Interview Isabelle Faust

Bach mit der Seele suchen


Interview mit der Geigerin Isabelle Faust über ihre neue Einspielung von Partiten und Sonaten von Johann Sebastian Bach, die am 26. April erscheinen wird

KlassikInfo: Bachs Partiten und Violinsonaten gelten als Prüfstein eines jeden Geigers. Worin liegen die Schwierigkeiten bei der Wiedergabe?

Faust: Diese Stücke kommen tatsächlich jedem Geiger sehr monumental vor. Sie sind exemplarisch für alles, was die Technik betrifft. Wie Bach die Möglichkeiten der Violine auslotet, das kam schon seinen Zeitgenossen außergewöhnlich vor. Die damaligen Musiker konnten sich teilweise auch gar nicht recht vorstellen, diese Werke im Konzert zu spielen, manche sprachen von Übungsstücken zur Perfektionierung der Technik.  
Geistig stellen die Partiten und Sonaten jedoch die größte Herausforderung an den Interpreten; man muss nur an die C-Dur-Fuge denken, so weit ich weiß die längste Fuge, die Bach überhaupt geschrieben hat, ein wahres Meisterwerk.
Schumann und Mendelssohn haben Klavierbegleitungen zu einigen dieser Stücke geschrieben, weil sie fürchteten, harmonisch könne kein Zuhörer mitkommen und es bedürfe auf jedem Fall noch einiger Hilfestellung. Heutzutage sieht man das natürlich anders, Bach war ja auch ein hervorragender Geiger und kannte sich bestens auf diesem Instrument aus. Wir sind also doch gefordert, die Polyphonie auf diesem kleinen Instrument herauszuarbeiten.

KlassikInfo: Die Auseinandersetzung mit diesen Solowerken schließt bei den meisten Musikern nie ab. Inwiefern verändert sich die Wiedergabe, wenn Sie sich die Stücke nach größeren Abständen wieder vornehmen?

Faust: Ich habe im Alter von sieben oder acht Jahren meinen ersten Bachsatz aus der g-moll Sonate geübt.  Langsam aber sicher habe ich alle erarbeitet, und sie sind in meinem täglichen Üben eingegliedert, d.h. sie begleiten mich schon ungefähr 30 Jahre. Über diesen Zeitraum hat sich sicherlich, teilweise auch ohne dass ich das bewusst bemerkt habe, sehr viel entwickelt. Dieses Repertoire muss man über einen langen Zeitraum reflektiert und in sich getragen haben. In den letzten Jahren hat mich aber doch entscheidend die historische Aufführungspraxis beeinflusst. In vielerlei Hinsicht habe ich neu überlegt, frisch nach- und umgedacht, mir als Konsequenz daraus z.B. eine Barockgeige und einen Barockbogen zugelegt. Dieses Instrumentarium hat einige Dinge, die spielerisch wichtig sind, z.B. die Artikulation, sehr verändert. Dank des Barockbogens wird die Polyphonie im Gegensatz zu dem breiteren und kraftvolleren Tourte-Bogen, deutlich transparenter, die verschiedenen Tanzcharaktere sind besser herauszuarbeiten, die Klangvorstellung ändert sich, die Darmsaiten verlangen einen sparsameren Einsatz des Vibratos, um nur einige Unterschiede zu nennen.
Aber letztlich sind diese Partiten und Sonaten so universell geschrieben und können auf so unterschiedliche Weise wunderbar klingen, dass musikwissenschaftliche Erkenntnisse zwar enorm wichtig und hilfreich für das Verständnis sind, im Grunde aber am Schluss doch das Erfassen der Seele dieser Musik das Essentielle darstellt.

KlassikInfo:
Welche Erfahrungen haben sie beim Aufnehmen dieser Stücke im Studio gesammelt?

Faust: Der Aufnahmeprozess war diesmal doch anders als bei den vorangegangenen Einspielungen. Schon dieses Ganz-allein-im-Studio-Sein, nur mit sich selbst, der Geige und Bach erforderte eine andere Art von Konzentration als z.B. die letzten Aufnahmen mit meinem Klavierpartner Alexander Melnikov bei den Beethoven-Sonaten. Wenn man zu zweit aufnimmt, gibt es sehr viel Austausch, man entscheidet einiges wirklich erst im Studio, da man ja immer auf den anderen angewiesen ist und auch "zurückgreifen" kann. Diesmal gab es nur ein "In-sich-hinein-Hören".

KlassikInfo: Innerhalb der historischen Aufführungspraxis, von der Sie sprachen, gibt es auch unterschiedliche Richtungen: Musiker, die nur mit barocken Instrumenten spielen, andere, die die Spielpraxis auf moderne Instrumente übertragen. Dirigenten, die nur mit Spezialensembles arbeiten, andere, die mittlerweile auch mit modernen Sinfonieorchestern arbeiten. Wie dogmatisch sind Sie diesbezüglich?

