Interview Andris Nelsons

Interview Andris Nelsons: Ich könnte mein ganzes Leben in Bayreuth dirigieren

Im KlassikInfo-Interview spricht der lettische Dirigent über seine enge Beziehung zur Musik Richard Wagners und über die Herausforderungen, die vor ihm liegen – als Chefdirigent zweier Top-Orchester.
(München, 2013) Andris Nelsons ist weltweit einer der erfolgreichsten Dirigenten der jüngeren Generation. Beim City of Birmingham-Symphonie Orchestra, das seinerzeit Simon Rattle zu einem international bekannten Spitzenensemble geformt hat, ist Nelsons seit 2008 Chefdirigent. In Bayreuth dirigiert er seit einigen Jahren mit sehr großem Erfolg den „Lohengrin“. Die nächste „Parsifal“-Neuinszenierung dort wird er ebenfalls dirigieren. Und dann wird der gebürtige Lette 2014 auch noch Chef des berühmten Boston-Symphony-Orchestras. Und das alles mit gerade mal 35 Jahren! Eine enorme Karriere des wie Mariss Jansons und Gidon Kremer aus Riga stammenden Musikers, der als Trompeter im Opernhaus seiner Heimatstadt begann, bevor er dort Chefdirigent wurde – mit 24 Jahren.
Im Gegensatz zu manchen anderen Musikerkollegen, deren Talent vor allem ein Produkt der Marketing-Abteilungen der Plattenfirmen zu sein scheint, ist Andris Nelsons musikalisches Talent über alle Zweifel erhaben. Nicht umsonst reißen sich alle großen Orchester dieser Welt geradezu um ihn. Nelsons vermag zu begeistern – Musiker wie Zuhörer, weil er selbst voller Begeisterung steckt und auch ein enorm versierter und gründlicher Handwerker ist. Was das besondere musikalische Talent Nelsons ausmacht, kann man z.B. in der hervorragenden Filmdokumentation von Astrid Bscher mit dem etwas dick aufgetragenen Titel „Genius on Fire“ erfahren, die auch auf DVD erhältlich ist.
KlassikInfo: Herr Nelsons, mit Ihrem ersten Bayreuther „Lohengrin“-Dirigat 2010 haben Sie sich schlagartig als Wagnerdirigent in die erste Liga weltweit empor-dirigiert. 2016 werden Sie die Neuproduktion des „Parsifal“ in Bayreuth leiten. War Wagner schon vor Bayreuth für Sie persönlich wichtig oder ist er es erst durch Bayreuth geworden?
Nelsons: Ich würde sagen, dass Wagner sogar mein Lieblingskomponist ist. Die erste Oper, die ich überhaupt je hörte, war Wagners „Tannhäuser“ in der Oper von Riga. Ich war damals 5 Jahre alt. Das war eine solch beeindruckende Erfahrung, dass ich von seiner Musik regelrecht infiziert wurde. Ich mochte Wagner schon immer – habe immer schon Opernaufnahmen gehört und Vorstellungen besucht und dann oft seine Musik dirigiert. Es war für mich immer etwas Besonderes. Natürlich bedeutete das Engagement in Bayreuth eine außergewöhnliche Chance und Ehre. Ich mag Bayreuth sehr und freue mich schon auf die „Parsifal“- Produktion, die ich 2016 dirigieren werde. Ich hege eine wirklich tiefe Bewunderung für Wagners Musik, für mich ist sie einzigartig.
KlassikInfo: Waren Sie überrascht, als man Sie fragte, den Lohengrin zu übernehmen?
Nelsons: Die Anfrage für die Neuproduktion von Lohengrin 2010  wurde schon zwei oder drei Jahre davor an mich gerichtet. Ich war damals natürlich sehr überrascht und sehr glücklich. Als Bewunderer von Wagners Musik, hatte immer davon geträumt, in Bayreuth dirigieren zu können. Dass es tatsächlich wahr werden würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet. Es ist eine große Ehre für mich, dass Katharina Wagner mir die „Lohengrin“-Produktion und nun auch die Neuproduktion von „Parsifal“ angeboten hat. Ganz ehrlich, ich kann mir vorstellen, mein ganzes Leben lang in Bayreuth zu dirigieren, wenn das gewünscht wäre. Ich liebe diesen Ort. Er ist außergewöhnlich.
KlassikInfo: Wie würden Sie Ihren Blick auf Wagner beschreiben, Ihre Art ihn zu dirigieren?
Nelsons: Wagner hat selbst gesagt und geschrieben, dass Musik wohl die höchste Kunst sein muss, denn über die Musik kommt man Gott oder einer höheren Instanz am nächsten. Musik beinhaltet beides: den Intellekt und die Emotion. Wagners Musik geht über den Intellekt, über eine Erklärung in Worten, hinaus. Sie ist überirdisch. Wenn ich diese Musik dirigiere, fühle ich mich wie in einer vollkommenen Welt. Natürlich ist sie nicht vollkommen, denn in seinen Opern sterben alle. Aber seine Musik vermittelt mir ein solch starkes Gefühl von Erfüllung, das mein intellektuelles Verständnis von Wagner übersteigt. Ich kann dieses Gefühl gar nicht erklären – es wirkt wie ein Rauschgift. Ich habe zwar noch nie Rauschgift genommen – und kann die Wirkung daher nicht beurteilen. Aber in jedem Fall besitzt die Musik eine besondere Macht. Vom Verstand her weiß man natürlich, dass Wagner mit seinen Opern und seinen Harmonien höchst revolutionäre Ideen umsetzte. Schon allein dieses theoretische Wissen ist faszinierend. Sobald man die Musik hört oder dirigiert, kommt aber noch eine andere Dimension hinzu, die seine Werke so einzigartig werden lassen.
