Jansons Bruckner Haydn

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Glanz auch ohne Übersinnlichkeit

Mariss Janons mit „seinem“ Orchester in der Philharmonie im Gasteig

Mariss Jansons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Haydns Sinfonie Nr. 104 und Bruckners Siebter.
Für das jüngste Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie im Gasteig wagte sich Chefdirigent Mariss Jansons auf ein Terrain vor, das in München noch schwer von der Erinnerung besetzt ist: Bruckner. Vielleicht auch gerade deshalb war die Neugierde groß und der Saal daher vollbesetzt: wie würde Jansons mit der Siebten des verehrten Meisters umgehen? Jener Sinfonie, in der Celibidache ein Hochamt der Brucknerverehrung zu zelebrieren, eine Kathedrale des Brucknerklangs zu errichten pflegte?

Haydns D-Dur Sinfonie Nr. 104 vorweg fand jedenfalls freundliche Aufnahme. Obwohl Jansons bei dem von ihm hochgeschätzten Haydn nicht gerade in der Tiefe schürft sondern nach jenen Verbindungen der Themen sucht, welche die Musik in einem flotten Fluss halten, zeigt er sich auf der Höhe der Zeit der Haydn-Rezeption. Er formuliert in seinem Haydn-Bild die Tugenden der Klassik: mit größter Ökonomie ein Höchstmaß an Wirkung zu erzeugen. Dafür muss jede Orchestergruppe Profil haben, was heißt: hörbar sein; müssen die Holzbläser ein eigenes Gewicht gegenüber den Streichern haben und der Rhythmus muss spürbar sein. In kleinerer Besetzung erfüllte das Orchester diese Wünsche und präsentierte einen transparenten, dabei entschlossenen und kraftvollen Haydn, dem man schon abnahm, warum sein Londoner Publikum einst bei jeder seiner Sinfonien aus dem Häuschen geriet. Mit welcher Phantasie der über 60-jährige Meister seinerzeit seine Themen darauf abklopfte, was für Ideen selbst aus ihren kleinsten Splittern noch zu gewinnen seien, das erlebt man nur, wenn alle Musiker genau wissen, was sie im Moment spielen. Jansons behält das alles im Auge. Aber, ehrlich gesagt, auch hier dräut noch „Celis“ Schatten: von der schon fast nervenzehrenden Sorgfalt, mit der Celibidache Haydns Prozess der Ideenfindung zerlegte und quasi zum Mitschreiben ausbreitete, davon war Jansons hier sehr weit entfernt.

So gesehen muss man Jansons einfach auch ein anderes Bruckner-Bild zubilligen. Celibidaches Griff nach den Sternen durch größte Versenkung und Transzendenz kann keiner nachmachen. Celi nahm jeden Ton persönlich, platzierte den Klang der Flöte wie einen Stern am dunklen Streicherfirmament. Er malte mit den Tönen und schuf eine Skulptur aus Klang – fragt sich, ob das von Bruckner je so gedacht war. Jansons hingegen zeigte in seiner Sicht auf die „Siebte“ den robusten Bruckner, der gegen alle Widerstände an seine Musik glaubte und wusste, was er vom Orchester erwarten darf. Den ersten Satz nahm Jansons daher zügig und entnahm gleich dem ersten Thema vor allem seine Impulskraft. Eines reichte sich hier dem anderen. Die berühmten Steigerungswellen gaben sich knapp und zielgerichtet, so, wie man einen Hang mit Schwung nimmt. Janons nahm auch jede Gelegenheit wahr zu zeigen, dass nur wenig Blech so strahlen kann wie das bayerische. Das gab’s auch bei Celibidache, nur düsterer, fragender.

Das zentrale Ereignis dieser Sinfonie aber ist der zweite Satz. Er ist gleichsam ein unendliches Steigerungserlebnis, er führt den Hörer auf immer neue Höhen um ihn dort zu einer Totenfeier zu laden: Wenn die Streicher diesen ungeheuren Weg hinaufgegangen sind, krönt der Klang der Hörner und Wagner-Tuben den Gipfel, um daran zu erinnern, dass es der im Jahr der Komposition verstorbene Richard Wagner war, der diese Klangbahnen ebnete. Das gelang auch Jansons und dem Orchester ergreifend: Dirigent und Musiker gönnten den Klängen perfektes, von aller Mühe befreites Spiel. Auch solche Klarheit hat überirdischen Glanz. Es muss nicht gleich Transzendenz sein.
Frappierend ist immer wieder, wie Bruckner aus dieser Stimmung heraus den Anschluss des Scherzos schaffte. Es ist die Solo-Trompete, die ans jüngste Gericht erinnert und die kreisend sich wiederholenden Motive der tiefen Streicher, aus denen man ein Dies Irae hört. Auch das erschließt sich ohne Nachdruck, wenn es so präzise und im Bewusstsein großer Kraftreserven gespielt wird wie vom „RSO“. Dieser Satz kann den „al fresco“-Stil Jansons‘ besonders gut vertragen: er enthüllt dann die Souveränität, mit der Bruckner die Klänge und Rhythmen seiner Umwelt mit der neuen Welt der Wagnermusik verschmolz. In der Siebten gab es da keine Widersprüche mehr, und Jansons ließ die Musik gleichsam an der langen Leine laufen. Kaum verstehbar, dass das Wiener Publikum 1886 vor ihr in Panik floh!
Auch den letzten Satz ließ Jansons in diesem Sinne in die Zukunft blicken. Bruckner wusste die Klänge kühner und lustvoller zu schmieden als seine Zeitgenossen, Mahler eingeschlossen. Dieses brüchig-Eruptive macht sie auch heute noch sperrig, auf faszinierende Weise rätselhaft. In seiner Interpretation setzt Jansons mehr auf die Wirkung der äußeren Gestalt als auf die Botschaft der inneren Werte. Das geht bei Bruckner auch: es klingt herrlich, prachtvoll, raumgreifend. Bruckner, mit dem Geist im Himmel aber den Füßen auf der Erde, wäre dieser Jubel seiner Klangwelt wohl recht gewesen.
Laszlo Molnar
Nochmals heute, Freitag, 28. September um 20 Uhr in der Philharmonie im Gasteig in München.
Sendung im Bayerischen Fernsehen (Bildregie: Brian Large) am 14.10. (Bruckner) und 21.10. (Haydn), jeweils um 12 Uhr.
 

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