Interview mit dem Intendanten der Oper Rom Carlo Fuortes

Retter in höchster Not – Carlo Fuortes als deus ex machina der Oper Rom

Carlo Fuortes ist einer der angesehensten Kulturmanager Italiens. Seit 2013 leitet er als Intendant das Opernhaus Rom. Ein Musiktheater, das bis zu Fuortes Nominierung Ende 2013 vor dem finanziellen Aus und einer möglichen Schließung stand. Fuortes war zuvor Verwaltungsratschef des römischen Auditoriums Parco della Musica, Sitz des Symphonieorchesters der Accademia di Santa Cecilia. Dank der „Fuortes-Kur“ gilt das Opernhaus Rom heute als eines der wichtigsten Musiktheater nicht nur Italiens.

Von Thomas Migge

Klassikinfo:
Was für eine Situation fanden Sie hier vor, als sie Intendant wurden?

Carlo Fuortes:
Die Situation war sehr kompliziert. Um die Finanzen sah es extrem dramatisch aus. Das war auch der Hauptgrund, warum es zu einem Intendantenwechsel kam. Die Beziehungen zu den Gewerkschaften waren sehr schlecht. Riccardo Muti war damals hier Chefdirigent im Opernhaus. Meine Hauptaufgabe war also die Sanierung des Hauses. Dabei half uns ein Sondergesetz, das so genannte „Legge Bray“, dass allen Musiktheatern finanziell unter die Arme griff, die verschuldet waren.

Klassikinfo:
Doch die Gewerkschaften spielten nicht mit.

Carlo Fuortes:
Genau. Im ersten Jahr dieser Sanierung gab es viele Probleme mit den Gewerkschaften. Ein Streik folgte auf den anderen. Die Gewerkschaften waren an einer Sanierung des Hauses nicht interessiert. Und so kam es, dass Muti im September 2014 von seinem Amt zurücktrat. Es folgte die komplette Entlassung von Chor und Orchester. Diese harte Entscheidung hatten aber positive Folgen. Wie etwa neue Arbeitsverträge, die schließlich zusammen mit den Gewerkschaften erarbeitet wurden. Das war die Basis für die letzten 5 Jahre finanziellen und künstlerischen Wachstum. Es gab keine Streiks mehr! Wir können jetzt endlich von Produktivität sprechen! Um fast 50%. Damit meine ich Aufführungstage und musikalische Produktionen. Und, auch wenn ich das nicht sagen sollte, aber sämtliche Rezensionen bestätigen das: die Qualität unserer Aufführungen hat sich deutlich verbessert. Wir haben Preise für Aufführungen gewonnen, die dieses Theater bisher nie gewonnen hatte. Und: wie haben die Abonnentenzahlen stark erhöhen können. Um rund 100%. Vor 2014 nahm dieses Haus mit verkauften Eintrittskarten keine 7,5 Mio. € ein. Heute sind es mehr als 15 Mio. €. Früher war dieses Haus ein Ort, an dem man vor allem an das Wohl der Angestellten dachte. Das war alles sehr selbstbezogen. Heute steht das Publikum im Vordergrund.

Klassikinfo:
In Italien wird immer wieder von der Produktivität von Kulturinstitutionen gesprochen. Von Museen und Theatern aller Art. Aber können diese Kulturinstitutionen überhaupt produktiv sein? Gewinne machen? Ist es nicht Aufgabe des Staates, ein Musiktheater wie das Opernhaus Rom zu finanzieren? Oder will man hier etwa US-amerikanische Verhältnisse?

Carlo Fuortes:
Ich glaube, dass dieses Denken heute weniger dominant ist als noch vor einigen Jahren. Ein Opernhaus, das begreifen unsere Politiker endlich, ist eine Non-Profit-Institution. Um zu arbeiten, braucht es also öffentliche Finanzmittel. Nicht nur, aber nur mit Sponsorengelder und Einnahmen aus verkauften Eintrittskarten kommen wir nicht zurecht. Oper war immer öffentlich. Schon als die ersten Theater entstanden, wurden sie von Adligen finanziert. In Italien dachte man aber vor einigen Jahren, dass sich Musiktheater vor allem selbst und mit Hilfe von Privatleuten finanzieren müssen. Das war ein großer Fehler! Sicherlich muss ein Opernhaus alles tun, um selbst Einnahmen zu generieren. Als ich hier anfing lag dieser Anteil bei 15%. Jetzt liegen wir bei über 30%. Also rund ein Drittel unserer Finanzmittel erarbeiten wir selbst. 2 Drittel kommen vom Staat.

Klassikinfo:
Bevor Sie Intendant wurden dominierten hier Opern des Bel Canto. Mit Ihnen kam u.a. die Oper des 20. Jh. auf die Bühne. Ein viel reicheres musikalisches Programm. War es schwierig das Haus auf einen neuen musikalischen Kurs zu bringen?

