Iphigenie auf Tauris in Berlin

Geschwister- und andere Liebe

Peter Lodahl und Kevin Greenlaw Foto: Monika Rittershaus

Barrie Kosky inszeniert Glucks „Iphigenie auf Tauris“ an der Komischen Oper in Berlin
(Berlin, 22. April) Dass sich das nicht schon längst herumgesprochen hat! Nein, scharenweise treffen die Männer auf Tauris ein. Und alle werden – konform zur Sage – von Iphigenie getötet. Eine gefährliche Insel, die offenbar auch gerade umkämpft ist, was sowohl die starke Soldatenpräsenz erklärt, als auch die hohe Anzahl hinzumetzelnder Feinde. Griechische Tragödie und Irak-Krieg – beides hat Platz bei Barrie Kosky. Orest und sein Gefährte Pylades kauern als Gefangene auf dem Boden. Die Soldaten lichten sich, auf die Opfer pinkelnd, mit der Handykamera ab. Das Bühnenbild von Klaus Grünberg, ein flaches Becken, dahinter eine Wand aus erkalteter Lava lässt dagegen Zeitlosigkeit zu.
Regisseur Barrie Kosky gibt verschiedenen Affen Zucker, wenn er Glucks „Iphigenie auf Tauris“ (Fassung von 1779) an der Komischen Oper inszeniert. Psychologisch klassisch die Grundkonstellation: Iphigenie erkennt in einem der Opfer schliesslich ihren Bruder Orest. Sie wehren sich in geschwisterlicher Stärke gegen das Schreckensregime des Königs Thoas. Unter die Pranken des tierisch brüllenden Tyrannen (Ronnie Johansen) hat Kosky eine genau gezeichnete Figur gestellt: Geraldine McGreewys vom Morden völlig verstörte Iphigenie lässt genau bemessene Züge von Menschlichkeit erahnen, ihr dramatischer Sopran eine Spur Sanftheit. Orest (Kevin Greenlaw) aber ist dem Wahnsinn zu nah. Seine Augen rollen, wenn er an den begangenen Muttermord denkt (und Kosky dazu Scharen von halbnackten Alten auf die Bühne lässt), seine Stimme erschöpft sich in gequälter Ausdruckslage.
Bei Kosky darf sich auch ein Männerpaar lieben. Die Geschwisterliebe ist zwar Spannungsgrundlage der Tragödie – auf solch sicheren Boden verzichtet Kosky nicht. Aber er zeigt auch die homoerotische Beziehung zwischen Orest und seinem Diener Pylades. Zu Recht, denn in der durch die Begnadigung nur eines Partners gefährdeten Beziehung findet letztlich das stärkere, intimere menschliche Drama statt. Berührend, wenn die beiden nebeneinander stehen – mit Tüten auf dem Kopf – vereint und getrennt und doch zusammen im bevorstehenden Tod. Als sich Pylades später für den Freund opfern will, fragt Orest zornig: „Sind das die Zeichen deiner Liebe?“ Ja, und Lodahl hat hier die Gelegenheit, seinem sanften, einnehmend schönen Tenor einen Kraftschub zu geben. Er wird den Freund retten.
Jetzt tauchen auch wieder die Soldaten auf. Tumult und Geballer in der vorletzten Szene übertönen das stilsichere Hausorchester. Unter Paul Goodwins Leitung spielte es die das Partiturbild beherrschenden kurzen Noten mit einer Erregung, die der Bühne angemessen war. Wunderbare Schlichtheit zum Schluss: Wir hören Göttin Diana (Elisabeth Starzinger) beschwichtigende Worte singen. Ihre Friedensbotschaft aus dem Jenseits bringt sogar das Lavagestein zum Erweichen. Und der Oper das Happy End, wofür eine „dea ex machina“ wohl unverzichtbar war.
Um totale Logik geht es Barrie Kosky nicht. Statt sie rational zu kühlen, dreht der Regisseur an den dramaturgischen Schrauben der Stücke lieber eine Windung weiter als erwartet. Sein «Figaro» war eine Klamaukvorstellung mit Slapstick-Einlagen und sexualisiertem Personal bis zum bi- und transsexuellen Cherubino. Körperhaft die „Grand Macabre“-Inszenierung (beide an der Komischen Oper Berlin). „Hoffmanns Erzählungen“ am Schauspielhaus Wien zeigte Kosky noch traum-verrückter als die Vorlage schon ist – und wieder mit starker Trieb-Feder. Dass in der Künstlerbiographie des Opernhauses Koskys unerwartet keuscher „Lohengrin“ an der Wiener Staatsoper unterschlagen wird, spricht für sich. Für seine „Iphigenie“ spricht eine überraschende und klar erzählte Story, die auch von extremen Bildern nicht erdrückt wird. Nur ein Duett für die beiden Männer hat auch Kosky nicht finden können.
Benjamin Herzog

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