Interview Christoph Müller Gstaad

Das zweitgrößte Musikfestival der Schweiz

Christoph Müller Foto: Festival

Das Gstaad Menuhin Festival macht mit einem vielfältigen siebenwöchigen Programm (16. Juli bis zum 5. September) und mit zahlreichen großen Namen mittlerweile dem Festival in Luzern Konkurrenz. In nicht allzu ferner Zukunft könnte es hier sogar szenische Opern geben – das jedenfalls wünscht sich Intendant Christoph Müller, der das Festival seit 13 Jahren leitet.

KlassikInfo: Das Festivalthema in diesem Sommer ist „Ironie & Musique“ – was hat es mit damit auf sich und wie wird es im diesjährigen Programm umgesetzt?
Müller: Mich reizt die Doppelbödigkeit der Ironie; man formuliert eine Aussage ironisch und überspitzt und meint eigentlich das Gegenteil. So ist es zumindest in der Sprache. Je länger ich suchte, desto mehr fand ich solche Ansätze auch in der Musik. Ironie wird in der Musik auf verschiedene Weise umgesetzt: einmal theatralisch bei Rossini, einmal sarkastisch bei Schostakowitch, einmal schalkhaft bei Richard Strauss, dann subtil aber provokativ bei Haydn. Das hat mich begonnen zu faszinieren.
KlassikInfo: Inwiefern sind Themen oder Mottos für ein Festival überhaupt sinnvoll und hilfreich? Es läßt sich ja doch nie das gesamte Programm eines Festivals, das sich über sieben Wochen erstreckt, einem Thema unterordnen…
Müller: Themen sind Steigbügel für den Zuhörer, Einstiegshilfen einerseits, aber sie helfen auch, einer langen Folge von Konzerten (es sind bei uns mehr als 60) eine Struktur und einen roten Faden zu verleihen.
KlassikInfo: Sie leiten das Menuhin Festival Gstaad nun seit 13 Jahren sehr erfolgreich. Ihr Vorgänger Gidon Kremer scheiterte nach nur zwei Jahren – was haben Sie richtiger gemacht als er, was ist Ihr Konzept?
Müller: Ich versuchte von Beginn an eine breite Palette von Stilen und Genre abzudecken und mit einigen neuen Gefässen an den innovativen Geist des Festivalgründers anzuknüpfen: mit dem Kammermusikfest Gstaad, mit den Akademien, mit dem Festivalorchester, mit der Reihe „Todays Music“, mit den Kinder- und Jugendprojekten. Vor allem aber habe ich das Vertrauen zu Sponsoren und lokalen Meinungsmachern wieder herstellen können, aber auch enge Bindungen zu führenden Künstlern herstellen können. Heute ist das Festival die unbestrittene Nr. 2 hinter Luzern in der Schweiz und das wichtigste Großereignis in der Region Gstaad-Saanenland im Jahr.
KlassikInfo: Der Festivalgründer Yehudi Menuhin ist vor 16 Jahren gestorben. Welche Bedeutung hat er heute noch für das Festival?
Müller: Yehudi Menuhin ist ein Vorbild, ein Idol gewissermassen, was seinen Innovationsgeist angeht: Seine Ansätze der Musikvermittlung in allen Bereichen sind genial und für uns eine Verpflichtung. Ausserdem hat er Institutionen ins Leben gerufen, die bis heute eine große Bedeutung für uns haben: die Menuhin School London oder den Menuhin Violin-Wettbewerb. Zentral ist für mich aber seine Aussage, nach welcher in Gstaad das „Musizieren unter Freunden in entspannter Atmosphäre“ für ihn relevant sei. Diese Atmosphäre und diese Geisteshaltung versuche ich Jahr für Jahr umzusetzen.
KlassikInfo: Sie sind ja zugleich Intendant/künstlerischer Leiter und CEO des Festivals. Geraten Sie dadurch bei Ihrer Arbeit manchmal in Widerspruch mit sich selbst, duellieren Ihre künstlerische und wirtschaftliche Seite sich sozusagen ab und an?
Müller: Nein, ich sehe alle Planungen und Projektlancierungen von der Seite der Machbarkeit an: wenn ein Projekt nicht auch finanzierbar ist oder Aussichten auf einen Zuspruch des Publikums hat, ist es für mich nicht relevant. Es ist für mich ein Ansporn, ständig Projekte zu planen, die eben diesem Anspruch gerecht werden.
KlassikInfo: Neben einem Programm mit Stars und Newcomern kreieren Sie auch immer wieder neue Formate wie Konzerte und Workshops mit einem festivaleigenen Laienorchester oder im letzten Jahr die Konzertreihe „Youtube-Classic-Stars“, die junge Künstler auf die Festivalbühnen holte, die über soziale Netzwerke bekannt wurden, z.B. die Pianistin Valentina Lisitsa oder den Gitarristen Milos Karadaglic. Warum sind sind solche neuen und ungewöhnlichen Formate wichtig? Gewinnen Sie damit ein neues und auch jüngeres Publikum?
Müller: Ich versuchte mit dem Zyklus „Youtube-Classic-Stars“ auf ein Phänomen aufmerksam zu machen, welches in der Musikwelt zu beobachten ist. Ich glaube, dadurch eine breitere Hörerschaft ansprechen zu können. Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Das Konzert mit der ersten Youtube-Pianistin Lisitsa zum Beispiel war enttäuschend besucht… da hätte ich mehr erwartet. Anderseits haben sich die Medien auf dieses Thema gestürzt, was mich gewundert hat.
KlassikInfo: In einem Interview mit der Berner Zeitung vom vergangenen Jahr sprachen Sie über Ihre Hoffnung, dass sich Gstaad zu einem „Salzburg der Alpen“ entwickeln könnte – was genau stellen Sie sich darunter vor? Soll es bald auch inszenierte Opern geben?
Müller: Für inszenierte Opern haben wir im Moment keinen Spielort, aber im Zusammenhang mit der Projektierung eines Konzerthauses möchte ich diese Diskussion lancieren, ob es ein Ziel sein soll, Opern künftig anzubieten. Mit einem Konzertsaal, welcher das jetzige Festivalzelt (1800 Plätze) ersetzen würde, könnte in diese Richtung geplant werden. Wir sprechen hier aber von einer 10-Jahres-Perspektive. Der Gedanke, in einer Alpen-Ferienregion szenische Opern sprichwörtlich auf höchstem Niveau anzubieten ist reizvoll.
KlassikInfo: Der Bau der neuen Konzerthalle mit dem schönen Namen „Les Arts Gstaad“ direkt neben dem Bahnhof ist in Planung. Wie ist hier der aktuelle Stand?
Müller: Die nächsten Wochen sind entscheidend. Die Initiativgruppe ist mit verschiedenen Geldgebern in Kontakt. Erst wenn ein wesentlicher Teil der nötigen Mittel zugesagt ist, kann das Projekt der Gemeindeversammlung vorgelegt werden. Die Zeichen sind positiv im Moment. Eine Eröffnung wäre aber nicht vor 2021 vorgesehen…

Interview: Robert Jungwirth

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