Jaroussky in Köln

Gymnastik am Schlagzeug

Philippe Jaroussky begeistert zusammen, Christina Pluhar und Gianluigi Trovesi sein Publikum in der Kölner Philharmonie

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 12. September 2017) Zu Beginn seiner Karriere hat Philippe Jaroussky hin und wieder kichernde Reaktionen erlebt, wenn er mit seiner hohen Counterstimme zu singen anhob. Solche Momente von Irritation haben sich heute zur Gänze verflüchtigt. Es herrscht im Bereich dieser speziellen Vokalkunst sogar ein ausgesprochener Boom, welcher fraglos auch mit der intensiven Vergegenwärtigung von Barockmusik in „historisch informierter Aufführungspraxis“ zusammenhängt. Auch die Counterstimme könnte man mit diesen Vokabeln belegen. Sie hat vornehmlich jenes Repertoire im Visier, welches früher von den Kastraten besetzt war. Dass ihre Kunst nicht mehr in vollem Umfang wiederzubeleben ist, versteht sich von selbst. Und die wenigen Aufnahmen des offiziell letzten Kastraten Alessandro Moreschi (entstanden 1902 und 1904) sind Dokumente, welchen man sich wirklich nur mit „historisch informiertem Gehör“ aussetzen kann. Beweise einstiger Faszination sind sie nämlich kaum.

Auch Philippe Jaroussky weist immer wieder darauf hin, dass er das Countersingen bestenfalls als eine Kunst der Annäherung betreibt, mit zwangsläufigen Grenzen hinsichtlich der Wiederbelebung historischen Repertoires. Was der französische Ausnahmesänger gleichwohl an Energie bei seinen Archivforschungen investiert (ähnlich wie seine häufige Partnerin Cecilia Bartoli), ist bewundernswert. Sein Engagement bleibt indes auf vergangene Jahrhunderte nicht beschränkt. Er versucht auch, sich mit seiner individuell timbrierten Stimme Werke anzueignen, die eigentlich nicht für sie gedacht sind wie jüngst „Les nuits d‘été“ von Hector Berlioz. Inzwischen werden aber verstärkt moderne Komponisten auf den Reiz des Counter-Organs aufmerksam. Einer der ersten war Benjamin Britten. Den Oberon in seinem „Midsummer Night‘s Dream“ verkörperte bei der Uraufführung 1960 Alfred Deller, Wegbereiter des Countergesangs nach dem Zweiten Weltkrieg. Philippe Jaroussky wird demnächst in Kaija Saariahos Oper neuester Oper „Only the Sound Remains“ auftreten.

Ein stilistisches Wechselbad bestimmt auch Philippe Jarousskys gegenwärtiges Tourneeprogramm mit Werken Henry Purcells, an welchem weiterhin Christina Pluhar mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata gebührenden Anteil hat. Die Werkzusammenstellung ist zwar mit einem originalen Titel des Komponisten überschrieben („Music for a while“), kündigt aber ausdrücklich an, dass die Musik des großen Briten in Arrangements und mit improvisatorischen Variationen – wie oft bei Pluhar – erklingt. Durch die Mitwirkung des primär im Jazzbereich tätigen Klarinettisten Gianluigi Trovesi wird diese Tendenz gewissermaßen mit einem Ausrufungszeichen versehen. Christina Pluhar, die mit einem Kollegen die Theorbe bedient, wie auch ein Zinkist repräsentieren „altes“ Instrumentarium. Als Tasteninstrumente stehen wechselweise Cembalo, Portativ und Klavier zur Verfügung; Violine und Kontrabass decken den Streicherbereich ab. Viel zu tun hat ein Schlagzeuger, der sich auch mit einigen gymnastischen Soli präsentiert. Heraus kommt bei alledem eine geschärfte, ja „freche“ Purcell-Musik, welche animiert und Spaß macht, einen mehr als jetzt gebotenen, anderthalbstündigen Abend aber wohl nicht tragen würde.

Philippe Jarousskys Stimme bildet hierzu einen aparten Gegensatz. Auch wenn der Sänger seine gestalterische Variabilität bis hin zu einem leicht fetzigen Humor auszudehnen vermag, ist sein fragil, weich und silbern strömendes Organ doch stärker bei Dowlands Melancholie beheimatet, so dass die beiden Lamenti der Dido („Dido and Aeneas“) besonders berührten. Dem Timbre von Philippe Jaroussky eignet eine besonders weibliche Note (seine eigentliche Stimme ist ein Bariton), klingt rein und unschuldig. Der Dirigent Arturo Toscanini bezeichnete die junge Renata Tebaldi einmal als „Engel mit der Himmelsstimme“. Diese Worte möchte man auch auf Jaroussky anwenden. Und obwohl sich der liebenswerte und charmante Sänger nun schon den Vierzigern nähert, verströmt er nach wie vor eine Aura von Kindhaftigkeit. Eine „böse“ Rolle auf der Opernbühne möchte man ihm eigentlich nicht zutrauen. Mit Leonard Cohens „Hallelujah“ verabschiedeten er und seine Muszierpartner sich von einem hingerissenen Publikum. Danach lange Schlangen am Signiertisch im Foyer der Kölner Philharmonie.

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