Interview mit Vizioli

Auslöschung einer Kultur

Stefano Vizioli

Im Opernhaus Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon hat am 4. April Antonio Vivaldis Oper in drei Akten „Montezuma“ Premiere. Die Oper wurde erst 2002 wiederentdeckt. Der Musikwissenschaftler Steffen Voss fand sie in einer Manuskript-Sammlung der Berliner Sing-Akademie, die in der Staatsbibliothek zu Berlin – Sammlung Preussischer Kulturbesitz aufbewahrt wird. Von der Sammlung hatte man angenommen, dass sie im zweiten Weltkrieg verloren gegangen sei. Wieder aufgefunden wurde sie in Kiew. Dabei handelt es sich um die Sammlung, die die Bibliothek von Carl Philipp Emanuel Bach umfasst und das kostbare „Alt Bachische Archiv“, ein Verzeichnis der Musik, die von seinen Vorfahren komponiert worden war. Welch ein Zufall, darin Musik von Vivaldi zu entdecken. Die einzige Erklärung dafür kann nur die Wertschätzung sein, die Johann Sebastian Bach den Kompositionen des „Prete rosso“ entgegenbrachte.
Montezuma war wahrscheinlich eines der letzten Libretti, die speziell für Vivaldi geschrieben wurden. Es behandelt ein exotisches Thema: die Eroberung Mexicos durch Cortez und die Niederlage des Häuptlings Montezuma. Solch ein Thema bot im 18. Jahrundert reichlich Anlass für eine Inszenierung, in der spektakuläre Effekte nicht fehlen durften. In Lissabon wird der Regisseur Stefano Vizioli die Oper inszenieren. Franco Soda hat mit ihm vor der Premiere gesprochen.
Herr Vizioli, Sie inszenieren zum ersten Mal Vivaldi. Hatte er ein Gespür für die Operndramaturgie?
Richtig, das ist mein erster Vivaldi, aber nicht der erste Barockkomponist, mit dem ich mich beschäftige. Ich habe schon Giulio Cesare und Acis und Galatea von Händel inszeniert und fühle mich daher mit dem Repertoire dieser Zeit vertraut. Montezuma ist eine eigenartige Oper. Sie ist voll von Wiedersprüchen der Gefühle und, vor allem, von politischen und kulturellen Gegensätzen. Das ist eine für die Zeit untypische Oper, die dem Regisseur viele Möglichkeiten eröffnet.
Was machen Sie damit?
Grundsätzlich fühle ich mich nicht sonderlich von sogenannten philologischen Fragen angezogen. Also Rekonstruktionen einer gewissen archäologischen Art. Im Gegenteil, ich finde, dass es im ganzen Barockrepertoire etwas Modernes, Freies, ein Spektrum kreativer Möglichkeiten gibt, die für einen Regisseur sehr anregend sind. Die Grundlage dieser Kreativität sind die „Affekte“. Ich konzentriere mich daher darauf, diese heraus zu arbeiten. Dafür verlange ich von den Mitwirkenden, dass sie die Gefühle selbst durchleben. Die Energie der Szene wird sich aus ihrer Darstellung der widersprüchlichen und unterschiedlichen Leidenschaften ergeben: Widerspruch, das Unterschiedliche und eine Fantasie, die immer wieder alles in Frage stellt, sind die Grundlage dieser Produktion.
Wird es eine „moderne“ Inszenierung werden oder wollen Sie sich an die Zeit halten, in der sich die Geschichte abspielt?
Die Handlung bezieht sich sehr genau auf einen Moment in der Menschheitsgeschichte oder besser, auf die völlige Auslöschung einer Kultur. Für eine Gesellschaft, die das Verschiedenartige immer als Feind versteht, in dem Sinn, dass man sich nicht kennt und das man nicht miteinander umzugehen versteht ist daher das „andere“ immer gefährlich. Die Spanier sind dieses Feindliche, auch farblich: man erkennt sie an ihren schweren Kostümen in finsterem Schwarz. Sie wirken hart, strafend. Die Azteken dagegen sind eine Eruption der Farben und des Lebens, der Natürlichkeit, aber auch des Stolzes. In meiner Regie ist dieser Völkermord an einer präcolumbianischen Kultur immer präsent, auch, weil es in der Oper wenig um Liebe geht aber um so mehr um politische und kulturelle Gegensätze. Das Bühnenbild wird aus einer riesigen goldenen Fläche bestehen, die von Blutflecken übersäht ist. In diesem leeren Raum werden sich die Leidenschaften und Gegensätze der Handelnden entfalten, die alle dazu bestimmt sind, Verlierer zu werden. Das sogenannte „lieto fine“ ist nur ein grotesker Vorwand, um die Oper irgendwie zu beenden.
Franco Soda

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