Interview Reto Bieri

Dada in Davos

Reto Bieri Foto: Festival

Der Schweizer Klarinettist und Intendant Reto Bieri leitet seit September 2013 das Davos Festival, das in diesem Jahr (6.-20. August) unter dem Motto „Familienzone“ steht. Im Interview mit KlassikInfo spricht er über die diesjährigen Festival-Highlights und wie er den berühmten Berg-Ort durch Musik verwandeln möchte 
KlassikInfo: Das Motto des Davos Festivals in diesem Jahr ist „Familienzone“ – wie kamen Sie darauf, wo ist die Verbindung zur Musik?
Bieri: Familie heißt für uns alle Ursprung, Ausgangspunkt, erste Heimat, erstes Zuhause. Man kann durchaus sagen: Die Familie bildet so etwas wie den Grundton, den Grundakkord, die Tonika unseres Lebens. „Verwandtschaft ist Teilhaben an gemeinsamer Substanz“ sagt zum Beispiel der Musiktheoretiker Gustav Güldenstein in seiner Modulationslehre. Er bezieht sich damit ganz und gar auf das innermusikalische Geschehen.
Und tatsächlich ist der Begriff der „Verwandtschaft“ ein für die Tonalität wesentliches Kriterium, denn er bedeutet das in Beziehung setzen von Akkorden, Tonleitern oder Tonarten zueinander. Im durmolltonalen Bezugsfeld werden alle vorkommenden Klänge und Klangverbindungen ja immer auf ein Zentrum, man kann durchaus sagen, auf eine Familienzone, bezogen. Dieses Zentrum kann für kurze oder längere Zeit zu einem anderen Klang wechseln. Wir nennen dies Ausweichung oder Modulation. Der neue Bezugsklang steht dann wieder in enger Verwandtschaft zur Ausgangstonika und so weiter…
Es ist auffällig – um nicht zu sagen verblüffend -, dass viele Komponisten und Musiktheoretiker sich in der Terminologie des musikalischen Materials immer wieder auf die Familie beziehen: so kennen wir in Hindemiths Unterweisung im Tonsatz den Stammton, dessen Söhne, die Enkel und die Urenkel. Fritz Heinrich Klein – ein Schüler von Alban Berg – hat den sogenannten Mutterakkord entdeckt. Richard Wagner spricht mehrfach von Familienmitgliedern, wenn es um leitereigene Töne geht und sieht dann die Möglichkeit der Hochzeit zweier Familien über die Leittöne. Ein wunderbarer Gedanke. Wir kennen die Instrumentenfamilien, die Terzverwandtschaft ersten und zweiten Grades usw. Denken Sie diesbezüglich nur an die neuen Möglichkeiten dieser Mediantik bei Schubert und Beethoven. Wir kennen das Streichquartett als „Ehe zu viert“. Die großen Musikerfamilien und Dynastien Bach, Schumann, Mendelssohn, Strauss und ihre Geschichten habe ich noch gar nicht erwähnt. Sie sehen: die Familiezone ist ein weites Feld, durch und durch musikalisch…“does it sound familiar to you“?
KlassikInfo: Die Programme tragen Titel wie „Landpartie – Der Familienbrunch am See“, „Privatsphäre Kinderzimmer“ oder „Elternabend“ – sollen verstärkt Familien mit Kindern in die Konzerte gelockt werden? Was bedeutet das Motto für das diesjährige Programm?
Bieri: Bei allen Programmen geht es mir grundsätzlich um Zonen, wo Familie als solche stattfindet. Zum einen beschäftigen wir uns mit Adressen wie „Nussdorferstrasse 54“ – das Geburtshaus von Schubert – oder „Wohnung 49, Korpus 1, Ulitsa Entusiastov, die Wohnadresse unseres Gastkomponisten Valentin Silvestrov in Kiew. Zum anderen geht es um unsere ureigenen Privatsphären: das Kinderzimmer, die Küche und die Stube, wo noch immer DIE Gespräche, Geschichten, Zukunftspläne und Streitereien der Familie passieren. Es gibt Programmtitel, die mit der Erwartungshaltung an die Familie spielen und ganz bewusst mehrdeutig angelegt sind: „Harmonielehre“ „Heute leider Sonntag“, „Elternabend“ oder „Ödipussi“.
Und natürlich lassen wir uns vom Ehetagebuch der Schumanns oder von den Geschichten des noch lebenden Urenkels von Felix und Fanny Mendelssohn leiten und erkunden in „Habemus Papam“ den Einfluss von Johann Sebastian Bach auf seine Söhne. Es geht mir bei allen Programmen aber immer um Substanz. Die Programme müssen unbedingt musikalischen Sinn ergeben und inhaltlich ganz fundamental mit dem jeweiligen Thema verknüpft sein. Wenn Beethoven mit der Terz-Verwandtschaft spielt und dabei in op. 59/1 auch noch ein russisches Mutterlied zitiert, kommen wir da nicht vollends in die Familienzone?
KlassikInfo: Angebote für Kinder und Jugendliche, wie z.B. die Kinderkonzerte, gibt es ja schon länger beim Davos Festival – wird das Angebot in diesem Jahr noch stärker ausgebaut?
Bieri: Unsere Angebote für Kinder und Jugendliche sind in der Tat vielseitig – in jedem Jahr. Vom Hörgang im Wald für die Jüngsten, über die Kinderkonzerte bis hin zu den jungen Reportern, welche volle zwei Wochen unter fachkundiger Leitung für die Zeitungen schreiben und im Radio berichten, gibt es viele Möglichkeiten, am diesjährigen Festival als junger Mensch aktiv teilzunehmen – ob mit oder ohne Instrument. Auch bei den Proben sind junge Menschen stets willkommen. Im Fokus soll immer die Wahrnehmung als solches stehen! Wie riecht Musik? Welche Farbe hat die Zeit? Wie klingt das Holz?
KlassikInfo: Was sind für Sie die Highlights des diesjährigen Programms? Gibt es Uraufführungen?
Bieri: Da gibt es zum einen unsere eigene Kammeroper-Produktion in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Opernstudio, basierend auf einer grandiosen Oper Namens „Die Schweizer Familie“ von Joseph Weigl. Eine „Quasi-Uraufführung“. Dieses Musikdrama ist eines der meistgespielten Musikdramen des frühen 19. Jahrhunderts, mittlerweile ist das Werk aber komplett in Vergessenheit geraten. Eine herrliche Geschichte, die sich fast wie ein Beitrag zum Dada-Jahr lesen lässt und unsere Schweiz unter die Lupe nimmt. Das war übrigens die Lieblingsoper von Schubert. Dass wir dabei eine Einlagearie von Richard Wagner nach über 150 Jahren entdeckt haben und nun zur Aufführung bringen, sei hier nur am Rande erwähnt.
Dann gilt es natürlich, all die jungen Musikerinnen und Musiker zu erwähnen – über 80 an der Zahl, aus mehr als 20 verschiedenen Ländern. Entdeckungen durch und durch. Die „Young Artists“ sind volle zwei Wochen vor Ort, gestalten und beleben die Konzerte, wandern zusammen mit dem Publikum und mit Musik auf die Alp und zurück, geben Konzerte auch untertags im Bahnhof, im Supermarkt, im Kaffeehaus. Unser Kammerchor bietet zudem täglich ein „Offenes Singen“ für Interessierte mit Kaffee danach an.
Ich freue mich ganz besonders auf den diesjährigen Gastkomponisten Valentin Silvestrov, von dem wir über 18 Kompositionen vorstellen und der den Prozess des Entstehens von Interpretationen seiner Werke mit den jungen Musikern begleitet. Ein grandioser Musiker, Denker und Fühler. Ich freue mich auf die Nachtkonzerte unter dem Titel „Patchwork“, die in diesem Jahr von der Wiener Gruppe ALMA gegeben werden, das gemütliche Beisammensein danach, die Gespräche mit den Festivalbesuchern und all den Musikerinnen und Musikern und und und….Kurz: ich freue mich auf die ganze Familienzone 2016.
KlassikInfo: Sie sind seit dem 1. September 2013 künstlerischer Leiter des Festivals. Ist das bisher so, wie Sie sich das vorgestellt und gewünscht haben?
Bieri: Ein Festival ist immer eine lebendige und bewegliche Angelegenheit und drängt als solches zu einer stetigen Auseinandersetzung mit dem Dorfleben vor Ort, den eigenen Träumen und Vorstellungen und den Möglichkeiten an sich. Das liegt in der Natur der Sache. Und so soll es sein. Zwar beginnt das Leben sich mit der Musik und die Musik sich mit dem Leben in Davos nun langsam für zwei Festivalwochen miteinander zu verbinden, das ist ganz wunderbar und entspricht durchaus meinen Vorstellungen, doch bleiben die Unmöglichkeiten noch immer die schönsten Möglichkeiten…

