Interview mit Aleksandra Mikulska

Chopin wurde zu meiner musikalischen Heimat

Die polnische Pianistin Aleksandra Mikulska hat sich in besonderem Maße den Komponisten ihres Heimatlandes, allen voran Frédéric Chopin, verschrieben. Im Interview mit KlassikInfo spricht sie über ihre Karriere, Chopin und Social Media.

KlassikInfo: Wie kamen Sie zum Klavierspielen, war das Ihr eigener Wunsch oder der Ihrer Eltern?

Mikulska: Im Alter von vier Jahren verfolgte ich die Übertragungen des Warschauer Chopin-Wettbewerbes im polnischen Fernsehen. Von der Musik war ich derart fasziniert und gerührt, dass ich Tränen in den Augen hatte. Ich liebte den Klang des Klaviers, so dass ich dieses Instrument unbedingt erlernen wollte. Meine Eltern waren damit jedoch zunächst nicht einverstanden, weil wir damals in Warschau im 10. Stock eines Plattenbaues in einer 40-qm-Wohnung lebten. So wollte mich meine Mutter davon überzeugen, doch eher Violine spielen zu lernen. Das wäre angesichts unserer Wohnsituation deutlich praktischer gewesen. Doch als meine Mutter mit mir in der Schlange für die Aufnahme an der staatlichen Musikschule stand, konnte ich sie doch davon überzeugen, mich bei der Abteilung für Tasteninstrumente anzumelden. Dort bestand ich die recht schwere Aufnahmeprüfung und lernte fortan das Klavierspiel.

KlassikInfo: Wie kam es zu dem Entschluss, Pianistin werden zu wollen? Es erfordert ja schon einiges an Mut und Entschlossenheit, sich auf einem heiß umkämpfen Markt zu behaupten …

Mikulska: An sich war das von Anfang an mein Traum. Den letzten Impuls erhielt ich, als ich mit meinem damaligen Lehrer ein Konzert von Garrick Ohlsson im Warschauer Theater besuchte. Danach fasste ich den Entschluss. Für mich fühlte es sich aber von Anfang an so an, als ob es ganz natürlich sei, eine Konzertpianistin zu werden. Das war erstaunlicherweise ganz selbstverständlich für mich.

KlassikInfo: Sie sind in Polen geboren, haben in Deutschland studiert und leben
auch hier. Was hat die deutsche klassische Musiklandschaft ihrer
Meinung nach der polnischen voraus und welche Dinge aus Ihrer Heimat
vermissen Sie?

Mikulska: Im Alter von 14 Jahren lernte ich im Rahmen eines internationalen Meisterkurses in Warschau meinen künftigen deutschen Professor aus Karlsruhe kennen. Ich habe innerlich geahnt, dass ein „Prophet im eigenen Land“ nie willkommen sein wird. Das betraf vor allem meine Chopin-Interpretationen. Diese waren immer ehrlich und persönlich, nicht unbedingt vereinbar mit den Vorstellungen meiner scholastisch geprägten polnischen Lehrer, welche die Tradition der „richtigen“ Chopin-Interpretation in Warschau wie ein Heiligtum gehütet hatten. Diese scholastische Sicht, gepaart mit einer großen Abneigung gegen innovative Ideen, einer starken Verschlossenheit und einer allgemeinen Angst vor Veränderungen waren die direkten Impulse, die mich zu meiner Ausreise motiviert haben.

Die polnische Musikwelt war damals durch den eisernen Vorhang sehr von der Welt abgeschnitten, und es gab kaum Einflüsse aus dem Ausland. Zudem beschränkt sich die Musik ja nicht nur auf Chopin, ein Großteil der Musikliteratur stammt aus dem deutschsprachigen Raum. Es war mein Traum, diese zu erkunden und näher kennenzulernen. In Deutschland fühlte ich mich mit meinen innovativen Ideen und der persönlichen und ehrlichen Interpretation von Anfang an willkommen. Ich fühlte mich als Jugendliche vom Publikum gemocht und sogar geliebt, und das war für mich die Bestätigung, dass mein Weg der richtige gewesen ist, obwohl er zunächst vielleicht etwas außergewöhnlich schien.

Aus meinem Heimatland vermisse ich heute eine gewisse geistige Perspektive der Lebensbetrachtung. Da die westliche Kultur schon lange Zeit kapitalistisch geprägt war, wird sie an vielen Stellen vom Materiellen dominiert. Es gibt zahllose Beispiele, dass das Geld eine unglaublich wichtige Rolle spielt, der Körper scheint den Geist zu unterdrücken, es gibt wenig Zeit und Platz für das seelische Leben und manchmal zu wenig Raum für Romantik und Träume. Der Pragmatismus und eine gewisse Geschäftsorientiertheit scheinen oft zu dominieren, da viele der wichtigsten geistigen Werte durch die Konsumption leider verlorengegangen sind. Dies sind aber die Werte und Quellen, die für einen Künstler absolut entscheidend sind. Die Freude am Leben, wahre Herzlichkeit, kindliche Spontanität und Unbeschwertheit sowie ein Gefühl für die Transzendenz des Lebens gehören unbedingt dazu. Diese scheinen in Polen noch etwas lebendiger zu sein, obwohl sich die Welt mit jedem Jahr rapide verändert und die Unterschiede mit der Zeit immer weniger spürbar werden.