Carlo Fuortes:
Das war sehr schwierig! Zum Glück hat Alessio Vlad, unser musikalischer Direktor, die gleichen Ideen wie ich. Die größte Schwierigkeit war es das Publikum von einer ganz neuen Programmation zu überzeugen. Lange hieß es, dass Roms Opernhausbesucher vor allem italienische Opern des 19. Jh. vorziehen. Das stimmt aber gar nicht! Wir haben das Gegenteil bewiesen! Und der enorme Zuwachs an Publikum beweist es.

Klassikinfo:
Stimmt der Eindruck, dass Sie die Sommersaison in den grandiosen Caracalla-Thermen vor allem mit eher populären Opernklassikern wie „Aida“ und „Tosca“ bestreiten, die immer sehr gut besucht sind, und dass Sie mit diesen Einnahmen das komplexere und auch schwierigere Programm des Opernhauses mitfinanzieren?

Carlo Fuortes:
Ja, dieser Eindruck stimmt. Vor dem Hintergrund, dass es mein Ziel ist, mehr Publikum als früher ins Haus zu holen. Mit „mehr“ meine ich ein mehr heterogenes Publikum, das die unterschiedlichsten Aufführungen sehen will. Deshalb bieten wir vor allem in den Caracalla-Thermen Aufführungen, die leicht verständlich sind und ein möglichst breites Publikum anziehen. Komplexere Aufführungen mit bekannten und viel diskutierten Regisseuren und Künstlern, wie in der kommenden Saison zum Beispiel Ai Weiwei, der Puccinis „Turandot“ auf die Bühne bringen wird, bieten wir dann im Opernhaus.

Klassikinfo:
Als die populistische 5-Sterne-Bewegung im Juni 2016 das Rathaus Roms eroberte und Virginia Raggi Bürgermeisterin wurde war viel die Rede davon, dass man elitären Kulturinstitutionen wie dem Opernhaus die öffentlichen Finanzmittel kürzen werde. Das könnte Roms Bürgermeisterin theoretisch, weil sie ja Verwaltungsratschefin des Theaters ist. Wie ist Ihr Verhältnis zu Virginia Raggi?

Carlo Fuortes:
Ausgezeichnet. Von Anfang an. Es hat nie den Versuch gegeben, die Finanzmittel zu kürzen oder uns in die Programmation zu reden. Im Gegenteil: mit dem ungemein erfolgreichen Sommer-Projekt „Operacamion“, ein zu einem Kleintheater umgebauter Lastwagen, der Open-Air-Aufführungen von Opern auf Plätzen ermöglicht, kommen wir den kulturpolitischen Vorstellungen dieser Partei ja sogar entgegen. Ebenso mit dem Umstand, dass es uns gelungen ist, ein größeres und altersmäßig und sozial umfassenderes Publikum ins Haus zu holen.

Klassikinfo:
Ihnen wird von Kritikern, wie etwa einigen Orchestermusikern, vorgeworfen, feste Arbeitsverhältnisse zerstören zu wollen, um vor allem billigere Zeitverträge für Orchester und Chor durchzusetzen.

Carlo Fuortes:
Das stimmt nicht. Aufgrund des Gesetzes „Legge Bray“, das uns hilft, unseren Schuldenberg langsam aber sicher abzubauen, war ich gezwungen, vorerst keine neuen Festanstellungen mehr zu genehmigen. Das wird sich aber sehr bald ändern. Denn unsere finanzielle Situation ist auf dem Weg der Besserung, und so kann ich bald wieder Mitarbeiter fest einstellen.

Klassikinfo:
Warum schufen Sie das Projekt „Fabbrica“-Young Artist Programm, mit dem Nachwuchskünstler, vom Sänger hin zum Regisseur, vor Ort in hauseigenen Produktionen weitergebildet werden? Eine neue Künstlerakademie wie auch an anderen Theatern?

Carlo Fuortes:
Viel Künstlernachwuchs, der frisch von den Konservatorien oder von den Unis kommt, hat enorme Schwierigkeiten, sich in die stressige und komplexe Arbeit eines Opernhauses einzufügen. „Fabbrica“ ist keine zusätzliche Opernakademie mit vor allem Theorie. Hier bei uns hat der Nachwuchs die Möglichkeit, bei Produktionen konkret tätig zu werden, von der Pieke auf Oper zu lernen, aber als „learning bei doing“. So haben hervorragende Nachwuchssänger bei uns die Möglichkeit, in wichtigen Rollen zu debütieren. So gelingt es uns neue Talente zu entdecken und in die Programmation einzubinden. In der kommenden Saison etwa, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, wird die Duchesse Héléne in Verdis „Les vepres sicilienne“ von der fantastischen Roberta Mantegna gesungen, die bei uns das Programm „Fabbrica“ absolviert hat. Das wird ein spannendes Debut.

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