Interview Nina Stemme

Cecilia Bartoli Foto: Alberto Venzago

Interview Nina Stemme

KlassikInfo: Mit Ihrer Isolde in Bayreuth haben Sie 2005 die Wagnerwelt erobert. Wann zeichnete sich ab, dass Sie eine hochdramatische Wagnersängerin werden würden?

Stemme: Erstmals 1995, als ich in Göteborg die „Madama Butterfly“ sang, ließ ein Dirigent anklingen, ich sollte die Isolde einstudieren. Ich habe damals einfach nur gelacht, kannte ja diese lange, dramatische Partie noch nicht einmal und habe diesen Vorschlag gar nicht ernst genommen. Ein paar Jahre später hat sich mein Repertoire entscheidend geändert: Die „Pamina“ in der „Zauberflöte“ legte ich ab, die Elisabeth im „Tannhäuser“ kam dazu. Von der Sieglinde fing ich an zu träumen. Als ich 2000 in Antwerpen mein Rollendebüt als Senta gab, schrieb ich an Birgit Nilsson, dass ich wohl damit meine Grenzpartie erreicht habe. Ein paar Wochen später wollte man mich in Glyndebourne schon als Isolde engagieren.

KlassikInfo: Sie erwähnen Birgit Nilsson. In welchem Kontakt standen Sie mit ihr?

Stemme: Ich habe sie nur in ihren letzten Jahren als schon reifere Sängerin noch live erlebt, damals aber vom Hören nicht ihre stimmliche Technik ableiten können. Leider habe ich nicht mit ihr gearbeitet, war auch nie auf einer Masterclass von ihr. Ich hab’ mich nicht getraut, das habe ich später sehr bereut.

KlassikInfo: Sie standen aber durchaus in persönlichem Kontakt mir ihr.

Stemme: Als ich 1996 ein Stipendium in Västra Karup bekam, habe ich ihr aus Dankbarkeit ein paar Zeilen geschrieben, wie es mir geht und was ich mache. Hatte ich mal eine Frage, half sie mir mit wenigen Worten weiter. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon zweifache Mutter und drei Jahre später kam das dritte Kind. Nilsson hielt nicht viel davon, als Sängerin Kinder zu bekommen, entschied sich ganz bewusst dagegen.

KlassikInfo: Viele hochdramatische Sängerinnen früherer Generationen widmeten ihr Leben ganz der Bühne, entschieden sich dezidiert gegen Kinder, um alle Energien für das Singen zu sparen, sei es Martha Mödl, Elisabeth Schwarzkopf, Ludmila Dvorakova oder Catarina Ligendza. Dagegen zählen Sie zu einer Generation, in der kaum noch eine Sängerin auf Kinder verzichten will. Demnach ist es kein Problem, Familie und diesen Beruf zu vereinbaren?

Stemme: Ich habe alles auf einmal gemacht, eine Familie gegründet und meine Karriere begonnen. Ich hatte allerdings auch den richtigen Mann. Wir haben uns alle Aufgaben geteilt.

KlassikInfo: Was für eine Frau ist Ihre Isolde?

Stemme: Ich versuche grundsätzlich, das Menschliche all meiner Figuren herauszustellen. Seit meinem „Tristan“ in London ist Isoldes Hass auf die eigene Liebe für mich ein Schlüsselwort für den ersten Akt. Wie stark ist die Beziehung zwischen Marke und Isolde? Sie verändert sich sehr, und ich spiele noch damit, versuche allerdings auch offen für den Regisseur zu sein, weil ich glaube, dass es eine Inszenierung kaputt macht, wenn ich zu sehr meine eigene Isolde darstelle.

KlassikInfo: Machen Sie alles, was ein Regisseur von Ihnen verlangt?

Stemme: Nein. Sehe ich Dinge anders, rede ich entweder mit ihm darüber oder ich zeig’ es.

KlassikInfo: Wie bedeutend ist die Isolde für Sie?

Stemme: Sie ist eine Endstation, aber man wird nie fertig mit ihr und man entdeckt jeden Abend neue Facetten. Das finde ich faszinierend.

