Interview Kent Nagano

Kent Nagano Foto: Felix Broede

Explosion aus tönendem Licht

Kent Nagano dirigiert am 22. Juli 2017 das Eröffnungskonzert der diesjährigen Salzburger Festspiele mit Werken von Messiaen und Ligeti. Im Gespräch erläutert der Hamburger GMD seine Ideen für dieses Programm.

(März, 2017) Eine Explosion aus tönendem Licht und leuchtenden Klängen verspricht dem Titel nach das Auftaktkonzert der Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele am 22. Juli zu werden. Die dem Festival vorgelagerte Konzertreihe steht in diesem Jahr unter der Überschrift Transfiguration. Kent Nagano dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Solist ist der Pianist Pierre-Laurent Aimard. Zu hören sind György Ligetis Lux aeterna und Olivier Messiaens La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ.

47 Aufführungen, davon 36 Opernabende und 11 Konzerte hat Dirigent Kent Nagano bereits bei den Salzburger Festspielen geleitet. 1994 gab er sein Debüt mit Igor Strawinskys Oedipus Rex / Psalmen-Sinfonie in der Regie von Peter Sellars. Zusammen mit ihm gelang ihm 1998 die von Kritikern und Publikum gleichermaßen gelobte Oper Saint François d’Assise von Olivier Messiaen. Es folgten weitere Erfolge mit Doktor Faust von Ferruccio Busoni in der Regie von Peter Mussbach (1999) und mit der Uraufführung L’amour de loin von Kaija Saariaho in der Regie von Peter Sellars (2000). Mit Der König Kandaules von Alexander Zemlinsky in der Regie von Christine Mielitz (2002) und Die Gezeichneten von Franz Schreker in der Regie von Nikolaus Lehnhoff (2005) dirigierte er während der Intendanz von Peter Ruzicka die Werke zweier jüdischer österreichischer Komponisten, deren Werke von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert worden waren und dadurch fast in Vergessenheit gerieten.

KlassikInfo: Herr Nagano, Ihr Name ist untrennbar mit Olivier Messiaen verbunden, Sie waren sein Assistent in Paris.  Was bedeutet Ihnen dieser Komponist?

Nagano: Messiaen ist für meine Entwicklung als Musiker und Künstler außerordentlich wichtig gewesen; und er ist mir Orientierung bis heute. Er hat mich gelehrt, Leben und Musik in innigster Verbindung zu erleben und zu verstehen. Musik als Offenbarung, als Offenbarung der Natur und einer darin wirksamen göttlichen Kraft zu verstehen und daraus Tätigkeit und Verantwortung als Musiker und Künstler zu gewinnen und immer wieder unter Beweis zu stellen – das hat mir Messiaen auf meinen Weg mitgegeben.
KlassikInfo: Sie dirigieren das erste Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele 2017. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Salzburg?
Nagano: Salzburg bedeutet mir sehr viel. Das hängt ganz sicher damit zusammen, dass ich in dieser Stadt und in der umgebenen Landschaft einen Geist verspürt habe, der mir das Thema Europa nahegebracht hat. Wolfgang Amadeus Mozart, Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss sowie die Gründung und die Geschichte der Salzburger Festspiele bedeuten für mich Engagement und Mut, das Leben der Menschen durch Kultur menschlich zu machen und ihm durch und in der Auseinandersetzung mit Kunst und Musik einen besonderen Wert und Sinn zu geben.

KlassikInfo: Die Konzertreihe Ouverture spirituelle widmet sich dem Begriff der „Transfiguration“  (griechisch metamorphosis). Ist Musik für Sie die Kunst, die in eine andere Sinnenwelt, in eine andere Sphäre tragen kann?

Nagano: Auf jeden Fall sehe ich das so! In Musik lebt eine Energie und eine geistige Kraft, die unverzichtbar für den Menschen ist. Und das eben deshalb, weil Musik uns Räume zu öffnen vermag, in denen wir Menschen noch andere Wirklichkeiten erleben können als es die sind, die unseren Alltag bestimmen.

KlassikInfo: Sie stellen Olivier Messiaens La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ neben György Ligetis Lux aeterna. Was verbindet oder trennt diese beiden Werke, diese beiden Komponisten?

Nagano: Bei diesen beiden Werken handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche künstlerische Auseinandersetzungen mit Themen, die uns Menschen schon immer bewegt haben und bewegen werden. Gerade aber durch diese ästhetische Verschiedenartigkeit offenbart sich die Universalität unserer Auseinandersetzungen um Fragen des Seins jenseits von deren physisch-konkreter Fassbarkeit.

KlassikInfo: Das Chorwerk Lux aeterna, komponiert 1966, ist durch Stanley Kubricks Science-Fiction-Film 2001: A Space Odyssey (Odyssee im Weltraum) 1968 weltweit bekannt geworden. Was denken Sie über die Nutzung der Musik als Soundtrack?
Nagano: Ich bin bei solchen „Dingen“ offen und messe solche Nutzungen am Ende immer an dem Gewinn, an dem Mehrwert, der sich aus der Verwendung ergibt. Schon eine durch den Film erreichte größere Bekanntheit des Namens Ligeti und seines Chorwerks Lux aeterna kann viel bedeuten, wenn sie manche aus dem Filmpublikum dazu bringen, mehr über den Komponisten wissen zu wollen.

KlassikInfo: Olivier Messiaens groß angelegtes Werk vereint rund 200 Musiker: gemischten Chor, sieben Instrumentalsolisten und großes Orchester. Unter Ihrer Leitung fand 1981 eine Aufführung in San Francisco in Anwesenheit des Komponisten statt. In Salzburg übernimmt Pierre-Laurent Aimard den Klaviersolopart. Was verbindet Sie künstlerisch?

Nagano: Ich kenne Pierre-Laurent seit vielen Jahren, als er noch im Ensemble Intercontemporain spielte. Er ist ein wahrhaftiger Künstler, von seltener musikalischer Begabung, vor allem aber in seiner Musik von Geist und Sinn-Suche beflügelt.


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