Jaroussky Counter

Glückshormone im Gesang

Die neue CD des Sopranisten Philippe Jaroussky mit Arien des berühmten Kastraten Carestini
Er war der große Gegenspieler des berühmten Farinelli und Nachfolger Senesinos in Händels Londoner Operntruppe: der 1700 geborene Kastrat Carestini. Ein Zeitgenosse schrieb über ihn: „Da er eine lebhafte Phantasie besaß, machte er alles, was er sang, interessant durch guten Geschmack, Energie und wohlüberlegte Verzierungen.“
Wir wissen heute nicht, wie ein Carestini geklungen hat, aber wer die CD des 29-jährigen Philippe Jaroussky hört, die chronologisch eine Anthologie aus Arien von Opern bietet, die der Kastrat zwischen 1724 und 1752 auf der Bühne sang, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Und gerät ins Phantasieren, ob Carestini wohl ähnlich schön und mit soviel erotisierendem Thrill gesungen hat wie der junge französische Countertenor, der mit dieser CD schon sein sechstes Solo-Album vorlegt.
Die Qualität der unverwechselbar schönen, einschmeichelnden Stimme, ihre Höhensicherheit, Geschmeidigkeit, Lebendigkeit und Ausdruckskraft ist schlicht phänomenal. Sie hebt Jaroussky über alle derzeit aktiven Countertenöre heraus, Andreas Scholl und David Daniels eingeschlossen. Egal, ob er große, sanfte, getragene, leise Lamenti singt, ein fahles Nonvibrato allmählich glanzvoll ausschwingen lässt – wie in einer Arie Giovanni Maria Capellis – oder gestochen scharfe Koloraturen in den Rache- oder Verzweiflungsarien wie ein Gewehrfeuer abschießt; ob er Melodiebögen weit aussingt, in der Wiederholung der Da-Capo-Arien ebenso virtuose wie ausdrucksvolle Verzierungen oder fulminante Spitzentöne setzt: Jeder Ton und jede Phrase sind wohlüberlegt und vollendet ins Ganze eingebunden – und doch klingt alles spontan und wie aus dem Augenblick geboren.
Das Urteil über Carestini, „seine Action war sehr gut, wie sein Singen feurig“, könnte auch für Jaroussky gelten, ebenso wie: „er hatte ein schönes Gesicht, um große und schöne Figuren darzustellen.“
Nicht zuletzt die Auswahl der großteils unbekannten Arien in diesem Carestini-Porträt besticht: Wer kennt schon Hasses „Titus“-Vertonung, „Demofoonte“ des jungen Gluck oder Carl Heinrich Grauns „Orfeo“, herrlichste Musik, die der zu einem Altisten gereifte Carestini am Ende seiner Laufbahn gesungen hat. Sie krönen die von Le concert d’astrée unter Emmanuelle Haïm ebenso aufregend wie differenziert begleitete CD, auch wenn Jaroussky da manchmal in das Brustregister wechseln muss und seiner hellen, leichten Stimme eigentlich die Arien des jungen Carestini, der wohl einen hohen Sopran besaß, besser liegen: Porporas „Siface“, Capellis „I fratelli riconosciuti“ oder Leonardo Leos „Farnace“.
Auch Händel wäre sicher begeistert gewesen, hätte er hören können, wie großartig Jaroussky die Preziosen aus seinen Meisterwerken „Ariodante“ und „Alcina“ singt – nicht zuletzt das todtraurige „Scherza infida“, aber auch den irren Furor in „Adrianna in Creta“. Wenn ein Mann mit seiner Stimme fähig ist, einem Füllhorn gleich, Glückshormone auszuschütten, dann heißt er Philippe Jaroussky.
Klaus Kalchschmid
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