Interview Anja Kampe

Keine Angst vor Regisseuren

Anja Kampe Foto: Alexander Vasiljev

(August 2010) Anja Kampe war als Leonore der umjubelte Mittelpunkt eines konzertanten Fidelio in Grafenegg (siehe Artikel auf KlassikInfo.de). An der Bayerischen Staatsoper wird sie im Dezember in einer Neuinszenierung von Calixto Bieito die Partie an der Seite von Jonas Kaufmann singen. KlassikInfo.de-Mitarbeiter Markus Schäfert sprach nach der Grafenegger Aufführung mit der deutschen Sopranistin über Beethovens Humanismus, Münchner Pläne und italienische Opernhäuser.
Klassikinfo.de: Sie haben die Leonore in Grafenegg konzertant gesungen, Sie werden sie im Dezember in München szenisch singen. Was ist der Fidelio für Sie: Humanistisches Oratorium oder große Freiheitsoper?
A. Kampe: Beides. Es ist eine Kombination, deshalb ist es auch so schwer, Fidelio zu inszenieren. Es ist ein humanistisches Bekenntnis. Es geht um Liebe, um Hoffnung, gerade im Fall von Leonore. Es geht darum, was Liebe vermag, was man für eine Kraft daraus ziehen kann.
Klassikinfo.de: Worin sehen Sie die besondere Herausforderung dieser Rolle?
A. Kampe: Stimmlich ist sie eine große Herausforderung, denn sie ist nicht sängerfreundlich geschrieben. Mit anderen Worten: die Stimme wird wie ein Instrument behandelt. Man singt sehr oft in der Übergangslage und mit Tonrepetitionen in dieser Lage. Das steigert sich noch im Verlauf der Oper, gerade im dramatischen Quartett des zweiten Aktes. Da muss man sich die Kräfte einteilen und mit großer Disziplin singen.
Klassikinfo.de: Haben Sie die Missa solemnis auch schon gesungen?
A. Kampe: Ich sollte mal, aber es hat sich dann doch noch nicht ergeben. Aber das ist ähnlich, genauso wie die 9. Symphonie. Das ist alles  ohne viel Rücksicht auf die Grenzen der menschlichen Stimme geschrieben.
KlassikInfo.de: Sie haben in München schon mit Peter Konwitschny zusammengearbeitet, diesmal mit Calixto Bieito. Keine Angst vor vermeintlichen Skandalregisseuren?
A. Kampe: Ich habe nie Angst vor Regisseuren. Ich verschließe mich nie vor neuen Menschen. Die Zusammenarbeit mit Konwitschny war außerordentlich anregend und ich würde mir viel öfter diese Art von Regisseuren für meine Partien wünschen. Ich habe sehr gute Inszenierungen von Calixto Bieito gesehen, zum Beispiel einen Don Giovanni in Barcelona. Er muss eine interessante Persönlichkeit sein, und er hat tolle Ideen. Dass es ihm  gelingt, diese umzusetzen, würde ich mir wünschen, kann es aber nicht vorher wissen. Aber ich freue mich darauf. Fidelio ist sehr schwer zu inszenieren, es gibt wenige gute Fidelio-Inszenierungen, vielleicht findet er einen Weg dazu.
Klassikinfo.de: Sie haben in Italien mit Abbado den Fidelio gemacht. Damals hat der deutsche Filmemacher Chris Kraus Regie geführt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?
A. Kampe: Der hatte keine Ahnung von Oper, das hat er selber gesagt. Er war vorher nie in der Oper. Wir mussten ihn dann ein bisschen an die Hand nehmen, mussten ihm sagen: Weißt du, das und das können wir machen, aber dieses und jenes funktioniert auf der Opernbühne nicht. Er hat sehr aus seiner Sicht als Filmregisseur inszeniert. Das war nicht ganz einfach, aber trotzdem nicht uninteressant.
Klassikinfo.de: Sie singen fast ausschließlich Neuinszenierungen. Mit dem Repertoire-Theater haben Sie es nicht so sehr?
A. Kampe: Wenn eine Rolle neu ist, sollte man eine Neuinszenierung machen, um die Rolle kennen zu lernen, um sie sich wirklich zu erarbeiten. Dann kann man auch mal in Zukunft darüber nachdenken, ohne längere Probe in eine Inszenierung hineinzugehen. Aber ich liebe es doch mehr, Neuinszenierungen zu machen, weil man sich selber viel mehr einbringen kann und nichts kopieren muss. Oft sind die Regisseure nicht mehr da, wenn es Wiederaufnahmen gibt. Dann müssen die Regieassistenten einem das erklären, ohne aber wirklich die Hintergründe zu kennen. Und das vermisse ich dann.
Klassikinfo.de: Sie verstehen sich also schon auch als Schauspielerin?
A. Kampe: Auf jeden Fall. Heute Abend habe ich ein bisschen gelitten, weil man konzertant nicht so aus sich herausgehen kann. Man muss halt brav dastehen. Und ich bin ganz gern mit dem ganzen Körper dabei.
Klassikinfo.de: Gibt es für München noch weitere Pläne?
A. Kampe: Ja, Walküre im neuen Ring. Ich werde die Sieglinde singen. Und Wiederaufnahmen vom Holländer.
Klassikinfo.de: Haben Sie mit Jonas Kaufmann schon zusammengearbeitet?
A. Kampe: Nein, das wird in München zum ersten Mal sein. Wir hätten in Madrid mit Abbado den Fidelio machen sollen, aber er hat damals abgesagt.
Klassikinfo.de: Zum Schluss noch eine Frage zu Italien. Sie haben lange in Italien gelebt, Sie kennen sich dort gut aus. Wie beurteilen Sie die Lage der italienischen Opernhäuser?
A. Kampe: Das Geburtsland der Oper verliert immer mehr seinen Status. Es ist ein sehr geschlossenes System, eine Hand wäscht die andere: Du darfst bei mir mal singen, dann darf ich bei dir singen. Jetzt, wo die Gelder nicht mehr da sind, geht das ganze den Bach runter. Seit Berlusconi dort regiert, ist in dieser Gesellschaft die Kultur nicht mehr wichtig, alles ist auf Profit orientiert und die Dummheit wird durch die Macht seiner Medien geschürt.  Das, was sich da im Moment abspielt, macht mich wirklich traurig. Ich liebe Italien immer noch sehr, ich hätte mir Besseres für dieses Land gewünscht 
KlassikInfo.de: Vielen Dank für das Gespräch. 
Interview: Markus Schäfert

 

 



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