KlassikInfo: Sie sind auch Klarinettist, traten sogar früher selbst beim Davos Festival auf – hilft es Ihnen bei Ihrer Aufgabe als künstlerischer Leiter, das Geschehen sozusagen von beiden Seiten der Bühne zu kennen?
Bieri: Ja, sehr. Ich finde, ein Festival macht nur Sinn, wenn es von der Substanz her, das heißt vom Innenleben der Musik her, gedacht ist und rührt. Die Liebe und Sorgfalt zur Musik, die Liebe zu den Künstlern, zu den Dingen und den Umständen ist fundamental, und das überträgt sich dann eben auch ganz und gar auf die Festivalbesucher und das Umfeld, was durchaus eine schöne Sache sein kann.
KlassikInfo: Im Gespräch mit einer Schweizer Zeitung haben Sie einmal gesagt, dass Sie eigentlich Pfarrer werden wollten. Gibt es Parallelen zwischen einem Geistlichen und einem Musiker?
Bieri: Meine Aussage wurde bei dem von ihnen erwähnten Interview ein wenig reduziert. Priester war einer von vielen Berufen. Als Kind wollte ich auch Zirkus-Clown, Landwirt mit einem großen Stall und später ein seriöser Dichter werden – nicht nur, um den Mädchen zu gefallen. Aber in der Tat ist es wahrscheinlich so, dass gute Interpreten irgendwo zwischen einem überzeugenden Priester und einem poetischen Clown angesiedelt sind! So bin ich im Betätigungsfeld des Musikers nun ganz und gar zu Hause. Das ist quasi meine Familienzone.

KlassikInfo: Was sind Ihre Visionen für das Festival in den kommenden Jahren?
Bieri: Eine Vision? Ich möchte den Ort und die Menschen vor Ort mit dem Festival fundamental verändern und verzaubern! Jeder Einwohner soll letztlich ein feinfühliger Musiker sein, der mit offenen Ohren und weiter Seele für die Berge vor Ort, das andere Tal, all die Besucher, die Touristen und den Nachbar Mozart spielt. Jeder, der dann als Gast nach Davos kommt sollte sofort merken: Aha, da tut sich etwas in den Schweizer Bergen, etwas, was man Leben nennt. Und jeder sollte dann sofort merken, dass das, was man in Davos Leben nennt, durchaus etwas an sich hat…. Das wäre doch eine Vision für einen Ort und ein Festival! Und wäre dies mit Musik nicht ganz und gar zu erreichen? Wenn, dann nur mit Musik…
Interview: Robert Jungwirth/Henriette Schwarz
www.davosfestival.ch

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