Il Viaggio a Reims

Opernkritik: Il Viaggio a Reims

Das Europaparlament im Sanatorium

Nahuel di Pierro, Rosa Feola, Marc Bodnar, Raphael Clamer Foto: Monika Rittershaus

Christoph Marthaler inszeniert Rossinis „Il Viaggio a Reims“ in Zürich als groteske Farce auf das europäische Polittheater namens EU
Von Robert Jungwirth
(Zürich, 6. Dezember 2015) Europas Eliten aus Politik und Gesellschaft sind ein Club grotesker geltungsüchtiger Damen und vor allem Herren in grässlichen Kostümen und noch grässlicheren Anzügen, unmöglichen Frisuren und schlecht sitzenden Toupets. So jedenfalls stellen sie sich in Christoph Marthalers Inszenierung von „Il Viaggio a Reims“ an der Züricher Oper dar. Doch das ist weiter nicht schlimm, denn auch Rossini hat selbiges Personal annähernd 200 Jahre zuvor bereits ähnlich vernichtend gezeichnet. Sein Dramma giocoso von 1825 ist eine umwerfende Parodie auf den damals tonangebenden europäischen Adel in all seiner aufgeblasenen und sinnleeren Geckenhaftigkeit. Und dieses Stück schrieb Rossini zur Krönung Karls des X. von Frankreich – ein Heidenspaß und eine veritable Unverschämtheit gleichermaßen. Doch Rossini verzieh man alles – Marthaler nicht ganz, wie die Buhs am Ende der Vorstellung bezeugten, die den Jubel über diese wunderbar bizarre Inszenierung ein klein wenig eintrübten. Nestbeschmutzer werden in der Schweiz halt nicht sehr goutiert, das zeigt sich immer wieder. Wenn Marthaler zu seinem Wahnsinnskabinett auch noch schlecht gemalte Öl-Bilder von in Verruf geratenen Schweizer Berühmtheiten wie Joseph Blatter und Josef Ackermann auf die Bühne stellt, ist natürlich klar, dass es sich dabei nicht um einen Akt der Ehrerbietung handelt.
Das Personal von Rossinis Oper sind bei Marthaler Europaabgeordnete und deren Subalterne. Allesamt tummeln sie sich der Vorlage gemäß in einer Art Kurhotel oder Sanatorium, das Anna Viebrock mit dem ihr eigenen Sinn für liebevolle Detailarbeit als multifunktionale holzvertäfelte Halle mit Wassertretbecken und Konferenztisch zeigt. Einer der Kurgäste mit bedenklichem Geisteszustand schleppt sich unter Krampfzuckungen zum Wassertreten, ein anderer in haarsträubendem Provinzpolitikeroutfit probt gerade seine Rede, die natürlich eine Arie ist, dieweil sein Coach im Hintergrund stumm mitspricht und mitgestikuliert – grandios gespielt von Marc Bodnar, eine jener umwerfenden Marthaler-Komiker, die schon jetzt in die Theatergeschichte eingegangen sein dürften.
Rossinis Oper ist absurdes Theater, lange bevor dieses erfunden wurde. Denn im Grunde geht es in dieser Oper um nichts, bzw. darum, dass nichts passiert. Dass nämlich nicht zur Königskrönung nach Reims gefahren werden kann, wie ursprünglich beabsichtigt, weil es keine Pferde gibt. Nebenbei verlieben oder entlieben sich noch ein paar Paare, aber das fällt nicht weiter ins Gewicht. Verblüffenderweise hat Rossini dieses Nichts in grandioseste Musik gekleidet und fordert dafür einem dreizehnköpfigen Gesangsensemble keine geringe stimmliche Akrobatik ab. Dabei parodiert Rossini mitunter auch die Gattung Oper an sich, wenn ein nichtiger Anlass zu einem Koloraturenfeuerwerk führt.
Anna Goryachova, Rosa Feola, Julie Fuchs, Serena Farnocchia, Javier Camarena oder Scott Conner – sie alle bilden ein wunderbares Ensemble, das nicht nur musikalisch beeindruckt, sondern auch Marthalers aberwitziges Typenkabarett grandios umsetzt. Dabei gleicht Scott Conner verdächtig John Cleese von Monty Python und spielt auch so. Eigentlich fehlt in dieser Parade der Politiker- und Honoratioren-Absonderlichkeiten nur noch Monty Pythons „Minister of silly walks“… Dafür hat Marthaler für die Ballmusik im Schlussteil der Oper ein Staubsauger-Ballett choregraphiert: Zu drei Staubsaugerrobotern gesellen sich nach und nach drei veitstanzende Paare, bis sich alle ineinander verknotet haben – der bizarre szenische Höhepunkt der ganzen Oper und eine wunderbare Reminiszenz an den tanzenden Kongress…Natürlich zieht Marthaler Parallelen zwischen dem Zustand des Wartens in der Oper und der Lähmung in der EU. Dafür ergehen sich die Parlamentarier dann gerne in stereotypen Selbstbehauptungs- und Selbstbelobigungsgesten. So auch bei Rossini, der zum Schluss verschiedene europäische Nationalitäten hochleben lässt.
Daniele Rustioni am Pult hält seine Musiker eher zurück, begleitet kammermusikalisch genau und feingliedrig, was bei dieser Oper mit den vielen Partien durchaus eine Leistung ist. Ab der Spielzeit 2017/18 wird der noch junge italienische Dirigent Chefdirigent an der Oper Lyon.
Rossinis absurdeste aller seiner Opern in Marthalers und Viebrocks grandios-grotesker Umsetzung, das ist absurdes Theater hoch zwei – und das an einem Ort, an dem im kommenden Jahr die Erfindung des Dadaismus vor 100 Jahren gefeiert wird. Ein passenderes Stück und einen passenderen Regisseur hätte die Züricher Oper als Auftaktveranstaltung des Dada-Jahres nicht auswählen können.
Weitere Vorstellungen: 11, 13, 16, 18, 23, 27 Dezember sowie 1,3,5,7,9 Januar.
“ target=“_blank“>www.zuerich.com/weihnachtsmaerkte
Am 31.12. gibt es in Zürich die größte Sylvesterpartie der Schweiz rund ums Seebecken “ target=“_blank“>www.dada100zuerich2016.ch
Infos zur Stadt unter: “ target=“_blank“>www.hotel-adler.ch

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.