Järvi und das Baltic Sea Philharmonic begeistern in München

Nordlichter

Baltic Sea Philharmonic unter Kristjan Järvi mit nordischem Repertoire zu Gast im Münchner Herkulessaal

Von Klaus Kalchschmid

(München, 18. September 2018) Nach der Pause kam der Knüller – in jeder Hinsicht: eine 40-minütige Suite aus der über einstündigen Schauspiel-Musik zu Shakespeares „The Tempest“ von Jean Sibelius, zusammengestellt vom musikalischen Leiter Kristjan Järvi selbst. Und das auswendig! Nein, nicht nur dirigiert, sondern von allen jungen Musiker|innen der Baltic Sea Philharmonic, die aus den zehn Anrainer-Staaten der Ostsee stammen, auch gespielt: im Stehen, von den rund um den Dirigenten platzierten sechs Cellisten mit der Harfe im Zentrum einmal abgesehen!

Was für eine großartige, farbig abwechslungsreiche Musik, beginnend mit einer veritablen, ganz am ungestümen Geräusch orientierten See-Sturm-Musik! Später wechselt Sibelius immer wieder zwischen fast derber Tanz-Musik, etwa für den wilden Caliban oder die „Rüpel-Szenen“, und Feingesponnenem aus der Sphäre des Luftgeists Ariel oder Mirandas, zwischen atmosphärischen Natur-Szenen und der Imagination der Gedanken des Zauberers Prospero. Bei vollem Körpereinsatz in jede Richtung und nicht eingeengt von Stühlen oder Notenpulten musizierten alle sicht- und hörbar höchst inspiriert und waren mit 100% bei der Musik und beim Publikum im Saal, wie Järvi betonte, der selbst geradezu lustvoll elektrisiert schien beim Dirigieren.

Vor der Pause gab es einige kurze Stücke, die man im weitesten Sinne unter „Minimal Music“ einordnen könnte. Ob Wojciech Kilars „Orawa“, Gediminas Gelgotas‘ „Mountains.Waters.(Freedom)“ oder gar das Violinkonzert („Aurora“) von Kristjan Järvi mit Mari Samuelsen als Solistin, die zuvor bei einer Fassung der unverwüstlichen „Fratres“ von Arvo Pärt für Violine, Schlagwerk und Streicher im Mittelpunkt stand: Stets sind repetitive Strukturen im Vordergrund, was anfangs und in den Schluss-Steigerungen sich effektvoll ausnimmt, zwischendurch aber schon auch das Ohr ermüden kann. Als fulminanter Schlusspunkt des offiziellen Programms bebte der Herkulessaal dann dank des Kopfsatzes aus Imants Kalniņš vierter, seiner „Rock-Symphonie“. Das war eine auskomponierte, gewaltig anwachsende Steigerung mit immer mehr Einsatz des Blechs in scheinbar stetig anwachsender Lautstärke.

Selbst das wie immer eher gesetzte, ältere Publikum war danach aus dem Häuschen und ließ sich bei der zweiten Zugabe immer wieder zum Klatschen animieren. Aber wo blieb bei diesem zündenden Programm mit lauter jungen Leuten auf dem Podium die Jugend im Publikum? Es müsste doch in einer 1,5 Millionen-Metropole genügend Schüler und Studenten geben, die man im Unterricht neugierig macht auf ein Konzert, das tatsächlich Grenzen sprengt und das klassische Konzert-Ritual aufbricht. Immerhin gab es vom Veranstalter, der Tonicale, schon im Vorverkauf für Schüler und Studenten 50% Ermäßigung auf alle Eintrittskarten.

Werbung

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.