Interview Richard Tognetti

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Richard Tognetti Foto: Agentur

(Juli 2016) Richard Tognetti ist seit 1989 Leiter des 1975 gegründeten, hoch gelobten Australian Chamber Orchestra, das in diesem Jahr beim Menuhin-Festival in Gstaad zu Gast sein wird. Im Interview mit KlassikInfo erzählt der Geiger, Komponist und Dirigent über sein Orchester, den Klang der Musik in Australien und seine Verbindung zur Schweizerischen Musikszene.
KlassikInfo: Sie haben unter anderem am Konservatorium in Bern studiert – was verbinden Sie persönlich mit der Schweiz und dem Menuhin-Festival in Gstaad?
Tognetti: Das war eine prägende Zeit in meinem Leben. Ich habe dort tiefe, lebenslange Freundschaften gefunden und viele außergewöhnliche musikalische Erfahrungen sammeln können. Eines meiner ersten Erlebnisse als Zuhörer war eine Probe, in der Heinz Holliger gespielt und Lutoslawski seine eigene Musik dirigiert hat. Ich blieb immer sehr eng in Verbindung mit Thomas Demenga und Hans Ruedi Hoesli, dem Geigenbauer in Brienz. Mit der Camerata Bern habe ich nur ein einziges Mal in Gstaad gespielt.
KlassikInfo: Was charakterisiert Ihrer Meinung nach das Orchesterleben in Deutschland oder der Schweiz und in Australien? Gibt es da große Unterschiede?
Tognetti: Es ist unübersehbar, dass Australien als ein sehr junges Land für klassische Musik – was auch immer dieser Begriff heutzutage bedeutet – der westeuropäischen Musik sehr offen gegenübersteht. Wir haben eine große Zukunft vor uns, solange wir weiterhin viel Wert auf unsere Ausbildung legen. Deutschland und in einem kleineren Ausmaß auch die Schweiz, haben diese großen traditionellen Orchester, die viele Musiker beschäftigen und die Traditionen der westlichen klassischen Musik am Leben erhalten. Ich bedauere es ein wenig, dass es zwischen uns allen nicht mehr Unterschiede gibt.
KlassikInfo: Wie kam es dazu, dass Sie in diesem Sommer ein Konzert beim Gstaad Festival geben? Was bedeutet das für Sie und das Orchester?
Tognetti: Christoph Müller, der Intendant des Gstaad Festivals, und ich gründeten eine Kammerorchester-Gemeinschaft, und das ACO brachte das Kammerorchester Basel 2015 für eine Tour nach Australien. Und das ist nun unser Besuch in der Schweiz, wir geben dort drei Konzerte.
KlassikInfo: Sie werden in Gstaad Mozart und Bach spielen, aber auch unkonventionellere Werke von Glass und Enescu. Ist diese Vielseitigkeit charakteristisch für das ACO?
Tognetti: Ich denke nicht, dass Enescu es mögen würde, als unkoventionell bezeichnet zu werden. Und obwohl deutschsprachige Hörer nicht so sehr an die amerikanischen Minimalisten gewöhnt sind und ungeachtet dessen, ob man Glass mag oder nicht – ich behaupte, dass seine Musik so konventionell wie irgend möglich ist und dass er vermutlich der meist – wenn auch nicht besonders sorgfältig – gehörte lebende Komponist ist. Seine Musik ist überall, z.B. durch Soundtracks. Ich würde deshalb nicht sagen, dass es sehr vielseitig ist, Glass, Enescu und Mozart zu kombinieren. Tatsächlich umfasst dieses Programm Werke, die Menuhin aufgeführt
KlassikInfo: Sie führen auch viele Werke von australischen Komponisten auf. Gibt es irgendetwas, das typisch für australische Musik ist, verglichen mit der zeitgenössischen Musik in Westeuropa?
Tognetti: Wir haben eine sehr markante Landschaft, die einen in Bewunderung und Staunen versetzt. Die wahren australischen Stimmen sind irgendwie darauf eingestimmt, sogar, wenn sie die Landschaft nicht direkt portraitieren.
KlassikInfo: Sie wurden mit 24 Jahren Dirigent des Orchesters – man kann also fast sagen, dass Sie mit diesem Orchester aufgewachsen sind. Fühlt sich das für Sie wie eine Familie an, all die Jahre mit diesen Musikern zu verbringen?
Tognetti: Ja, fast wie eine Familie – aber deine Familie kannst du dir nicht aussuchen…
KlassikInfo: Die Londoner „Times“ verkündete, dass das ACO das „beste Kammerorchester der Welt“ sei – wie würden Sie die Qualitäten des ACOs beschreiben?
Tognetti: Dieser Bericht macht mich ziemlich demütig, und es gab auch gegensätzliche Kritiken über uns. Dennoch war es natürlich erfreulich, vom anderen Ende der Welt auf diese Weise anerkannt zu werden. Wir sind immer auf der Suche, damit wir nicht verkümmern. Sobald du denkst, dass du etwas gefunden hast, wirst du es wieder verlieren. Es ist das beste, immer auf der Suche zu bleiben. Sobald du den Everest erklommen hast, musst du wieder runterklettern – deshalb erreiche besser nie die Spitze.
KlassikInfo: In welche Richtung möchten Sie sich mit dem Orchester weiterentwickeln?
Tognetti: Musik mit Film zu verschmelzen, indem sie für ihn maßgeschneidert wird, ist eine sehr spannende Entwicklung. Beim Konzerterlebnis geht es viel um diese Synästhesien, denn es geht hierbei um die flüchtige, pure Hörerfahrung. Auch unser Gehirn verändert sich, und deshalb sollten wir uns dieser performativen Erfahrung anpassen. Wir haben nun das dritte Auge in unseren Smartphones. Puristen haben aber ein Problem damit, diese in Konzerten zu verwenden. Eben diese Puristen hätten aber auch schon in Mozarts Zeit ein Problem mit der Hörerfahrung gehabt…
Interview Henriette Schwarz/Robert Jungwirth



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