Interview mit dem neuen Leiter des Festspielhauses Baden-Baden Benedikt Stampa

Mein Programm ist evolutionär

Dreizehn Jahre leitete Benedikt Stampa (53) das Konzerthaus Dortmund, das er mit innovativen Formaten und außergewöhnlichen Künstlern zu einem wichtigen Musikort machte. Nun übernimmt der Musikwissenschaftler, der auch Betriebswissenschaft und Kulturwissenschaft studiert hat, in der Nachfolge von Andreas Mölich-Zebhauser die Intendanz des Festspielhauses Baden-Baden. Vor seinem offiziellen Amtsantritt am 27. September hat Georg Rudiger ihn in Baden-Baden getroffen. Ein Gespräch über die Emotionalisierung der klassischen Musik, einen neuen Saal und die Schattenseiten des Berufs.

Was haben Sie mit Baden-Baden verbunden, bevor Sie zum Nachfolger von Andreas Mölich-Zebhauser als Intendant des Festspielhauses gewählt wurden?

Das Galopprennen in Iffezheim. Als großer „Sportschau“-Fan war das als Kind das erste, was ich über Baden-Baden gehört habe. Die Stadt war für mich immer positiv besetzt als eine Stadt, die nicht typisch deutsch ist und eine internationale Ausstrahlung besitzt. Baden-Baden hatte für mich schon vor dem Kennenlernen Flair.

Nun waren Sie schon öfters in Baden-Baden. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Die Geschichte der Stadt ist noch viel beeindruckender. Künstler wie Johannes Brahms und Clara Schumann oder Schriftsteller wie Iwan Turgenjew haben hier gelebt und ihre Spuren hinterlassen. Baden-Baden ist eine Kulturstadt – und dort, wo Kultur ist, fühle ich mich wohl.

Baden-Baden wird auch gerne als das größte Altersheim Deutschlands bezeichnet…

Das höre ich auch immer wieder. Wenn ich hier durch die Straßen gehe, sehe ich ein buntes Treiben. Viele junge Leute, sehr international. Bei schönem Wetter ist die Stadt voll – auch gerade mit den Menschen, die hier leben. Das ist hier kein verschlafener Kurort.

Als Sie 2005 Intendant vom Konzerthaus Dortmund wurden, gab es das Haus erst drei Jahre. Sie konnten viel bewegen und auch mit neuen Konzertformaten experimentieren. Das Festspielhaus Baden-Baden steht 21 Jahre nach seiner Eröffnung sowohl finanziell als auch künstlerisch ausgezeichnet dar. Hier können Sie sich ins gemachte Nest setzen. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Das Festspielhaus Baden-Baden hat inhaltlich Möglichkeiten, die mich sehr reizen: die Mischung aus Oper, Ballett und Konzert sowie die Kombination aus Festspielen und Ganzjahresbetrieb. Das gibt es in keinem anderen deutschen Konzert- oder Opernhaus. Programmatisch kann man da in anderen Dimensionen denken. Für mich ist es eine Herausforderung, solch ein großes Haus mit der gigantischen Anzahl von 2500 Plätzen zu leiten. Und wenn man einmal ins Nest schaut und das eine oder andere Federchen hochhebt, dann merkt schon, dass es noch genügend zu tun gibt und das Festspielhaus noch viele Chancen birgt. Die Herausforderungen sind gigantisch – nicht nur in Baden-Baden, sondern im gesamten deutschen Musikleben. Wir haben in den letzten Jahren einen Riesenboom erlebt mit neuen Konzerthäusern wie der Elbphilharmonie. Opernhäuser werden renoviert, Festivals neu gegründet. Die Frage wird sein, was so ein Haus wie Baden-Baden benötigen wird, um weiterhin zu prosperieren.

Im Gegensatz zum Konzerthaus Dortmund ist der künstlerische Betrieb des Festspielhauses nicht öffentlich subventioniert. Hier müssen sich die Konzerte, Ballett- und Opernvorstellungen gut verkaufen. Schränkt Sie das nicht ein in Ihren Programmideen?

Überhaupt nicht. Auch in Dortmund mussten wir unsere Veranstaltungen verkaufen. Auch in Dortmund hatten wir eine große Sponsoren- und Förderergruppe. Aber die mäzenatische Haltung der Gesellschaft, dieses Engagement von vielen einzelnen Stiftern, Förderern und Freunden für das Festspielhaus Baden-Baden ist einzigartig. Das hat für mich Vorbildcharakter und ist einer der Gründe, warum ich mich für Baden-Baden entschieden habe. Subvention und voller Saal, das ist kein Gegensatz. Man kann auch mutig sein, wenn man privat unterstützt wird wie in Baden-Baden. Mich spornt das an.

Mit welchen Erwartungen haben Sie es hier zu tun?

Eigentlich müssten Sie das den Stiftungsrat fragen. Ich glaube, hier wurde jemand gesucht, der mit neuen Ideen die Erfolgsgeschichte des Hauses weiterschreibt. Wir haben es in Dortmund, das ja keine Kulturstadt per se ist, in einer schwierigen Umgebung mit konkurrierenden Häusern in Köln, Essen und Düsseldorf geschafft, viele Menschen für klassische Musik zu begeistern.