Faust: Ich bin froh, dass ich so viele verschiedene Möglichkeiten habe auf ein Werk zuzugehen. Das habe ich zum ersten Mal erfahren, als ich von Concerto Köln gebeten wurde, das Beethovenkonzert auf Darmsaiten zu spielen. Auch die Hardcore-Barockspezialisten, die längst ihr Repertoire bis zur Spätromantik erweitert haben, sind nicht mehr so dogmatisch, und das finde ich wunderbar. Auf diese Weise kommt jemand wie ich auch dazu, davon zu profitieren! Die Bach-Werke habe ich mit meiner Stradivari und dem Barockbogen aufgenommen.

KlassikInfo: Die Partiten und Sonaten werden sehr selten im Konzertsaal gespielt. Wie müsste der ideale Raum für diese intimen Stücke aussehen?

Faust: Viele Kollegen spielen diese Stücke gerne in Kirchen. Ich habe mich bei meinen Aufnahmen dagegen entschieden, weil mir ein intimerer Klang vorschwebte als die oft zu hallige Kirchenakustik.
Insgeheim bin ich der Überzeugung, dass sich diese Stücke am besten anfühlen, wenn man sie nur für sich selbst spielt. Man muss quasi die Seele auf den Tisch legen, so dass es eigentlich seltsam ist, wenn viele zuhören. Diese Musik ist einfach so sehr nach innen gerichtet. Es ist hier sehr schwer, bei  der Aufführung auf das Publikum zuzugehen, dem Publikum einen Zugang zur Musik zu bieten. Es handelt sich hier eher um etwas wie Meditation, vor allem bei den Sonatensätzen. Das Publikum muss viel Energie und Konzentration aufbringen, um die Chance des "Mithörens" zu ergreifen, der Geiger wiederum darf sich durch nichts von seinem  Weg abbringen lassen.
Und sowieso sind diese Werke einfach sehr schwer zu hören und mitzuverfolgen. Gerade die polyphonen Fugen durchzuhalten, ist eine wahre Herausforderung an den Hörer. Das Publikum ist auch noch stärker gefordert, zumal sie so selten gespielt werden. Ich bin immer für jede Gelegenheit dankbar, diese Stücke dem Publikum im Konzert nahezubringen, wenn der richtige Rahmen gegeben ist. Dieses Repertoire ist einer der größten Schätze, die die Geigenliteratur uns schenkt, und wir hören diese Werke trotzdem zu wenig. Aber im Grunde sind sie doch eine derart intime Angelegenheit, dass es für den Geiger fast eine Überwindung bedeutet.

KlassikInfo: Was bedeutet Bach generell für Sie?

Faust: Fuer mich ist er der Übervater, der über allem steht. Er ist der Ursprung von allem, was danach kommt.

KlassikInfo: Sie haben schon in sehr jungen Jahren ein Streichquartett gegründet. Wie bedeutsam ist heute noch die Kammermusik für Sie?

Faust: Die Kammermusik steht für mich immer noch an erster Stelle. Dass ich vom Streichquartett her komme, sitzt sehr tief. Leider habe ich nach fünf intensiven Jugendjahren nie mehr ein eigenes Streichquartett gehabt und würde das sehr gerne wieder anfangen. Aber dafür braucht man viel Zeit, und ein Streichquartett muss zusammenwachsen, das bedarf  intensiver Arbeit. Das lässt sich derzeit mit dem Solo- und Rezitalspielen nicht so gut vereinen.
Aber im Grunde gehe ich auch große Konzerte wie Kammermusik an – vorausgesetzt ich habe den richtigen Dirigenten und das richtige Orchester, bei dem das persönliche, individuelle Engagement mehr zum Tragen kommt wie z.B. das Mahler Chamber Orchestra und Daniel Harding. Wir haben das Brahmskonzert wie ein groß besetztes Kammermusikstück gestaltet. Pures Solospiel mit Begleitung interessiert mich nicht. Und dann konzentriere ich mich immer wieder speziell auf Kammermusikprojekte, oft gekoppelt an Cd-Pläne , wie jetzt das 2. Brahms -Sextett, und auf einzelne Kammermusikfestivals, die mir jedes Jahr Spaß machen wie das Heimbach-Festival.

KlassikInfo: Die Zahl der festen Quartette und Trios hat in den vergangenen Jahren sehr abgenommen, nachdem sich etwa das Alban Berg Quartett und das Beaux Arts Trio verabschiedeten. Daniel Hope hat dem legendären Klaviertrio eine Solokarriere vorgezogen. Es hat den Anschein, die Kammermusik verliert mehr und mehr an Gewicht im Konzertleben…

Faust:
Ich beobachte das auch bei meiner Agentur, die lange Zeit ausschließlich Quartette vermittelte.  Irgendwann wurden die Zeiten schwerer und sie hat sich entschlossen, auch Solisten auf die Liste zu nehmen. Es scheint nicht besser zu werden. Andererseits, wenn ich in andere Länder schaue, zum Beispiel nach Frankreich oder Italien, da ist es um die Kammermusikkultur noch weitaus schlechter bestellt.  
Es ist natürlich auch eine finanzielle Sache. Als Streichquartett zu überleben, ist schwer. Hinzu kommt, dass ein Streichquartett ständig auf Tournee sein muss, und man hat wenige Freiräume, was sehr problematisch ist, wenn zuhause Familie wartet. Ich denke mal, dass Daniel Hope mit dem Solospielen lockerer über die Runden kommt, aber ich bin auch sicher, dass er weiterhin regelmäßig Kammermusik spielt, eben nicht gebunden an eine Gruppe, sondern auch flexibler in der Formation von Duo bis Oktett. Er ist ja ein sehr vielseitiger Künstler.

