Intolleranza

Sekt und Folter

Opernbesucherin trifft Folteropfer Foto: Ida Zenna

Das Gärtnerplatz-Theater versucht Luigi Nonos Oper „Intolleranza“ als Münchner Erstaufführung zu aktualisieren
(München, 13. Mai 2007) „Immer ist die Entstehung meiner Arbeiten in einer menschlichen Herausforderung zu suchen: ein Ereignis, eine Erfahrung, eine Prüfung unseres Lebens fordert meinen Instinkt und mein Bewußtsein heraus, als Mensch und Musiker Zeugnis abzulegen“, sagte Luigi Nono 1962, kurz nach der Entstehung seiner Oper „Intolleranza“
Sie ist zweifellos eines der eindringlichsten musikalischen Zeugnisse dieses politisch so engagierten Komponisten – eine musikalische Anklage gegen Unterdrückung, Unfreiheit und Gewalt. Ein musikalisches Pamphlet mit einer eher skizzenhaften Liebesgeschichte als Rahmenhandlung. Wichtig ist das gesungene Wort, mehr als die theatrale Geste.
Regisseurin Florentine Klepper hat für die Münchner Erstaufführung der Oper vielleicht deshalb das Orchester als quasi handelnde Person auf die Bühne gestellt, in eine optisch sehr wirkungsvolle, auf mehrere Ebenen verlagerte Bühnenarchitektur von Bastian Trieb. Fünf riesige, weiße Bilderrahmen verjüngen sich nach hinten, lassen das Geschehen auf der Bühne quasi mehrfach medial vermittelt erscheinen. Videokameras, die die Menschen unablässig verfolgen, sollen aktuelle Formen von Unfreiheit und Überwachung symbolisieren. 
Pinkfarben gekleidete Personen schleppen Einkaufstüten über die Bühne, auf denen in großen Lettern das Wort Freiheit steht. Die Freiheit zum Konsum, die haben wir, zu der sind wir sogar verpflichtet. Consumo ergo sum. Das ist das Credo des Kapitalismus, dem alles andere untergeordnet wird.

Ich kaufe, also bin ich Foto: Ida Zenna

Von der ursprünglich von Nono thematisierten Bergarbeiter-Szenerie ist hier nichts zu sehen. Die Figuren tragen hübsche Anzüge. Und von Folter und Gefängnis auch nichts, weshalb die Regisseurin in den Irak überblendet. Ein Statist stellt das vielleicht bekannteste Folter-Motiv des Irak-Kriegs nach: die in abgerissene Fetzen gekleidete Person mit den Kabeln an den Händen und der seltsamen Spitzhaube – ein Sinnbild für menschenverachtenden Herrscherwahn, ein geradezu ikonografisches Mahnmal gegen den hegemonialen Größenwahn einer aus dem Ruder laufenden entdemokratisierten „Supermacht“.
Doch als dazu auch noch als Opernbesucher kostümierte Statisten das Folter-Opfer staunend und ratlos mit Sektgläsern in der Hand umkreisen, sinkt das Niveau der Aufführung doch stark ab. Diese Studententheater-Plakativität ist gerade deshalb ärgerlich, weil auf der anderen Seite auf die Einblendung des so wichtigen, mit zahlreichen literarischen Zitaten versehenen Textes verzichtet wird, der Zuschauer also auf die wenig ergibige Inhaltsangabe des Programmhefts zurückgreifen muß.
Stattdessen hört man einen mühevoll auf Gesellschaftskritik getrimmten neuen Zwischentext von Kathrin Röggla, der lautstark bis hysterisch von drei Sprechern vorgetragen wird und nach zwei Minuten nur noch langweilt.
Bleibt die Musik, die vom Orchester, dem Chor und den Solisten unter der kompetenten Leitung von Ekkehard Klemm mit großem Engagement spannungsvoll und eindringlich umgesetzt wird. Allen voran die beiden Hauptdarsteller der Tenor Stefan Vinke und die Sopranistin Cornelia Horak. So ist diese Münchner Erstaufführung musikalisch überzeugend, szenisch allerdings eher enttäuschend.
Robert Jungwirth
www.staatstheater-am-gaertnerplatz.de

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