Intermezzo

Klanglich horrifizierter Ehestreit

Ehehalle oder Ehehölle? Foto: Rolf Bock

Ironie mit einem Touch veritabler Oper: Richard Strauss‘ „Intermezzo“ im Theater an der Wien
(Wien, 13. Dezember 2009) Es war eine Episode, ein „Intermezzo“ seiner Gattin Pauline mit einem jugendlichen Verehrer, die Richard Strauss 1902 zu seiner achten, selten gespielten Oper inspirierte: „Intermezzo“, eine „bürgerliche Komädie mit sinfonischen Zwischenspielen“, uraufgeführt 1925.
Einen krisenhaft komödiantischen Unterbruch erfährt in dem Stück die Ehe von Strauss‘ Alter ego Kapellmeister Robert Storch und dessen Frau Christine. Diese findet einen Brief, in dem eine gewisse Mieze Maier den Tonsetzer um zwei Karten für ein Konzert bittet. Und um ein Stelldichein nach demselben. Der Brief war falsch adressiert, Storch unschuldig. Auch dieses Ereignis basiert auf einer wahren Begebenheit. Der Verwechslung folgt ein Ehekrach und diesem ein glückliches Ende, das die Verhältnisse wiederherstellt: die Ehe als patriarchaler Status quo. Christine muss reumütig Texte absingen wie: „Ich will dich auf Händen tragen, dir jeden Willen erfüllen!“ Kann man das auf die Bühne bringen? Man kann.
Die Tonsprache in „Intermezzo“ ist stark vom Parlando-Stil geprägt. Ein Vergnügen, zuzuhören, wie Kirill Petrenko und das Radio-Symphonieorchester Wien den „mitkomponierten“ Text (das Libretto schrieb Strauss selbst) kommentieren. Flink schieben sie den Worten (mitunter ironische) Bedeutung zu, setzen ihnen emotionale Farbtupfer auf. In den Zwischenspielen fährt das für Strauss’sche Verhältnisse klein besetzte Orchester zu voller Pracht auf. Hier darf der Ehestreit dissonant horrifiziert werden und sich die für Strauss typische Süsse am Schluss doch als Siegerin zeigen. In diesen Zwischenspielen regt sich im Hörer aber auch ein gewisses Abstandsbedürfnis: Das Private nur mit den adäquaten (und angestrebten) Mitteln des leichten Konversationstons zu schildern, ist dem Grossinstrumentator Strauss nicht ganz gelungen.
In der Rolle der Christina sprang für Soile Isokoski die Basler Sopranistin Carola Glaser ein. Die Partie ist überaus anspruchsvoll. Das Parlando mit lyrischen und dramatischen Passagen zu verbinden, widerborstige Sprünge, zwei Stunden Dauereinsatz – das vollzog Glaser präzise und berührend. Auch als Darstellerin wirkte sie mit ihrer Rolle vertraut: eine unberechenbare Frau, liebesbedürftig bei aller Stachligkeit. Bo Skovhus gab den Komponisten: grollend mit den Reserven eines Don Giovanni, ironisch, süss. Das war differenziert gezeichnet.
Christof Loy hatte, „aufgrund einer krankheitsbedingten mehrfachen Umbesetzung“, das Handtuch geworfen und die Inszenierung seinen Assistenten überlassen. Ideen waren genügend vorhanden. Etwa diejenige, die vielen Handlungsschauplätze ineinander zu verlegen und mit dieser Mehrfachbelichtung für theaterhaften Tumult zu sorgen, statt mit mühsamen Umbauten vom Salon zum Rodelplatz in die Anwaltskanzlei etc. zu wechseln. Als Bühne (Henrik Ahr) dient ein senkrecht aufgestellter Parkettboden. Eine Sparversion sicherlich, aber nicht die schlechteste.
Der Tumult entwickelt sich, als Christina ihren hemdsärmeligen Seitensprung-Baron (spielfreudig: Oliver Ringelhahn) kennenlernt: Das ganze Haus erwacht zu neuem Leben. Kächin, Botin, der halbwüchsige Sohn, ein Walzerpaar hüpfen wie wild herum. Die verschütteten Kräfte einer aufs Gemahlinnen-Dasein beschränkten Frau brechen aus und das Potential dieses Schlüsselstücks zur veritablen Oper wird spürbar. In der Tat ist es erst die triebhafte Szenerie, dann aber die Musik, die Christina als Figur aufwertet und mit der tiefen Melancholie einer Marschallin ausstattet. Der grosse Stil – hier passte er.
Krise – Komödie. Nicht alles ist hier ernst zu nehmen. Den quirligen Witz von „Intermezzo“ hat man gut herausgekitzelt. Amüsant die Skatrunde, wo die Spieler aus ihren Anzügen unermessliche Kartenvorräte hervorzaubern. Lustig das zu frühe Ende, wo sich die Sänger zur Musik des letzten Zwischenspiels verbeugen. Dem eigentlichen Schluss, Christinas braver Rückkehr ins Ehe-Nest, ist man mit Ironie beigekommen: Kapellmeister Storch setzt seiner Frau eine Partitur vor die Nase. Die gilt es zu befolgen, und sei’s nur für die Kunst. Christina, die herbeikomponierte Idealgattin. Mit diesem Kniff hat Loy den Privatmann Strauss ein Stückchen weiter über dessen Intention hinaus auf die Bühne geholt.
Benjamin Herzog

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