Il Turco in Italia

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Am Ende landet man doch vor dem Fernseher

Flotter Vierer: Simone Alaimo (Selim), Alexandrina Pendatchanska (Fiorilla), David Alegret (Narciso), Carlos Chausson (Geronio) Foto: Wilfried Hösl

Christof Loy inszeniert Gioachino Rossinis „Il Turco in Italia“ an der Bayerischen Staatsoper
(München, 21. Juli 2007) Politisch inkorrekter kann eine Oper nicht beginnen: Da singt ein Chor von Zigeunern: „Unsere Heimat ist die Welt und dort, wo Wohlstand ist. Von der Leichtgläubigkeit der Menschen leben wir, und wir leben gut.“ Regisseur Christof Loy lässt den Chor aus einem winzigen uralten Wohnwagen herauskriechen. Immer noch einer schält sich aus der Tür, bepackt mit Campingstühlen und -Tischen, um vor dem Wohnwagen sogleich ein Riesenpicknick zu veranstalten. Auch Türken kommen nicht gut weg in dem Stück. Man erfährt, dass sie ihre Frauen verkaufen, wenn sie sie nicht mehr wollen. Und die Italiener? Nun, die sind haben sowieso Schlagseite. Sie schmachten ihre Geliebten mit Treueschwüren an und haben dabei schon die nächste Affäre im Blick.
Christof Loy, der die Oper nach seiner Hamburger Inszenierung für München neu erarbeitetet hat, hat gar nicht erst versucht, den schrägen Witz von Rossinis “Il Turco in Italia” gerade zu biegen. Seit den Polenwitzen von Harald Schmidt haben die Deutschen in Sachen Humor ja glücklicherweise dazu gelernt. Loy läßt den türkischen Fürsten Selim (ansprechend: Simone Alaimo) auf einem fliegenden Teppich in Neapel landen, wo er sich sofort in die erste Frau, die ihm begegnet, verliebt. Fiorilla ist zwar mit Ehemann und Geliebtem ganz gut ausgelastet, aber neuen Abenteuern nie abgeneigt: „Es ist keine größere Torheit als nur einen Mann zu lieben. Langeweile, nicht Vergnügen füllt dann die Tage“, singt sie voller Selbstbewußtsein. Dass Fiorillas Hingabe vor allem Männern mit gut gefüllten Brieftaschen gilt, ist eine weitere nette Bosheit des Librettos von Felice Romani. Als Fiorillas Gatte Geronio genug von ihr hat und sie aus dem Haus wirft, schluchzt sie voller Verzweiflung die Schrankwand mit den Schuhen an.
Nicht nur der böse Witz, sondern auch durch die Figur des Theaterdichters Prosdocimo, der die Personen der Oper als Vorlage für ein Theaterstück benutzt und teilweise sogar arrangiert, lassen Romanis Libretto reichlich unkonventionell und noch immer modern erscheinen. Schein und Sein, ohnehin die wesentlichen Parameter der Komödie, werden hier zusätzlich gebrochen. Beim Happy End nimmt sich der Librettist dann auch noch selbst auf die Schippe. Fiorilla: „Ich bin die Rebe, die auf dem Felde verdorrt, der man den Halt versagte.“ Geronio: „Ich bin die Ulme, der man die Rebe nahm, nackt blieb ich zurück..“ Und Prosdocimo, der die Szene beobachtet schreibt eifrig mit: „Oh, welch schönes Bild!“

Manchmal reichen Worte nicht aus: Carlos Chausson (Geronio), Simone Alaimo (Selim) Foto: Wilfried Hösl

Auch Rossinis Musik ist voller augenzwinkernder Doppeldeutigkeiten, wechselt ununterbrochen zwischen echtem Gefühl und Ironie hin und her. Zum Beispiel, wenn Fiorella ihren ältlichen Ehemann Geronio an der Nase herumführt, ihn mit Drohungen und Liebesbekenntnissen gefügig macht.
Schade, dass Maurizio Barbacini am Pult des Bayerischen Staatsorchesters den funkelnden Witz der Partitur nur wenig hörbar macht. Bei ihm klingt die Musik trotz orchestralen Wohllauts harmlos, manchmal sogar stumpf. Alexandrina Pendatchanska als Fiorella spielt dennoch alle Facetten ihrer wunderbar volltönenden Stimme aus, vom verführerischen Gurren bis zum hysterischen Staccato in der Höhe. Die Koloraturen sind bei ihr Teil des Rollenporträts, keine gesangliche Selbstdarstellung. Carlos Chausson als Geronio – ein „schwacher und ängstlicher Mann“ wie es im Libretto heisst – ist ihr mit seinem angenehm sonoren Baß zumindest musikalisch ein gleichwertiger Partner. Darstellerisch versteht er es wunderbar Rossinis Witz umzusetzen. Vermutlich hatte Loy, der gerade die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele inszeniert, etwas zu wenig Zeit, sich über diese beiden Figuren hinaus intensiver mit dem Personal der Oper zu befassen – zumindest scheint es so, wenn man andere Arbeiten von ihm kennt. Vieles erscheint wie angedeutet, noch ohne pointierte Ausgestaltung. Unter Niveau ist das kleinkunstbühnenmäßige Chargieren von Roberto De Candia als Prosdocimo. Lustig sein wollen, ist das Gegenteil von lustig sein.
Auch die Bühne von Herbert Murauer wirkt trotz hübscher Einfälle etwas unbelebt mit ihren riesigen rostbraunen Rückwänden, ein Raum, dessen Hintersinn sich einem nicht wirklich erschliesst. Am gelungensten ist wohl noch das Schlußbild, wenn nach erfolgtem Happy End das italienische Paar auf einem häßlichen Sofa, das türkische Paar auf einem mit Kissen bedeckten Teppich vor dem Fernseher lümmelt und ehelich gelangweilt den Finalgesang anstimmt: „Seid glücklich: Lebt in Freuden und lernet daraus, dass ein Kummer vergeht, wenn aus diesem noch schöner die Liebe ersteht.“
Robert Jungwirth

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