Wenn man anfängt, seine Musik zu dirigieren, begreift man instinktiv, wie man ihr folgen muss, und wie perfekt sie komponiert ist. Es kommt einem so vor, als bilde sie einen Teil der eigenen Person. Seine Musik beeinflusst alle  – auch die, die sie nicht mögen. Diejenigen, die gegen ihn sind, wissen, dass sie von ihm beeinflusst werden. Wie zum Beispiel Johannes Brahms, der ein absoluter Gegner von Wagners Musik war. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass seine Kompositionen von Wagner beeinflusst sind. Wagners Musik hat etwas Geniales. Er gehört wie Mozart, Beethoven oder Bach zu diesen außergewöhnlichen Genies, die nur alle 200 Jahre auftauchen. Ich jedenfalls verspüre eine Art physisches Bedürfnis nach Wagners Musik – es ist wie Hunger nach Nahrung. Das macht den spirituellen Gehalt seiner Musik aus. Aber das ist meine ganz persönliche Sicht – für andere kann sich das ganz anders darstellen.
KlassikInfo: Wenn man Ihnen beim Dirigieren zusieht, hat man den Eindruck, dass Sie sehr stark mit der Musik verschmelzen, eine Einheit bilden…
Nelsons: Vielen Dank. Darin sehe ich auch unsere Aufgabe, unsere Mission und unser Ziel: das Publikum für die Musik auf die gleiche Weise  einzunehmen, wie wir als Musiker vereinnahmt werden. Mein Repertoire verläuft in zwei großen programmatischen Linien: die eine ist die deutsch-österreichische Linie –  mit Haydn, Beethoven, Mozart, Brahms, Strauss, Wagner, Mahler und Bruckner. Sie alle haben mich sowohl musikalisch wie seelisch stark geprägt. Die andere Linie ist die slawische mit Tschaikowsky, Dvorak, Bartok, Schostakowitsch. Beide Stränge spielen in meinem Leben eine große Rolle – dieser Musik fühle ich mich besonders nahe. Vieles kommt natürlich über die Ausbildung und die Möglichkeiten, die ich hatte – mit Russland direkt nebenan und Westeuropa nicht weit. Wir sind in Lettland genau in der Mitte dieser beiden Kulturen. Für mich ist diese Kombination von slawischem und deutsch-österreichischem Repertoire perfekt.
KlassikInfo: Das CBSO leiten Sie seit 2008, ab nächster Spielzeit kommt noch das Boston Symphony Orchestra hinzu. Daneben diverse Gastauftritte bei anderen Orchestern und Bayreuth. Ist es heute unumgänglich, als junger Dirigent so viele Verpflichtungen auch in Chefpositionen einzugehen, um erfolgreich sein zu können?
Nelsons: Ich denke, dass die Entscheidung, ein Orchester als Chefdirigent zu leiten, in jedem Fall eine ganz persönliche ist. Manche haben gar kein Orchester, weil sie es vielleicht auch nicht wollen, manche wiederum haben zwei oder sogar drei. Obwohl, das gibt es eher selten. Ich habe nicht wirklich geplant, zwei Orchester zu leiten. Zwischen dem City of Birmingham Symphony Orchestra und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Nun endet mein sechstes Jahr dort, und ich werde bestimmt bis 2015 dort bleiben. Beim Boston Symphony Orchestra beginne ich 2014, dann werden beide Orchester in jedem Fall parallel laufen lassen. Ich muss entscheiden, ob ich weiter in Birmingham bleibe. Das ist schwer, weil ich das Orchester sehr mag. Es hat mich immer unterstützt, und die Chemie zwischen den Musikern und mir stimmt einfach. Wir sind oft auf Tour und spielen viele Konzerte zusammen. Aber ich bin auch sehr glücklich darüber, das Boston Symphony Orchestra leiten zu können  – ein Orchester mit einer großen Tradition und eines der besten Orchester der Welt. Dort werde ich auch eine musikalische Familie haben. Aber ich weiß wirklich nicht, wie lange ich Chefdirigent von zwei Orchestern sein werde.
Für mich ist außerdem völlig klar, dass ich weiterhin die Orchester dirigieren will, die ich überaus schätze, wie die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker, das Symphonieorchester des BR, das Concertgebouw Amsterdam, das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Dresden. Das ist sehr wichtig und für mich eine wirklich große Ehre. Abgesehen von Boston, Birmingham und Bayreuth dirigiere auch an anderen Opernhäusern – wie Covent Garden in London. In Zukunft werde ich auch wieder an die Met zurückkehren. Auch in Wien werde  ich Oper dirigieren. Das ist ganz schön viel. Sobald der Vertrag in Boston anfängt, muss ich eben sehen, wie das alles funktioniert. Ich muss für mich entscheiden, welche Prioritäten ich setzen werde – welche Orchester und an welchen Opernhäuser ich dann noch regelmäßig dirigieren kann. Ich habe weiß aber ganz genau, dass ich mich an den Gastdirigaten und meinen beiden Orchestern so intensiv wie möglich erfreuen möchte.
Interview: Robert Jungwirth

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