James Rhodes Klang der Wut

Musik als Rettungsanker

James Rhodes ist vor allem in Großbritannien ein sehr erfolgreicher Konzertpianist. Seine Auftritte, die er in Jeans und Turnschuhen absolviert und auch selbst moderiert, sprechen besonders ein junges Publikum an. Aber der Weg, der hinter ihm liegt, war ein Horrortrip. Als Kind wurde er missbraucht und konnte jahrzehntelang nicht darüber sprechen. James Rhodes rettete sich in die Musik, lernte Klavierspielen. In seinem Buch der Klang der Wut erzählt er davon.
Von Robert Jungwirth

Wenn James Rhodes über Bachs „Goldberg-Variationen“ sagt, dass diese Stücke mit ihm Dinge anstellen, „die sonst nur die stärksten Psychopharmaka zustande bringen“, weiß er wovon er spricht. Der englische Pianist, der 1975 in London geboren wurde, kennt sich mit klassischer Musik ebenso gut aus wie mit Psychopharmaka. Beide Themen sind Leitmotive in seiner Biographie „Der Klang der Wut“. In ihr erzählt Rhodes, Jahrgang 1975, von seiner psychischen Erkrankung als Folge eines schweren sexuellen Missbrauchs als Kind und von der Musik, ohne die er womöglich heute nicht mehr am Leben wäre. Musik „leistet Gesellschaft, wo keine ist, schenkt Klarheit, wo Verwirrung herrscht, Trotz, wo Verzweiflung ist und reine, hochdosierte Energie, wenn man sich leer, gebrochen und erschöpft fühlt“.

Im Alter von sieben Jahren begann das Martyrium von James Rhodes, als er vom Sportlehrer seiner Schule missbraucht wurde – über Jahre. Die Andeutungen des Jungen nahm niemand ernst, so blieb nur das Erdulden. Die Musik wurde für ihn zum Rettungsanker, durch sie bekam er wieder Hoffnung und Mut. Über viele Umwege und unglaubliche Zufälle gelang es Rhodes schließlich, als Pianist Karriere zu machen – und das nach etlichen Aufenthalten in offenen und geschlossenen psychischen Anstalten und einem missglückten Selbstmordversuch. „Als Kind vergewaltigt zu werden, ist der Everest des Traumas. Letztlich ist der Grund für meine Wut die Erkenntnis, dass in diesem Leben nichts und niemand mir helfen kann, diesen Zustand vollständig zu überwinden.“

Neben der Lebens- und Leidensgeschichte des James Rhodes erfährt der Leser in dem Buch auch einiges über Musik, nicht nur, aber hauptsächlich über Klaviermusik. Jedem Kapitel ordnet der Autor ein bestimmtes Stück zu und erklärt es auf sehr eigene, ungewöhnliche, aber durchaus originelle Weise. So liest sich „Klang der Wut“ wie ein Höllentrip mit klassischer Musik-Untermalung. Das hört sich verrückt an und ist es auch, zumal Rhodes nicht mit Drastik und derber Direktheit in der Wahl seiner Worte spart. Auch zum Musikbetrieb hat Rhodes einige Anmerkungen, und er lässt kein gutes Haar an ihm. Auf der einen Seite sei er hoffnungslos elitär, auf der anderen verdummend anbiedernd, hier „klassische Arschlöcher“, dort „Abwärtsverblödung“. Die klassische Musik müsse endlich aufhören, sich für sich selbst zu entschuldigen, fordert Rhodes. „Die Klassikableger der größeren Labels (Sony Classical, DG, WCJ usw.) sind möglicherweise die traurigsten Fälle von allen. Die meisten von ihnen sind von den Konzernzentralen in heruntergekommene Gewerbegebiete ausgelagert worden und operieren mit drei Mitarbeitern, einem Jahr für Jahr eingefrorenen Budget, dem strengen Verbot, neue Verträge abzuschließen, und dem beschämenden Gefühl, des größeren Labels kleinerer Bruder zu sein, der sich als Serien-Oma-Vergewaltiger entpuppt.“

Wenn man über die ersten Rotzigkeiten des Buchs hinweggekommen ist, wird klar, dass diese weniger Show als vielmehr Ausdruck einer schonungslosen Ehrlichkeit und Offenheit sind. Und Rhodes kann punktgenau formulieren. James Rhodes ist mit den Folgen des Missbrauchs tatsächlich durch die Hölle gegangen, da hilft keine Kosmetik in der Wortwahl, um das aufzuhübschen. Wem das zu heftig ist, der sollte besser zu leichterer Lektüre über die Verbindung von psychischen Problemen und klassischer Musik greifen. Für alle anderen bietet Rhodes Biographie einen bewegenden und auch verstörenden Einblick in Höhen und Tiefen der menschlichen Psyche und das unglaubliche Wirkungspotential klassischer Musik. Denn das ist Rhodes Buch vor allem: ein flammendes Plädoyer für die enorme Kraft der Musik und ein Appell, diesen Schatz der Menschheit möglichst allen Menschen ohne künstliche Barrieren zugänglich zu machen. „Klang der Wut“ ist das verrückteste Buch über die Segnungen der klassischen Musik, das bislang geschrieben wurde.

James Rhodes: „Der Klang der Wut“. Verlag Nagel & Kimche AG. 320 Seiten.

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