Welche neuen Schwerpunkte möchten Sie im Festspielhaus setzen?

Meine Verbindung zu Künstlern ist intensiv. Ich möchte hier mehrjährige Residenzen entwickeln. Das gab es hier auch schon früher mit Künstlern wie John Neumeier oder Valery Gergiev. In der kommenden Saison werden wir viel mit Teodor Currentzis arbeiten. Das Gewandhausorchester Leipzig ist im Sommer für drei Konzerte zu Gast. Die vier Festspiele im Herbst, an Ostern mit den Berliner Philharmonikern, an Pfingsten und im Sommer möchte ich weiter stärken und ihnen ein eigenes Profil geben.

Wirkliche Neuanfänge sehe ich in Ihrer ersten Saison nicht. Viele Kontinuitätslinien wie die Gastspiele des Mariinsky Balletts und -Orchesters oder von Künstlern wie Andris Nelsons oder Yannick Nézèt-Seguin, der hier in den letzten Jahren konzertante Mozartopern dirigiert hat, werden weitergezogen. Neue Konzertformate sind nicht dabei. Höchstens die Pfingstfestspiele mit dem SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis erhalten eine neue Ausrichtung. Sehen Sie das anders?

Man muss nicht ohne Not eine Tradition zerstören. Mein Programm ist evolutionär. Die Saisoneröffnung macht John Neumeier, der schon lange mit dem Haus verbunden ist. Nun wird er am 27. September mit Glucks „Orphée et Eurydice“ erstmals hier eine Oper inszenieren – übrigens begleitet vom Freiburger Barockorchester. Die Kunst besteht darin, in der Kontinuität Dinge neu zu denken. Aber schauen Sie einmal auf die vielen neuen Dirigentinnen und Dirigenten, die nach Baden-Baden kommen. Also ich sehe da schon Neu-Anfänge.

Trägt Ihre erste Spielzeit schon Ihre Handschrift? Oder planen Sie langfristig mehr Veränderungen?

Im Gerüst ist meine Handschrift in der ersten Spielzeit schon zu erkennen – auch mit der Festspielstruktur. Die werden wir in den nächsten Jahren mit Inhalten noch weiter ausfüllen.

Auf Ihrer Pressekonferenz haben Sie gesagt, dass auch kleinere Festivals entstehen sollen…

Die Anfänge davon haben wir mit Teodor Currentzis programmiert, der im Herbst mit seinem Ensemble MusicAeterna ein verlängertes Wochenende zu Gast sein wird. Im Februar 2020 verbinden wir zwei Auftritte des London Symphony Orchestra unter Simon Rattle mit Beethovenprogrammen mit dem Gastspiel des Rotterdam Philharmonic Orchestra unter Yannick Nézèt-Seguin, der die fünfte Symphonie von Gustav Mahler interpretieren wird.

Eine weitere große Kontinuität sind die Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker. Möchten Sie diese genau so belassen?

Ja, weil die Künstler im Vordergrund stehen. Beim nächsten Festival ist der neue Chefdirigent Kirill Petrenko die Botschaft. Er wird mit den Berliner Philharmonikern nicht nur den „Fidelio“ machen, sondern auch Beethovens „Missa solemnis“ und die 6. Symphonie von Gustav Mahler. Wir wollen in den nächsten Jahren versuchen, festspielwürdige Opernproduktionen zu realisieren. Beim kommenden Festival werden die Berliner Philharmoniker auch alle Streichquartette und weitere Kammermusik von Ludwig van Beethoven spielen.

Es ist schließlich Beethovenjahr…

Man muss das nicht machen. In Dortmund hätte ich das nicht programmiert. Aber weil Baden-Baden eine Kulturstadt per se ist, können wir hier solche Projekte durchführen, ohne dass man das aufgesetzt findet. Hier wird auch ein Brahms oder Schumann anders klingen. Baden-Baden ist ein Sehnsuchtsort. Man hat hier die Erwartung, etwas Besonderes zu hören. Ich finde es auch nicht altbacken, in Baden-Baden Brahms oder Schumann zu spielen – die Frage ist, wer es macht und in welchem Kontext es stattfindet.

Es gibt in der kommenden Saison nur zwei szenische Opernaufführungen – Glucks „Orphée et Eurydice“ zu Beginn und Beethovens „Fidelio“ bei den Osterfestspielen. In der Vergangenheit gab es auch schon vier Produktionen pro Spielzeit. Wird es bei den zwei bleiben?

Wann war das mit den vier Produktionen? Das ist über zehn Jahre her. Wir versuchen in den nächsten Jahren, zwei szenische Neuproduktionen zu machen – bei den Herbst- und bei den Osterfestspielen. Daneben haben wir konzertante Opern im Programm und wie mit den Requien von Fauré und Verdi bei den Pfingstfestspielen die eine oder andere szenische Produktion in neuen performativen Kontexten.

