Interview mit Gasteig-Chefin Brigitte von Welser

Die „Eventisierung“ schreitet voran

Brigitte v. Welser       Foto: B. Stenzel

(München, März 2007) Interview mit Gasteig-Chefin Brigitte von Welser über einen möglichen dritten Konzertsaal für München
Klassikinfo: Wie blicken Sie als Chefin des Gasteigs auf die laufende Diskussion, ob das Marstallgebäude saniert wird und dort ein neuer Konzertsaal entstehen soll?
Von Welser: Zunächst einmal freue ich mich, dass sich mit dem Marstall etwas bewegt.
Das ist sicher eine ganz tolle Initiative. So weit ich die Diskussion verstanden habe, auch den Auftrag, geht es ja jetzt eigentlich um eine Machbarkeits-Studie und um ein Ausloten von verschiedenen Nutzungsformen. Worunter natürlich die, einen Konzertsaal reinzubauen, in meinen Augen die brisanteste ist.
Das ist aber sehr nachvollziehbar, weil wir hier mit der Philharmonie in diesem riesigen Kulturzentrum lange Jahre eine unangefochtene Stellung hatten und auch ein Defizit abgedeckt haben, das es eben in der Musikstadt München gegeben hat. Und jetzt den Gedanken in sich zu bewegen, dass es einen weiteren Konzertsaal gibt, ist für uns schon sehr befremdlich. Aus verschiedensten Gründen: einmal, weil ja immer wieder deprimierende Zahlen über die Besucher veröffentlich werden, und wir hier auch ein Stück weit nachvollziehen können, dass der Bedarf an Unterhaltung mit klassischer Musik bei der jüngeren Generationen offensichtlich abnimmt.
Wenn wir hier feststellen, dass wir eigentlich noch sehr gut gebucht sind und auch die Veranstaltungen relativ gut besucht sind, dann hängt das damit zusammen, dass es noch ein sehr treues älteres Publikum gibt.
Heute 40jährige finden Sie schon eher schwerlich in den Konzertsälen und da dank der Bildungspolitik und dem Niedergang der musischen Fächer die Elterngeneration zum Teil schon in ihrer Jugend gar nicht mehr mit der Möglichkeit konfrontiert worden ist, ganz selbstverständlich in einen Konzertsaal zu gehen, fürchte ich, kommen die auch nicht wieder, wenn sie älter sind, weil sie dieses Ur-Erlebnis nicht hatten.
Wenn man jetzt wirtschaftlich denkt, ist es schon problematisch, einen sehr großen, bereits existierenden Saal zu haben und zusätzlich einen schicken, neuen Saal. Und beide sollen wirtschaftlich arbeiten, weil sie ja viel Geld gekostet haben.

Foto: B. Stenzel

Klassikinfo: Wie stark ist die Auslastung der Philharmonie im Gasteig?
von Welser: Die Philharmonie ist nach wie vor sehr gut ausgelastet. Wir versuchen natürlich im Schachtelsystem möglichst vieles unterzubringen und haben, seit der Kongresssaal des Deutschen Museums nicht mehr existiert, auch relativ viel, was am Anfang gar nicht so gedacht war, auch Veranstaltungen und Events im Bereich des Unterhaltungsgenres. Wir stellen aber fest, dass die privaten Konzertveranstalter, die es ja Gott sei Dank in München noch gibt, sagen, dass das „klassische Konzert“ für sie immer schwieriger zu vermarkten ist. Die „Eventisierung“ schreitet auch da voran. Das können Sie an Veranstaltungen ablesen, wie sie MünchenMusik macht, mit einem Mix aus verschiedenen Genres bis hin zur Eis- Revue, die dann aber mit einem klassischen Orchester und mit Live- Bespielung kombiniert wird.
 
Klassikinfo: Darf man also für die Philharmonie im Gasteig, wenn der neue Konzertsaal kommt, noch mehr Veranstaltungen mit Event-Charakter erwarten?
von Welser: Ich denke, das wäre die einzige Chance im Augenblick. Wir sprechen ja doch von einer größeren Zeitspanne, denn vor 2010, 2012 würde ja so eine Planung gar nicht greifen. Und vielleicht haben wir bis dahin eine völlig veränderte Situation, ich weiß es nicht. Aber wenn man jetzt die Entwicklung der letzten Jahre ein bisschen anschaut, dann ist es in der Tat so, dass man vermutlich noch mehr Zutaten drumherum machen muss. Abgesehen natürlich von den unangefochtenen Platzhirschen hier. Die großen Orchester aus München werden natürlich mit ihrem Abo-System immer noch eine ganze Reihe von Publikum ziehen. Da gibt es auch gar keine Meldungen, dass hier Einbrüche sind.

Foto: P. Ensinger

Klassikinfo: Die Akustik ist eines der großen Probleme der Philharmonie. Die CSU im Rathhaus hat eine Initiative zur Optimierung gestartet. Was hat es damit auf sich und welche Möglichkeiten gibt es, die Akustik zu optimieren?
von Welser: Auch bevor es die Verlautbarungen hinsichtlich des Marstalls gab, haben wir immer wieder überlegt, wann es sinnvoll wäre, sich mit einer akustischen Verbesserung zu beschäftigen. Bis 2010/2011 ist ein Großauftrag für die neue Bestuhlung fällig. Eine neue Bestuhlung heißt aber auch eine akustische Intervention. Damit war sowieso klar, dass wir einen Akustiker mit hinzuziehen müssen, und dann ist es zu dem Schritt, die akustischen Möglichkeiten auch gleich zu verbessern nicht weit. Das wollte ich dem Stadtrat in diesem Jahr ohnehin unterbreiten und habe in unserem Budget für dieses Jahr eine limitierte Summe bereitstehen. Natürlich braucht alles einen langen Vorlauf, denn wir werden bei einem solchen Groß-Projekt nicht mit einer Sommerpause auskommen, das heißt, wir müssen mit den Orchestern darüber sprechen, wie das eingetaktet werden kann, ohne dass die Orchester allzu starke Einbußen haben.
Klassikinfo: Wie sehen Sie die Zukunft der Philharmonie, wenn das BR-Orchester überhaupt keine Gastspiele mehr in der Philharmonie im Gasteig hat?
von Welser: Ich weiß auch nicht, wie die Politik da wäre. Bisher ist es so,
dass das Orchester ungefähr 62 Konzerte macht und davon 20 bis 22 bei uns im Gasteig stattfanden. Allerdings schon in einer Publikums-Größenordnung, die über dem 2000er Bereich liegt. Wenn jetzt ein Konzertsaal mit 1800 Plätzen gebaut würde, dann müssten eigentlich mehr Konzerte stattfinden, um den Bedarf, der ja offensichtlich da ist, zu decken. Ob der BR dann nicht vielleicht doch, obwohl er ein eigenes Haus hat, gelegentlich für Spitzenevents auf die Philharmonie mit ihren 2400 Plätzen zurückgreift, kann ich nicht sagen. Aber ich habe mehr Angst davor, dass das Gefüge platzt. Davor, dass die privaten Veranstalter, die in der Regel nicht so viele Events haben für einen Saal mit 2400 Plätzen, alles versuchen werden, um in den neuen Saal zu kommen. Das wäre für die Finanzierung unseres Hauses schon ein schwerer Schlag, ganz klar.
Gudrun Petruschka (01.03.07)

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.