Interview mit Ennio Morricone Oscar-Verleihung

Soundtracks sind eine musikalische Sprache

Foto: Matthias Keller

Ennio Morricone erhielt am 25. Februar in Hollywood einen Oscar für sein Lebenswerk als Filmkomponist. Die Auszeichnung, erklärte er ohne alle falsche Bescheidenheit, sei längst überfällig gewesen. Der 1928 geborene Römer ist sich seines Rangs durchaus bewußt. Morricone hat Musik und Komposition an der römischen Accademia di Santa Cecilia studiert. Zu seinen Lehrern gehörten die wichtigsten italienischen Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Goffredo Petrassi und Luigi Nono.
Kollegen hatten vor einem Interview mit ihm gewarnt. Während unseres Gesprächs in seiner geräumigen Dachgeschoßwohnung in einem römischen Barockpalast, durch die er bis noch vor wenigen Jahren jeden Morgen joggte, blickte er anfangs ziemlich grimmig drein. Doch allmählich entspannten sich seine Gesichtszüge und er beantwortete bereitwillig alle Fragen.

Klassikinfo:
Herr Morrricone, was müssen Sie über einen Film wissen, um die Musik dafür zu schreiben?
Morricone:
Es gibt kein allgemein gültiges Rezept. Wenn ich einen Regisseur gut kenne, reicht mir seine Beschreibung des Films. Seine Erzählung, wie er den Film drehen will, ist sehr wichtig für mich. Oder aber der Film ist schon fertig gedreht, dann folgt eine Diskussion mit dem Regisseur darüber, das ist alles.
Klassikinfo:
Zu welchen Regisseuren haben Sie einen besonderen Bezug?
Morricone:
Zu allen, mit den ich gearbeitet habe und arbeite, denn wenn es keinen Bezug gibt, dann interessiert mich keine Zusammenarbeit.
Klassikinfo:
Ist es schon einmal vorgekommen, dass Ihnen ein Regisseur sagte, dass ihm Ihr Soundtrack nicht gefalle?
Morricone:
Nein, das ist mir noch nie passiert. Nein! Das kann schon deshalb nicht passieren, weil wir ja vorher alles ausdiskutiert haben.
Klassikinfo:
Sind Soundtracks heute eine Art universelle Sprache der Musik?
Morricone:
Soundtracks sind eine Form musikalischer Sprache und erst im letzten Jahrhundert entstanden. Sicherlich, Musikwissenschaftler und Musikhistoriker werden sich damit auseinandersetzen müssen! Jene Leute also, die auf snobistische Weise diese Musik ignorieren. Filmmusik ist eine der wichtigsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts und sie wird immer wichtiger. Leider müssen sich Musikkritiker auch mit all der schlechten Filmmusik auseinandersetzen, die komponiert wird. Musik von üblen Dilettanten. Die Musikhistoriker werden also auch über jene Esel schreiben, die nicht für den Film komponieren können.
Frage:
Meinen Sie solche Filmkomponisten, die nicht wie Sie an einem altehrwürdigen Konservatorium studiert haben?
Morricone:
Ja, ich meine die Typen, die immer nur mir einem Synthesizer herumlaufen.
Klassikinfo:
Gibt es gute Soundtracks, die einen miesen Film retten können?
Morricone:
Eine mittelmäßige Musik funktioniert auch in einem wirklich guten Film. Aber eine tolle Musik hilft einem mittelmäßigen Film in keiner Weise.
Klassikinfo:
Wie kam es eigentlich dazu, dass eine Ihrer Kompositionen zur Hymne der spanischen Sozialisten wurde?
Morricone:
Es handelt sich um ein Thema aus dem Film „Novecento“ von Bernardo Bertolucci. Ich habe nicht speziell für die Sozialisten komponiert. Nur für einen Film, bei dem es auch um die Arbeiterbewegung geht. Die Sozialisten haben das Motiv dann für sich adoptiert.
Klassikinfo:
Was ist der Unterschied zwischen der so genannten ernsten Musik und der Filmmusik?
Morricone:
Auch Filmmusik kann ernste Musik sein. Deshalb ist für mich die Bezeichnung ernste Musik vollkommen falsch. Was Sie ernste Musik nennen, würde ich eher als absolute Musik bezeichnen. Es handelt sich um eine Musik, die durch nichts konditioniert wird. Die nur aus dem Willen eines Komponisten entsteht. Filmmusik hingegen ist angewandte Musik. Sie entsteht aus einem Anlaß, als Begleitung zu etwas anderem. Filmmusik ist also komplementär zum cineastischen Werk.
Klassikinfo:
Wo komponieren Sie? Hier in ihrer geräumigen Wohnung hoch über dem römischen Verkehrschaos?
Morricone:
In meinem Studio hier, am Schreibtisch.
Klassikinfo:
Nicht am Klavier?
Morricone:
Nur die Ohrfixierten komponieren am Klavier.
Klassikinfo:
Das hört sich nach Kritik an.
Morricone:
Richtig! Das soll es auch sein.
Klassikinfo:
Wie kamen Sie nach Ihrem Musikstudium zum Radio und dann zum Fernsehen?
Morricone:
Mit der Musik, die Sie ja ernste Musik nennen und ich absolute Musik, kommt man nicht weit. Man verdient nur wenig Geld und meine Familie brauchte damals Geld. Und so begann ich auf Nachfrage zu arbeiten.
Klassikinfo:
Sie hatten also als Komponist keine Probleme damit, angewandte Musik zu schaffen?
Morricone:
Das hat mir gleich Spaß gemacht, denn ich liebe das Komponieren. Für die angewandte Musik nutze ich die gleichen Regeln und geistigen Anforderungen wie für die absolute Musik.
Klassikinfo:
Gab es Kollegen, die Sie dafür kritisierten, dass Sie angewandte Musik schreiben, für Fernsehen und Kino?
Morricone:
Klar! Und nicht nur Kollegen! Eine ganze Welt fand es skandalös, dass ein ernster Komponist solche Sachen komponiert. Es gab bis noch vor wenigen Jahren eine Art Ghetto in Italien, in dem jene leben mussten, die angewandte Musik schreiben. Ich fühlte mich schon ausgestoßen, aber das hat sich seit einiger Zeit geändert.
Klassikinfo:
Und dabei haben doch schon vor Ihnen zum Beispiel Kurt Weill oder Erich Wolfgang Korngold in den USA für das Kino gearbeitet.
Morricone:
In Italien wurde es nie akzeptiert, dass sich ein so genannter ernster Komponist herablässt für den Film zu arbeiten.
Klassikinfo:
Was war das Besondere an Ihrer Musik für den Film „Il Federale“ von Luciano Salce aus dem Jahr 1961, dass anschließend andere Regisseure unbedingt von Ihnen einen Soundtrack wollten?
Morricone:
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich gleich mehrere Filme mit Salce machte. Dann kam auch Lina Wertmüller und dann Sergio Leone.
Klassikinfo:
Es gibt in ihren Filmmusiken einen gewissen Wiedererkennungseffekt. Man weiß schnell: das ist Morricone! Was ist das Besondere ihrer angewandten Musik?
Morricone:
Die Erkennbarkeit, also ein persönlicher Stil, das kommt nicht von allein. Das entsteht im Laufe eines Lebens. Das ist bei allen guten Komponisten so. Ich habe viele große Komponisten in mir aufgenommen. Auch Igor Strawinsky und nicht nur Johann Sebastian Bach und Girolamo Frescobaldi und die Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Goffredo Petrassi und Luigi Nono. Daraus entstand mein persönlicher Stil. Allerdings nur für die absolute Musik, die ich komponiere. Wenn ich nur angewandte Musik geschrieben hätte, nun dann käme ich mir sehr passiv vor.
Klassikinfo:
Ist nicht auch das Komponieren von Filmmusik eine Kunst?
Morricone:
Richtig, da haben Sie recht! Meine Gegner behaupten immer wieder, dass angewandte Musik nicht spontan entstanden sei, sondern nur einer anderen Kunstform diene. Doch auch Bach schrieb angewandte Musik. Und Telemann mit seiner Tafelmusik. Diese Musiker waren immer im Dienste eines Fürsten. Sie schrieben Musik für bestimmten Gelegenheiten, angewandte Musik, die Filmmusik ihrer Jahrhunderte. Wer sagt denn heute: ah, die Tafelmusik, das ist doch nur angewandte Musik, was für ein Mist? Die Musikwissenschaftler irren sich, denn die meiste Musik ist angewandte Musik. Und was ist mit der „Feuerwerksmusik“ von Händel? Irgendwann einmal werden diese arroganten Herren Musikkritiker begreifen wie irrig sie mit ihrer Einstellung sind.
Klassikinfo:
Was halten Italiens Musikkritiker von ihren Kompositionen absoluter Musik?
Morricone:
Einige finden sie ganz gut aber im Ganzen sehen diese Kritiker die ganze zeitgenössische Musik als Unsinn an.
Klassikinfo:
Sie haben auch mit Pier Paolo Pasolini gearbeitet.
Morricone:
Ja, für den Film „Uccellaci uccelini“ und für „Teorema“ und auch für den umstrittenen Skandalfilm „Die 100 Tage von Salò“. Pasolini war sehr gut erzogen und respektierte mich. Er war der einzige Regisseur, der vor den Arbeiten zu seinem ersten Film eine Liste präsentierte und mir sagte: ich will, dass Sie so komponieren. Stellen Sie sich das vor! Ich drehte mich um und sagte, gut, arreviderci! Doch dann besann er sich eines Besseren.
Klassikinfo:
Verhielt sich nur Pasolini so?
Morricone:
Auch die Brüder Taviani erlaubten es sich, mit einer Liste ihrer musikalischen Ideen bei mir vorstellig zu werden.
Klassikinfo:
Man schenkte mir eine CD mit einem Soundtrack aus einem Harry-Potter-Film. Ohne den Film zu sehen hört sich die Musik wie absolute Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderrts an. Geht Ihnen das auch so?
Morricone:
Da ist ja nichts Schlimmes dabei. Soundtracks werden von verschiedenen Faktoren bestimmt. Und wenn ein Leitmotiv neoromantisch zu sein hat, dann ähnelt es neoromantischer Musik. Wie hieß der Typ: Harry Popper?
Klassikinfo:
Potter! Haben Sie anscheinend nicht gesehen.
Morricone:
Nie was von gehört!
Klassikinfo:
Sie arbeiten auch mit dem italienischen Institut für Theater- und Filmmusik zusammen…
Morricone:
Das ist ein fantastisches Institut, doch die haben nur wenig Geld. In den USA werden solche Institute kräftig finanziert, doch hier ist, wie immer, der Staat an guten Initiativen nicht interessiert. Dieses Institut beschäftigt sich mit allen Formen angewandter Musik: für das Kino, das Fernsehen aber auch für das Ballett.
Klassikinfo:
Warum interessiert sich der Staat nicht für so ein Institut?
Morricone:
Weil der Staat nur sparen will und in die Musikkultur möglichst wenig investiert. Das wird immer schlimmer hier.
Klassikinfo:
Muß Filmmusik eigentlich immer tonal sein?
Morricone:
Klar, sonst wird sie vom Publikum nicht verstanden.
Klassikinfo:
Und Ihre absolute Musik?
Morricone:
Frei, ganz ohne Definition, auf jeden Fall aber atonal. Aber nur die Dummköpfe unterscheiden in tonale und atonale Musik, denn wenn diese Leute Partituren lesen könnten, dann würden Sie begreifen, dass auch die tonale Musik atonale Elemente enthält und so weiter. Ich habe zum Beispiel die Regel der Zwölftonmusik für meine tonale Musik benutzt. Ich bin der einzige der das bisher getan hat, deshalb sollten die Dummköpfe ihre Ohren waschen, genau hinhören und erst dann ihre Münder öffnen.
Klassikinfo:
Gibt es eine Filmmusik, die Sie noch gerne schreiben würden?
Morricone:
Nein.
Klassikinfo:
Ihr Lebensmotto?
Morricone:
Kohärenz in Leben und Arbeit.
Copyright: Thomas Migge


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