KlassikInfo: Wenn man sich Ihre Konzerttermine in diesem Jahr ansieht, stellt man fest, dass Sie in fast jedem Programm Werke von Chopin spielen – Chopin ist also von zentraler Bedeutung für Sie. Was macht ihn so besonders für Sie – so wichtig?

Mikulska: Meine Großmutter und meine Mutter hatten daheim eine große Schallplattensammlung mit den berühmten Meisterpianisten: Rubinstein, Horowitz, Zimerman, Argerich … Aber keiner in der Familie spielte ein Instrument. Ich konnte frei in den Schallplatten stöbern und sie mir anhören. Chopins Musik war mir dabei von Anfang an besonders nahe und durch die Übertragungen des Warschauer Chopin-Wettbewerbes im Fernsehen konnte ich seine Musik bereits mit vier Jahren aufsaugen. Anschließend wünschte ich mir zum Geburtstag und zu Weihnachten immer Noten von Chopin. So wurde Chopin zu meiner musikalischen Heimat. Beim Lesen der Noten fühlte es sich für mich an, als ob ich ein Gespräch ohne Worte mit meinem besten Freund führen würde … das ist für immer so geblieben …

KlassikInfo: Sie engagieren sich auch als Präsidentin in der deutschen Chopin-Gesellschaft. Wie kam es dazu und welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?

Mikulska: Die Wahl zur Präsidentin der Chopin-Gesellschaft in der BRD e.V. mit Sitz in Darmstadt, der ältesten und zugleich größten Chopin-Gesellschaft in Deutschland, bedeutete für mich eine große Chance und auch Berufung. Grundsätzlich hat sich die Gesellschaft zum Ziel gesetzt, die Musik von Frédéric Chopin zu wahren und zu fördern sowie das Wissen zu seiner Person zu erfassen und zu mehren. Mein persönliches Ziel ist es in erster Linie, junge Talente zu fördern, sei es durch den großen Darmstädter Chopin-Klavierwettbewerb oder die regelmäßigen internationalen Meisterkurse und internationalen Konzertreihen. Die Chopin-Gesellschaft soll ein Ort für alle kreativen jungen Künstler sein, die sich über die Interpretation der Musik Chopins austauschen und gegenseitig inspirieren möchten.

KlassikInfo: Haben Sie besondere Rituale vor und nach Ihren Auftritten? Oder ist jeder Auftritt neu und anders?

Mikulska: Ich habe keine besonderen Rituale. Ich versuche konstant mit meinem inneren Ich und mit Gott in Verbindung zu sein. Dies verschafft mir Zuversicht, Freude und Vertrauen. Eine äußerst wichtige Kraftquelle ist für mich mein Glaube an Gott. Ich bin mir sicher, dass er durch die Musik mein geheimer Zugang zum Universum ist und zugleich der Schlüssel zu den Herzen der Menschen. Im Alltag versuche ich, einen geistigen und körperlichen Ausgleich zu finden, wie zum Beispiel beim Sport, in der Natur, auf Reisen oder beim Lesen. Ein Spaziergang in der Natur hilft mir, zu entspannen und Kraft zu schöpfen. Mein Mann und meine Familie stehen für mich an erster Stelle. Aus diesen Beziehungen schöpfe ich Liebe und Geborgenheit. Sie geben mir die nötige Kraft und Inspiration für mein Spiel, mit dem ich die Menschen für die Transzendenz öffnen möchte. Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe und als Ziel meines Lebens, denn als Künstler sind wir meiner Erfahrung nach nur ein Werkzeug Gottes und ein dienendes Medium. Somit bleibt jeder Auftritt anders, aber die Beziehung zu den Kraftquellen immer gleich.

KlassikInfo: Sie sind auf YouTube, Instagram und Facebook vertreten – wie schätzen Sie die Bedeutung von Social-Media-Plattformen für Musiker heutzutage ein und welche Bedeutung haben diese Kanäle für Sie persönlich?

Mikulska: Diese sind die beste Hilfe, um als selbständiger und unabhängiger Künstler bekannter zu werden und sein Publikum zu generieren. Sie sind ein Weg, um mit dem Publikum zu kommunizieren, und sie dienen dem Austausch und dem Vergleich mit anderen Künstlern. Kurz gesagt: sie sind der Schlüssel und der beste Weg, um die Eigenvermarktung zu betreiben. Die Ära der CDs scheint langsam auszusterben. Der oft ungerechte Markt der Wettbewerbe wird durch Social Media absolut überholt. Die Wahrheit hat endlich die Chance, sich unabhängig durchzusetzen. Ein wahrer Künstler wird die Probe der Zeit bestehen und wie ein guter Wein auf dem Markt reifen. Das Unkraut verdirbt von selbst. Es setzt sich auf Dauer auf dem hart umkämpften Markt nicht durch.

KlassikInfo: In welche Richtung möchten Sie in der nächsten Zukunft programmatisch gehen, wird es auch z.B. Kammermusikprojekte geben?

Mikulska: Momentan bereite ich eine Kammermusik-Serie mit Werken von Brahms und Schubert vor. Anfang des nächsten Jahres soll meine Liszt-Einspielung erscheinen. Anschließend wird ein ganz persönliches Chopin-Doppelalbum folgen. Darüber hinaus plane ich, neue kammermusikalische Wege zu bestreiten, auch im Bereich Lied. Darüber hinaus möchte ich mich einem besonderen polnischen Komponisten widmen und einige seiner Werke aufnehmen. Das ist aber noch die etwas weitere Zukunft …

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