KlassikInfo: Sie waren sehr erfolgreich bei Wettbewerben, haben 1987 den Leopold-Mozart-Wettbewerb in Augsburg gewonnen sowie 1990 den Premio Paganini in Genua. Aber eigentlich halten Sie gar nicht viel von Wettbewerben. Nun kommt demnächst ein Film unter dem Titel "Die Konkurrenten" um vier russische Wunderkindpianisten ins Kino, der zeigt, dass junge Solisten bei den Agenturen nur eine Chance haben, wenn sie erste Preise vorzuweisen haben, und wie unfair es bei diesen Wettbewerben oftmals zugeht.

Faust: Mich schreckt immer alles ab, was mit Wettstreiten zu tun hat. Es geht doch beim Musizieren um andere Werte als darum, wer korrekter oder schneller spielt. Ich habe, abgesehen von "Jugend musiziert", nur diese zwei Wettbewerbe mitgemacht, Gott sei Dank auch beide gewonnen, kann also nicht klagen. Der erste Wettbewerb war ein einziger Traum für mich, weil ich direkt aus meiner zweiten Geigenposition des jungen Streichquartetts, das sich dann auflöste, in diesen Wettbewerb gegangen bin. Ich hatte keine Erwartungen und dadurch nichts zu verlieren, auch keine Angst, mich diesem Wettbewerb zu stellen. So ist das natürlich ideal. Den Paganini- Wettbewerb hätte ich mir sparen können. Ich hatte nach ein paar Jahren, nach denen ich schon eine solistische Karriere aufbaute, das Gefühl, ich müsste nochmal so einen Zirkus mitmachen. Die Presse hatte eigentlich einen anderen Favoriten im Visier. Als sich die Jury einstimmig für mich entschied, flammte große Empörung auf. Das war keine schöne Erfahrung. Für mich war der Paganiniwettbewerb letztlich überflüssig. Die meisten Wettbewerbe sind sowieso nur Leistungsstress, es gibt wenig Platz für das, was an Musik wichtig ist.

KlassikInfo: Welche Alternativen aber haben die jungen Musiker, im Konzertleben Fuß zu fassen?

Faust: Wenn sie Glück haben, fallen sie in einem Meisterkurs auf, und der Leiter nimmt sie unter seine Fittiche, empfiehlt sie weiter und vermittelt ihnen kleine Konzerte. Wenn man eine Art von Mentor findet, erachte ich das als die viel natürlichere und gesündere Art und Weise, eine Karriere zu beginnen. Ich glaube, große Musikerpersönlichkeiten setzen sich auf die eine oder andere Weise letztlich immer durch.

KlassikInfo: Sie sind ja im Dickicht der vielen berühmten Geigerinnen – Anne-Sophie Mutter, Hilary Hahn, Julia Fischer, Lisa Bashiatvili, Arabella Steinbacher – um nur einige zu nennen, auch unabhängig von den Trends, schulterfrei und in Hautecouture aufzutreten. Dabei spielen das Aussehen und die Kleidung zunehmend eine Rolle beim Erfolg. Anne-Sophie Mutter war die Erste, die das einführte…

Faust: Ich habe ganz viel Glück, dass ich nicht auf diese Art und Weise angefangen habe, ins Konzertleben zu rutschen. Auch, dass ich nie als Wunderkind propagiert wurde, dass nie eine Deutsche Grammophon oder eine große Agentur auf mich gestürzt ist, als ich 17 war und mich stante pede auf die großen Podien katapultiert hat. Das ist mir erspart geblieben. Bei mir hat sich alles kontinuierlich entwickelt, und die Kontinuität gibt mir einen starken Boden. Ich glaube, wenn man von heute auf morgen so ein Star ist, fehlt der Unterbau. Dann hat der junge Star gar nicht die Zeit, sich klar zu werden, was er tut, worum es ihm eigentlich geht und auch, sich von diesen Äußerlichkeiten zu distanzieren. Jetzt zähle ich glücklicherweise nicht mehr zu den ganz Jungen, d.h. ich habe schon eine Hürde genommen und so schnell bin ich nicht mehr wegzupusten. Die Leute müssen bei mir schon richtig hinhören, was aus der Geige kommt.
 
Interview: Kirsten Liese

 

 


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