Interview Kristjan Järvi 2

Dirigenten sollen künstlerische Visionäre sein

Kristjan Järvi Foto: Peter Adamik


KlassikInfo:
Ihr Vater Neeme Järvi kommt aus Estland, Sie sind dort geboren, aber in New York City aufgewachsen, sind also mehr Amerikaner als Este, warum gibt es dennoch diese starke Verbindung zum baltischen Raum?
Järvi: Als wir Estland im Dezember 1979 verlassen haben, war ich sieben Jahre alt, und als mein Vater 1989 zurückkam – das erste Mal, nachdem er Estland damals verlassen hatte -, begleitete ich ihn. Das war die Zeit, bevor Estland seine Unabhängig zurückerlangte. Es gab schon die blau-schwarz-weiße Flagge und man spielte schon die Nationalhymne, es war eine Art Revolutionszeit. Interessant ist, dass Estland kurz nach Finnland, das im Dezember 1917 unabhängig wurde, im Februar 1918 erstmals unabhängig wurde, darauf folgte Litauen – eine Art Dominoeffekt sozusagen. Davor waren sie alle nur Teile von Russland, sie waren nicht einmal bekannt als eigenständige Staaten. Deshalb werden die Jahre 2017 und 2018 sehr bedeutend für uns sein, denn da feiern wir 100 Jahre unserer Unabhängigkeit. Die Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 war also nicht die Zeit, in der Estland als Staat zu existieren begann, denn das war bereits 1918. Und sogar in der sowjetischen Zeit war es eine eigenständige Republik, wenn auch eher auf dem Papier als in der Realität.
Ich spreche zuhause Estnisch, meine Eltern sind estnisch, mein Vater ist ein großer estnischer Patriot, und natürlich treten mein Bruder und ich da in seine Fußstapfen. Wir haben das unglaublich warme und verantwortungsvolle Gefühl, die Identität Estlands weitertragen zu wollen. Der Grund dafür ist, dass es insgesamt nur 1,5 Millionen von uns auf der Welt gibt. Ich glaube es gibt mehr Einwohner in München als in Estland. Dieses Land hat bisher alle Arten von Hindernissen überwunden – die Herrschaft der Dänen, der Schweden, der Deutschen, der Russen. Und dennoch haben wir immer unsere Sprache, unsere Kultur und die Art zu leben beibehalten. Und warum? Wegen unserer Kultur, unserer Musik, unserer Sprache, unserer Lieder, unserem Essen, unserem Design, unserer Kleidung – all das ist es, was unserer Identität kreiert. Und darauf bin ich sehr stolz, auch wenn die Leute sagen: Was ist gut daran, das ist Nationalismus. Nein, das ist kein Nationalismus, das ist Identität. Du fühlst, dass du zusammengehörst, dass du eine große Familie bist.
KlassikInfo: Haben Sie mal in Estland gelebt?
Järvi: Wir alle leben mehr oder weniger dort. Seit Estland unabhängig ist, hat mein Bruder ein Haus dort, mein Vater hat ein Haus dort und wir haben ein Sommerhaus dort. Außerdem leitet mein Bruder dort ein Festival – Sie sollten da übrigens mal hinkommen, es ist ein großartiges Festival. Es findet Mitte Juli statt, das ist die einzige Zeit, in der man dort ein Festival machen kann, weil es sonst zu kalt ist (lacht).
Ich denke, dieser Zusammenhalt in Estland hat auch zu einer Reihe von technischen Innovationen geführt – Estland ist fast so etwas wie das Silicon Valley von Europa, in vielerlei Hinsicht. Skype wurde von estnischen Ingenieuren erfunden. Finanziert wurde es von einer schwedischen Firma, aber die Technologie ist estnisch, was viele Leute nicht wissen.
KlassikInfo.de: Sie leiten seit einigen Jahren auch das MDR-Sinfonieorchester – was sind Ihre Ziele für dieses Orchester?
Järvi: Wir diskriminieren weder Zuhörerschaften noch Musikrichtungen. Ich möchte mir nicht zu sehr auf die Schulter klopfen, aber ich denke, das MDR-Sinfonieorchester ist vermutlich das interessanteste Orchester in Deutschland. Möglicherweise wissen die Leute davon noch nichts, das heißt aber nicht, dass es nicht so ist. Dass die Leute das noch nicht kennen heißt lediglich, dass es sich noch unter der Oberfläche befindet – und wir müssen es auf die andere Seite bringen. Wenn ich unsere Konzepte und Programme mit anderen vergleiche, ist das etwas, auf das ich sehr stolz bin. Und ich bin stolz darauf, auf welch hohem Niveau das Orchester spielt.
KlassikInfo: Die Programme stammen von Ihnen alleine?
Järvi: Heutzutage muss man mehr sein als nur ein Dirigent. Festivals zu machen, eine eigene Aufnahme-Serie zu haben, sich selbst als Kurator und Programmdirektor zeigen. Ich bin jemand, der all das tut und eben auch dirigiert. Ich habe mich als Dirigent etabliert, aber der Beruf des Dirigenten wird oft stark reduziert auf wenige Aspekte. Ich denke aber, ein Dirigent zu sein bedeutet vor allem, ein künstlerischer Visionär zu sein. Wenn man sich zum Beispiel Barrie Kosky an der Komischen Oper in Berlin nimmt, wird es ganz klar: Das ist eine Person, die Visionen hat, und das ist ganz großartig, man braucht diese Person. Neben einem Filmregisseur gibt es schließlich auch nicht noch andere Regisseure für alles Mögliche, sondern eben den einen, der seinen eigenen Pfad beschreitet und dessen eigene Signatur erkennbar ist. Und ich denke, das ist der Weg, den wir in dieser Welt gehen sollten.

Interview: Robert Jungwirth
11-1-2016
Infos zu den kommenden Konzerten von Kristjan Järvi: http://kristjanjarvi.com/#home

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