnato vorangestellt ist, und vermag auf Anhieb sein Publikum im ausverkauften Herkulessaal zu fesseln. Folgerichtig und effektvoll beendet er den ersten Teil mit Ruggieros exzentrischer Arie aus "Alcina" ("Sta nell’ircana"). Am schönsten und bezwingendsten ist freilich sein traumhaft schwebendes berückendes Piano im Verein mit wunderbarem Legato und einem weitgespannten Atem. Das zeigt vor allem der zweite Teil: Denn Höhepunkt des Abends mit zehn großen Arien – drei Zugaben eingeschlossen – war wohl trotz vieler Entdeckungen aus der Feder von Johann Christian Bach das Händelsche "Scherza infida" aus "Ariodante".
Da mögen Kritiker noch so nörgeln, dass die Verzierungen bei der Wiederholung sich hier allzu frei vom Notentext wegbewegen. Doch bei Jaroussky dient jede Abweichung, jede feine Drehung der Melodie, jeder Zusatz einer Note der Steigerung des Ausdrucks und man hat den Eindruck, dass er dies live noch freier und exzentrischer, zugleich aber sanfter und introvertierter gestaltet als auf seiner Carestini-Platte. Das liegt vielleicht auch an den großartigen Musikern von Concerto Köln, die mit einer unglaublichen Wachheit, Geschmeidigkeit und Präsenz begleiten, dass es eine helle Freude ist.
Fazit: Es gibt derzeit keinen Countertenor, der zugleich so musikalisch, charmant, perfekt, scheinbar spontan, eben mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit singt – als würde er sprechen. Wie schön wäre es außerdem, wenn Sänger bei ihren Arien-Recitals immer ein so exzellentes Orchester zur Seite hätten wie Jaroussky bei seiner Deutschland-Tournee.
Klaus Kalchschmid

 

 



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