KlassikInfo: Für viele Wagnersänger geht ein großer Traum in Erfüllung, wenn sie nach Bayreuth eingeladen werden. Sie haben 1994 als Freia im „Ring“ dort Ihr Debüt gegeben. Wie war es für Sie?

Stemme: Mir hat das Vorsingen gereicht, ich war superglücklich, als ich diese Akustik mit dem Klavier auf der Bühne erleben durfte. Ich kam damals mit einem Baby, in den ersten Bühnenproben habe ich noch nicht gesungen. Aber es war für mich interessant, den Dirigenten und vor allem die Kollegen zu beobachten. Ich hab versucht, mein Bestes zu geben und gemerkt, dass Bayreuth letztlich ein Opernhaus ist wie alle anderen.

KlassikInfo: Und doch ist immer noch vom Mythos Bayreuth die Rede…

Stemme: Der Mythos bezieht sich auf das Festspielhaus und Richard Wagners Ideen, wie seine Opern dort aufgeführt werden sollten. Wagner war ein Visionär, und wenn es um Visionen und Träume geht, bin ich auch sofort dabei. Doch werden Wagners Werke heute überall aufgeführt und man kann jederzeit an einem gleichwertigen großen Wagnerevent anderswo teilhaben. Ich wünsche mir, dass Bayreuth wieder zu einem Treffpunkt für die größten Wagnersänger wird.

KlassikInfo: Sie wurden in Bayreuth als Isolde gefeiert, die Inszenierung von Christoph Marthaler stieß dagegen auf weniger Zustimmung. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?

Stemme: Man muss den Mut haben, sich zu öffnen für so eine Interpretation. Ich hätte szenisch vielleicht noch mehr machen können, das hätte aber nur funktioniert, wenn das übrige Ensemble und der Dirigent mitgezogen hätten. An dem war leider nicht so.

KlassikInfo: War das der Grund, warum sie die Isolde im dritten Bayreuth-Jahr abgegeben haben?

Stemme: Für das dritte "Tristan"-Jahr war ich von Anfang an vertraglich für eine DVD-Produktion in Glyndebourne in Bayreuth freigestellt, im vierten Jahr kam ich nicht mehr wieder, weil Regisseur Christoph Marthaler, den ich sehr schätze, dieser Produktion fern blieb.

KlassikInfo: Demnach ist Bayreuth derzeit nicht so ein Magnet, dass sie unbedingt wieder dorthin wollen?

Stemme: Ich möchte einmal eine Kundry dort singen, einmal den „Parsifal“ an dem Ort aufführen, für den er geschrieben wurde.

KlassikInfo: Sie haben mittlerweile auch die anspruchsvollste Partie in Ihrem Repertoire, die Brünnhilde!

Stemme: Ich war mir lange nicht sicher, dass diese Partie etwas für mich ist. Es ist so eine Riesenherausforderung! Ich fand die Sieglinde perfekt, sie ist eine echte Heroine. Brünnhilde ist nicht durchweg eine positive Figur, zu schaffen machen einem auch die großen Intervallsprünge. Es braucht Zeit, sie in die Stimme zu bekommen.

KlassikInfo: Was gab den Ausschlag, die Partie doch zu wagen?

Stemme: Ich bin ein neugieriger Mensch, was kann man nach der Isolde noch singen? Gleichzeitig bin ich vorsichtig. Mit meiner jetzigen Bühnenerfahrung möchte ich eigentlich die Figur nochmal einstudieren. Wir sind ja auch sehr alleine auf der Bühne. Ich versuche bei Proben immer jemanden für ein Feedback zu finden, um besser zu werden oder um zu verstehen, was ich mache. Ich höre ja nie meine eigene Stimme.     

KlassikInfo: Werden Sie Ihren Fokus auf Wagner in den kommenden Jahren erweitern?

Stemme: Ich möchte die Partien singen, die zu mir passen, eigentlich auch mehr italienische. Bislang scheiterte das an den Inszenierungen. Ich finde viele zu altmodisch, der Text kommt oft zu kurz. Von reinem Gesangszirkus halte ich gar nichts.

Interview: Kirsten Liese

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