Szenische Oper ist für Sie ein neues Feld. Welche Regieästhetik vertreten Sie?

Wir versuchen hier, echte künstlerische Teams zu kreieren. Es sollte eine gemeinsame Idee zwischen Orchestergraben und Bühne zu spüren sein. Die Regie muss ein Gefühl für die Dimensionen des Hauses haben und eine starke Personenführung entwickeln.

Zeitgenössische Musik findet sich so gut wie nicht im Programm. Warum behandeln Sie das, was wirklich am Puls der Zeit ist, so stiefmütterlich?

Schauen Sie sich den Saal mit den 2500 Plätzen an – wie möchten Sie da Neue Musik präsentieren?

Man könnte ja auch das Foyer bespielen oder das Publikum auf die Bühne setzen.

Die Pfingstfestspiele werden unser Fenster zur Moderne sein. Da gibt es auch im kommenden Jahr mit der Inszenierung des Fauré-Requiems durch Matthew Collishaw und den Bilderwelten von Jonas Mekas zum Verdi-Requiem sehr moderne Elemente. Aber wir müssen den Saal natürlich auch füllen und ich möchte die zeitgenössische Musik auch nicht unter Wert aufführen. Das ist ebenso „stiefmütterlich“. Ich arbeite an der Realisierung eines neuen, kleinen Saales. So viel dazu im Moment.

Dann spielt der Kartenverkauf also doch eine große Rolle.

Natürlich. Da können Sie auch jeden anderen Intendanten fragen. Alles andere zu behaupten wäre naiv.

Wie groß wird der neue Saal sein? Wann geht es mit dem Bau los und was soll in diesem Saal passieren?

Wir planen eine Größe zwischen 500 und 600 Plätzen. Benutzt werden soll der Multifunktionssaal für Proben, aber auch für besondere Veranstaltungen in den Bereichen Neue Musik und Vermittlung. Der Saal wird dem Festspielhaus nochmals einen besonderen Schub verleihen! Den Zeitrahmen des Baus kann ich noch nicht genau benennen, aber die Ambitionen sind groß.

Die Elbphilharmonie oder das KKL Luzern haben nicht viel weniger Plätze als das Festspielhaus. Trotzdem findet da viel mehr Neue Musik statt.

Wenn ich Intendant der Elbphilharmonie wäre, würde ich auch Neue Musik machen, weil mir die Leute die Bude einrennen. Hier in Baden-Baden muss erst einmal das Kernprogramm stimmen. Vergessen Sie bitte auch nicht, dass das Publikum der „Neuen Musik“ ungern reist. Das hat mir schon mein Vorgänger berichtet, der nun wirklich Erfahrung mit der Saalgröße hat. Ich bin aber nicht der Intendant, der nur das Althergebrachte macht, sondern auch neue Sachen programmiert.

Aber nicht gleich?

Ich bin clever genug, das so zu machen, dass es auch passt. Wir möchten uns mit unserem Publikum auf eine lange Reise begeben. Da muss zunächst Vertrauen aufgebaut werden. Wir müssen die Menschen mitnehmen.

In einem Text mit der Überschrift „Was die Klassik vom Fußball lernen kann“ plädieren Sie für eine Emotionalisierung der klassischen Musik und für eine Vermarktungsoffensive. Liegt darin nicht die Gefahr einer Eventisierung und damit einer Verflachung?

In meiner 13-jährigen Dortmunder Amtszeit ist es mir gut gelungen, diese beiden Antipoden zusammenzubringen. Ich möchte möglichst viele Menschen für ein Konzert begeistern. Das kann durch große Stars passieren, aber auch durch spezielle Programme oder Formate. Am Anfang steht immer die künstlerische Idee – die Vermarktung kommt erst danach.

Was macht Ihnen Spaß an Ihrem Job?

Ich bin Klassik-Junkie. Ich mag es, meine Leidenschaft für Musik mit anderen zu teilen. Es macht mir Spaß, gemeinsam mit Künstlern Programmideen zu entwickeln. Auch Dinge zu tun, die man nicht erwartet. Dabei muss die Balance zwischen Vision und Ökonomie erhalten bleiben. Diese Herausforderung reizt mich schon immer.

Und was nervt Sie?

Manches Mal sind die Nächte mit den Künstlern sehr lang – und man muss trotzdem am nächsten Morgen um 9 Uhr am Schreibtisch sitzen. Diese permanente Verfügbarkeit ist eine Belastung, auf die ich verzichten könnte. Die Gefahr ist, sich von dem Betrieb vereinnahmen zu lassen. Man muss trotz allem Distanz zu sich selbst und seiner Arbeit haben.

Saisonstart des Festspielhauses Baden-Baden am 27. September (19 Uhr) mit „Orphée et Eurydice“, Regie: John Neumeier, Freiburger Barockorchester (Leitung: Alessandro De Marchi), weitere Vorstellungen: 28. und 29. September. www.festspielhaus.de

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